Sollen wir über Breivik schweigen?

28. Juli 2011, 15:22 Uhr

Er hat einen Massenmord begangen, damit wir sein "Manifest" lesen. Hat uns Breivik besiegt? Sind wir seine Agenten, sollten wir ihn mit Schweigen bestrafen? Von Sophie Albers und Lutz Kinkel

Der Massenmord als Medienkampagne

Alles läuft nach Plan. Die Medien füllen Seite um Seite, Sendung um Sendung mit Analysen, Spekulationen und Erklärungen, welches Gedankengebäude dem jungen Mann Heimat ist, der erst acht Menschen in die Luft sprengt, um dann 68 mit Schüssen hinzurichten. Im Netz führt der Name des Attentäters von Oslo nun gleich zu mehreren Wiki-Einträgen in allen denkbaren Sprachen, zu allen möglichen Themen. Seine tödliche Ideologie fliegt in Form eines 1500 Seiten starken Manifests so einfach zugänglich durchs Netz wie ein Bild der zugedrogten Amy Winehouse.

Genauso hat er sich das vorgestellt.

Wohl deshalb hat er als Bonus für seine Zusammenarbeit nach dem Morden um einen Computer gebeten, um prüfen zu können, wie gut seine mediale Vorbereitung denn ankommt. Das Konvolut - zwecks internationaler Wirkung auf Englisch verfasst - ging wenige Stunden vor den Attentaten an Pressevertreter sowie an - seiner Meinung nach - politisch Gleichgesinnte. Bilder waren auch dabei, die ihn - mit Hilfe von Photoshop - mal als Spießer, mal als Kämpfer zeigen. Facebook und Twitter hat er wenige Tage vorher bestückt. Würde er Zugang zu einem Computer bekommen, was hoffentlich niemals passieren wird, würde der Massenmörder sehen, dass die Welt frisst, was er ihr vorgesetzt hat. Gemäß seinem Anspruch, dass die Verbreitung seiner Gedanken wichtiger ist, als die Tat, die nun dazu führt.

Warum schweigen wir also nicht? Warum belegen wir diesen Menschen nicht mit dem alten Fluch, dass sein Name und Gedenken für immer ausgelöscht sei? Warum helfen wir ihm bei der Ausführung seines Plans?

Das ist Polizeiarbeit

Um zu verstehen, wie so einer tickt, heißt eines der Argumente, das doch reichlich naiv wirkt angesichts des letztlich Unverstehbaren. Es stellt sich die Frage, was genau verstanden werden soll und zu welch anderem Zweck als dem Schrecken vor der menschlichen Grausamkeit. Dieses Manifest ist eine Rechtfertigung für etwas, das nicht zu rechtfertigen ist: das eigene Leben über das Leben anderer zu stellen. Es auszuwerten, sollte Polizeiarbeit sein, um mögliche Mittäter oder Verbindungen aufzuspüren. Und sollte es solch ein Netzwerk geben, muss an die Politik verwiesen werden, damit sie eingreifen kann.

Das wahre Argument ist Ohnmacht: Die Verbreitung des vom Attentäter selbst gewählten Bildes und seiner Beschreibung ist im Online-Zeitalter nicht zu verhindern. Wer möchte, findet es.

Das aber darf für uns keine Ausrede sein, dem Täter die Macht zu geben, die er sich mit Morden zu erkaufen sucht.

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