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Demonstranten sollen auf Polizisten geschossen haben

Die Situation in der US-Kleinstadt Ferguson spitzt sich zu: Zwei Menschen sollen durch Schüsse verletzt worden sein. Die Polizei nahm derweil einen dritten deutschen Journalisten vorübergehend fest.

  Immer wieder kommt es bei den Protesten nach dem Tod des erschossenen Teenagers Michael Brown zur Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstranten

Immer wieder kommt es bei den Protesten nach dem Tod des erschossenen Teenagers Michael Brown zur Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstranten

Bei den neuerlichen Ausschreitungen in der US-Stadt Ferguson sind zwei Menschen durch Schüsse verletzt worden. Laut Polizei wurden die Schüsse aus Reihen der Demonstranten abgefeuert. Rund 31 Menschen wurden demnach inzwischen bei den Unruhen festgenommen. Einige der etwa 200 Demonstranten stammten aus weit entfernten Regionen wie New York oder Kalifornien. Vier Polizisten seien durch Wurfgeschosse verletzt worden, über den Zustand der beiden Angeschossenen gibt es noch keine Angaben.

Die Polizei sei in der Nacht unter "heftigen Beschuss" geraten, teilte der zuständige Offizier mit. Die Beamten hätten demnach bei den Zusammenstößen selbst Tränengas, aber keine Schusswaffen eingesetzt. Sie feuerten Blendgranaten ab, um die Demonstranten auseinanderzutreiben. Zugleich trafen erste Einsatzkräfte der Nationalgarde ein.

ARD-Korrespondent Ingo Zamperoni hielt sich vor Ort auf. Auf Twitter postetete er ein Bild der vorrückenden Polizei.

Drei deutsche Journalisten festgenommen

Wie die "Bild"-Zeitung auf ihrem Twitter-Account meldete, wurde zwischenzeitlich einer ihrer Reporter von der Polizei festgenommen. Der 26-jährige Lukas Hermsmeier sei in der Nacht verhaftet und in die Stadt Clayton ins St. Louis County Jail gebracht worden. Am frühen Nachmittag gab das Blatt dann Entwarnung: Hermsmeier sei freigelassen worden.

Schon zuvor waren zwei deutsche Journalisten während ihrer Berichterstattung über die anhaltenden Proteste in Gewahrsam genommen worden. Laut einem Bericht der Tageszeitung "Die Welt" waren Ansgar Graw und Frank Herrmann am Montag in Handschellen abgeführt und ins Gefängnis gebracht worden. Drei Stunden später wurden sie freigelassen. Graw schreibt für die "Welt"-Gruppe, Herrmann für eine Reihe von Regionalzeitungen.

Hintergrund der Festnahme soll laut dem "Welt"-Bericht eine Aufforderung der Polizei gewesen sein, auf einer fast menschenleeren Straße nicht stehen zu bleiben. Beide Reporter versichern, der Aufforderung gefolgt zu sein. Die Vorwürfe seien "völlig absurd", hätten Journalisten einschüchtern und von ihrer Arbeit abhalten sollen, sagte Hermann. Die Polizei habe die Berichterstattung verhindern wollen, sagte Graw, und sprach von einer "eklatanten Verletzung der Pressefreiheit". Die Polizei in Ferguson war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Das Vorgehen der Polizei gegen Journalisten war in den vergangenen Tagen kritisiert worden. Zwei Reporter waren etwa in einem Fast-Food-Restaurant festgenommen worden, darunter ein Journalist der "Washington Post". Ein Kamera-Team soll von der Arbeit abgehalten worden sein. Seit den tödlichen Schüssen auf einen schwarzen Teenager kam es in Ferguson immer wieder zu Protesten und Unruhen.

In der Nacht zum Dienstag war es zu neuen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Nachdem einige Protestierende mit Glas- und Plastikflaschen warfen und versuchten, eine Straße zu blockieren, setzte die Polizei nach Angaben des US-Senders CNN Tränengas ein. Augenzeugen berichteten auch von Schüssen. Angeblich sollen Demonstranten auch wieder Molotowcocktails eingesetzt haben. Die Lage in der Stadt unweit der Metropole St Louis war zuvor als ruhig, aber sehr angespannt beschrieben worden.

Obama entsendet Justizminister nach Ferguson

Unterdessen hat US-Präsident Barack Obama die Demonstranten wie auch die Polizei zur Zurückhaltung aufgerufen. In der Kleinstadt im Bundesstaat Missouri hatte ein weißer Polizist unter noch ungeklärten Umständen den schwarzen Jugendlichen Michael Brown erschossen. Er verstehe die Wut der Menschen, sagte Obama. Ihr jedoch "durch Plünderungen, dem Tragen von Schusswaffen oder gar Angriffe auf die Polizei" nachzugeben, erhöhe nur die Spannungen und führe zu Chaos. Umgekehrt gebe es keine Entschuldigung für ein unnötig hartes Vorgehen der Sicherheitskräfte. Obama entsandte Justizminister Eric Holder, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen.

Obamas direkter Einfluss auf den Fall ist begrenzt. Die amerikanische Polizei ist kommunal organisiert, die Landespolizei von Missouri - die den Namen "Highway Patrol" trägt - untersteht dem Gouverneur Jay Nixon. Dieser hat wegen der anhaltenden Unruhen inzwischen auch die Nationalgarde des Bundesstaates in Stellung gebracht. Diese Soldaten werden im Kriegsfall zwar vom Präsidenten befehligt, im Inland befolgen sie jedoch laut Verfassung den Anweisungen ihres jeweiligen Gouverneurs. An den Ermittlungen in Ferguson sind nach Angaben von Holder mehr als 40 Beamte der Bundespolizei FBI beteiligt.

Debatte über paramilitärische Polizeibewaffnung

Die Bevölkerung der 21.000-Seelen-Stadt ist überwiegend schwarz. Die Wut der Demonstranten entzündet sich auch daran, dass der mutmaßliche Todesschütze nicht festgenommen wurde, sondern vom Dienst suspendiert ist. Er hält sich an einem unbekannten Ort auf. Der Staatsanwaltschaft des Landkreises St. Louis zufolge könnten die Geschworenen einer Anklagejury in dieser Woche über die Eröffnung eines Verfahrens gegen ihn entscheiden.

Landesweit haben die Krawalle zudem eine Debatte angestoßen, ob die amerikanische Polizei inzwischen zu sehr paramilitärische Züge angenommen hat. Im Kongress wird ein Gesetz diskutiert, das die kostenlose Weitergabe von Kriegsgerät wie gepanzerte Fahrzeuge aus dem Irak oder aus Afghanistan an die Polizei stoppen würde. Eine Gruppe von Demokraten im Repräsentantenhaus erklärte angesichts der Vorgänge in Ferguson vor einigen Tagen, dass die "örtlichen Strafverfolgungsbehörden außer Kontrolle" seien. Der Vorsitzende des Justizausschusses im Senat, der Demokrat Patrick Leahy, warnte am Freitag, man könne "die Risse in einer Gemeinde nicht mit den Werkzeugen des Krieges kitten". Der Kongress nimmt nach seiner Sommerpause die Arbeit wieder im September auf.

kng/DPA/Reuters/DPA/Reuters
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