Über keine Schulform wird so viel diskutiert wie über die Hauptschule. Ein Hort der Gewalt oder letzte Chance für die, die sonst keine mehr haben? Ein Lehrer aus Nordrhein-Westfalen hat sieben Monate lang den Alltag an seiner Schule protokolliert. Entstanden ist ein Dokument, das auf verstörende Weise die Hilflosigkeit von Schülern und Lehrern zeigt - aber auch überraschende Lichtblicke.

Sobald der Lehrer fehlt, bricht Chaos aus. Eimer und Taschen fliegen gegen die Tafel, am Boden Scherben und Kreidestücke. Wer bei der Sauerei nicht mitmacht, versucht, sich wegzuducken© Julian Röder
Eine Kollegin hat den Vertretungsunterricht in der 8a verpennt. In der Klasse Chaos. Schüler werfen Schultaschen mit Getränken an die Tafel, Flaschen zerbersten; andere zerstampfen Kreide. Jemand rotzt in die Tasche eines Mitschülers; andere verstecken sich unter den Tischen oder toben. Niemand holt einen Lehrer.
In Berichten über diese Stunde
schreiben die 15-und 16-jährigen
Mädchen und Jungen später:
• Acun* ist rausgegangen, und
Christian hat dann Acuns Tasche
genommen und damit auf die Tafel
geschlagen und dabei gespuckt,
die Mädchen haben sich
geekelt. Der Acar war am Fegen,
und dabei sah er Acuns Schnellhefter.
Da der Christian da reingespuckt
hatte, hat Acar auch reingespuckt.
Wir Mädchen meinten,
Acun tut uns leid. Aber Oya und
ich haben uns unterm Tisch versteckt.
Dann hat es gedongt, und
wir sind in die Pause gegangen.
(Melania)
• Es fing mit Kreidewerfen an, und später wusste ich nur noch, dass Mülltonnen, Tornister und Federmappen durch die Luft geflogen sind. Wer genau das getan hat, weiß ich nicht, denn ich bin raus, um mich zu schützen. Ich empfand nichts außer Wut, weil ich wusste, dass wir später alle Ärger bekommen würden. (Dennis)
• Ich war traurig, weil mir der Acun leid getan hat und ich scheiße fand, was sie hier in der Klasse abgezogen haben. Ich habe auch gesagt, hört auf, aber keiner hat auf mich gehört. Ich saß unterm Tisch und habe mich nicht getraut, rauszugehen. (Anja)
Ein Schüler hat sein großes Geschäft vor dem Physikraum verrichtet. Gerüchten zufolge wollte er damit gegen die vorübergehende Schließung der demolierten Toiletten protestieren.
Berufsinformationstag im Arbeitsamt mit meiner 8a. Eine Schülerin zeigt auf ihrem Handy ein Video. Dort sehe ich, wie die Mutter einer ehemaligen Schülerin strippt. Das Mädchen hatte wegen Gewalt, Drogen und Belei digungen die Schule verlassen müssen. Am Nachmittag rufen die Leute vom Arbeitsamt an. Meine Schüler hätten die Klos ruiniert.
Nach stundenlangen Befragungen stellen sich die Täter vom Arbeitsamt, Christian und Acar. Ihnen war "langweilig" gewesen. Zusätzlich zu den Toiletten haben sie eine Tür beschmiert. Auf eine Anzeige wird verzichtet, weil die beiden den Schaden reparieren.
Am Mittagstisch treffe ich Lea aus der 5c. Sie hat den linken Arm verbunden, der "Musikknochen" ist gebrochen. Arne habe sie "aus Spaß" am Arm gezogen.
Versöhnlicher Abschluss der Katastrophenwoche: Bei einem Medienprojekt produzieren die Schüler ein Radiostück zum Thema "Zukunft", bei dem sie Texte sprechen, moderieren und eine Livediskussion führen. Beeindruckend, welches Potenzial in einigen steckt!
Bacim aus der 9b bricht zusammen. Der Konrektor findet keinen Puls. Es stellt sich heraus, dass das muslimische Mädchen unterzuckert ist. Es ist Ramadan.
Ein Herr aus der Diakonie ist zu Besuch, er betreut den elfjährigen Benedikt aus der 5c, einen schmächtigen Jungen, der zu Aggressionen neigt. Die Mutter hat einen neuen Lebensgefährten, "wolle" Benedikt "nicht mehr".
Beryl fragt bei der Aufgabe "Bewerbungsschreiben", was sie unter "Vater" eintragen solle. Sie kenne ihren Vater nicht, wüsste nur, dass er "irgendwo in Berlin" wohne. Weder zu ihrem Geburtstag noch an Weihnachten besuche er sie; geschweige, dass sie Geschenke bekomme. Der neue Mann ihrer Mutter wolle sie vielleicht adoptieren, aber ihr leiblicher Vater wehre sich, er wolle auch "etwas von seiner Tochter haben". Beryl war zuvor zwei Jahre auf dem Gymnasium und zwei auf der Realschule.
Der Direktor erzählt von Carsten aus der 8c. Der hat "Mist" gebaut - Lehrer beleidigt, Unterricht gestört, Mitarbeit verweigert - und muss sich nun vor dem Gremium aus Lehrern, Eltern und einem Schülervertreter verantworten. Als "Lösungsvorschlag" für Carstens Aggressionen hatte seine Mutter angeboten: "Ich schaff ihn mir vom Hals."
Kollegin Heidi Baumann, seit 20 Jahren im Job, klagt über die "Horrorklassen" 7a und 7d, in denen sie Englisch "unterrichte". Zwei Schüler seien mit dem Messer aufeinander losgegangen, zwei andere haben sich in der Klasse gewürgt. Im Treppenhaus, auf dem Schulhof, in den Klassen, überall tretende, schlagende Kinder. Manchmal hat man das Gefühl, von tollwütigen Hunden umgeben zu sein.
*Die Namen der Beteiligten hat die Redaktion geändert. Die Szenen auf den Fotos wurden den Schilderungen des Lehrers getreu nachgestellt.
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Stern
Ausgabe 23/2009