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5. Juni 2009, 11:54 Uhr

Kampfplatz Hauptschule

Über keine Schulform wird so viel diskutiert wie über die Hauptschule. Ein Hort der Gewalt oder letzte Chance für die, die sonst keine mehr haben? Ein Lehrer aus Nordrhein-Westfalen hat sieben Monate lang den Alltag an seiner Schule protokolliert. Entstanden ist ein Dokument, das auf verstörende Weise die Hilflosigkeit von Schülern und Lehrern zeigt - aber auch überraschende Lichtblicke.

Hauptschule, Schlägerei, Lehrer, Schüler

Sobald der Lehrer fehlt, bricht Chaos aus. Eimer und Taschen fliegen gegen die Tafel, am Boden Scherben und Kreidestücke. Wer bei der Sauerei nicht mitmacht, versucht, sich wegzuducken© Julian Röder

3. September 08

Eine Kollegin hat den Vertretungsunterricht in der 8a verpennt. In der Klasse Chaos. Schüler werfen Schultaschen mit Getränken an die Tafel, Flaschen zerbersten; andere zerstampfen Kreide. Jemand rotzt in die Tasche eines Mitschülers; andere verstecken sich unter den Tischen oder toben. Niemand holt einen Lehrer.

In Berichten über diese Stunde schreiben die 15-und 16-jährigen Mädchen und Jungen später:
• Acun* ist rausgegangen, und Christian hat dann Acuns Tasche genommen und damit auf die Tafel geschlagen und dabei gespuckt, die Mädchen haben sich geekelt. Der Acar war am Fegen, und dabei sah er Acuns Schnellhefter. Da der Christian da reingespuckt hatte, hat Acar auch reingespuckt. Wir Mädchen meinten, Acun tut uns leid. Aber Oya und ich haben uns unterm Tisch versteckt. Dann hat es gedongt, und wir sind in die Pause gegangen. (Melania)

• Es fing mit Kreidewerfen an, und später wusste ich nur noch, dass Mülltonnen, Tornister und Federmappen durch die Luft geflogen sind. Wer genau das getan hat, weiß ich nicht, denn ich bin raus, um mich zu schützen. Ich empfand nichts außer Wut, weil ich wusste, dass wir später alle Ärger bekommen würden. (Dennis)

• Ich war traurig, weil mir der Acun leid getan hat und ich scheiße fand, was sie hier in der Klasse abgezogen haben. Ich habe auch gesagt, hört auf, aber keiner hat auf mich gehört. Ich saß unterm Tisch und habe mich nicht getraut, rauszugehen. (Anja)

8. September 08

Ein Schüler hat sein großes Geschäft vor dem Physikraum verrichtet. Gerüchten zufolge wollte er damit gegen die vorübergehende Schließung der demolierten Toiletten protestieren.

9. September 08

Berufsinformationstag im Arbeitsamt mit meiner 8a. Eine Schülerin zeigt auf ihrem Handy ein Video. Dort sehe ich, wie die Mutter einer ehemaligen Schülerin strippt. Das Mädchen hatte wegen Gewalt, Drogen und Belei digungen die Schule verlassen müssen. Am Nachmittag rufen die Leute vom Arbeitsamt an. Meine Schüler hätten die Klos ruiniert.

10. September 08

Nach stundenlangen Befragungen stellen sich die Täter vom Arbeitsamt, Christian und Acar. Ihnen war "langweilig" gewesen. Zusätzlich zu den Toiletten haben sie eine Tür beschmiert. Auf eine Anzeige wird verzichtet, weil die beiden den Schaden reparieren.

12. September 08

Am Mittagstisch treffe ich Lea aus der 5c. Sie hat den linken Arm verbunden, der "Musikknochen" ist gebrochen. Arne habe sie "aus Spaß" am Arm gezogen.

12. September 08

Versöhnlicher Abschluss der Katastrophenwoche: Bei einem Medienprojekt produzieren die Schüler ein Radiostück zum Thema "Zukunft", bei dem sie Texte sprechen, moderieren und eine Livediskussion führen. Beeindruckend, welches Potenzial in einigen steckt!

15. September 08

Bacim aus der 9b bricht zusammen. Der Konrektor findet keinen Puls. Es stellt sich heraus, dass das muslimische Mädchen unterzuckert ist. Es ist Ramadan.

16. September 08

Ein Herr aus der Diakonie ist zu Besuch, er betreut den elfjährigen Benedikt aus der 5c, einen schmächtigen Jungen, der zu Aggressionen neigt. Die Mutter hat einen neuen Lebensgefährten, "wolle" Benedikt "nicht mehr".

17. September 08

Beryl fragt bei der Aufgabe "Bewerbungsschreiben", was sie unter "Vater" eintragen solle. Sie kenne ihren Vater nicht, wüsste nur, dass er "irgendwo in Berlin" wohne. Weder zu ihrem Geburtstag noch an Weihnachten besuche er sie; geschweige, dass sie Geschenke bekomme. Der neue Mann ihrer Mutter wolle sie vielleicht adoptieren, aber ihr leiblicher Vater wehre sich, er wolle auch "etwas von seiner Tochter haben". Beryl war zuvor zwei Jahre auf dem Gymnasium und zwei auf der Realschule.

18. September 08

Der Direktor erzählt von Carsten aus der 8c. Der hat "Mist" gebaut - Lehrer beleidigt, Unterricht gestört, Mitarbeit verweigert - und muss sich nun vor dem Gremium aus Lehrern, Eltern und einem Schülervertreter verantworten. Als "Lösungsvorschlag" für Carstens Aggressionen hatte seine Mutter angeboten: "Ich schaff ihn mir vom Hals."

22. September 08

Kollegin Heidi Baumann, seit 20 Jahren im Job, klagt über die "Horrorklassen" 7a und 7d, in denen sie Englisch "unterrichte". Zwei Schüler seien mit dem Messer aufeinander losgegangen, zwei andere haben sich in der Klasse gewürgt. Im Treppenhaus, auf dem Schulhof, in den Klassen, überall tretende, schlagende Kinder. Manchmal hat man das Gefühl, von tollwütigen Hunden umgeben zu sein.

*Die Namen der Beteiligten hat die Redaktion geändert. Die Szenen auf den Fotos wurden den Schilderungen des Lehrers getreu nachgestellt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2009

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KOMMENTARE (10 von 46)
 
ullae (15.06.2009, 16:33 Uhr)
Lehrer
Ach ja: Eine Gesellschaft braucht sich nicht zu wundern, dass Kinder mit Lehrern und Pädagogen so umspringen, schließlich wird ja an jedem Eck ein Witz über diese "faulen Säcke" gemacht.
ullae (15.06.2009, 16:25 Uhr)
Hauptschule hat versagt
Mit der Zusammenlegung von Haupt- und Realschule legt man nun einen Kranken zu einem Gesunden ins Bett, in der Hoffnung, dass der Kranke gesund wird, sehr clever und versucht ganz nebenbei noch einen Fehler durch einen neuen zu egalisiseren! Anstatt die Hauptschulen zu stärken und auch dort Qualität und Leistung - was meiner Meinung nach über Jahre hinweg total versäumt wurde, nämlich durch Kuschelpädagogik und mangelndem Anspruch - abzuverlangen, macht man nun eine gut funktionierende Schulart kaputt! Schulschwänzer und solche, die sich nicht zu benehmen wissen, sollten viel stärker sozialisiert werden und wenn es sein muss durch drakonische Strafmaßnahmen!
ganzbaf (15.06.2009, 09:02 Uhr)
Das "finnische-DDR-System" ist natürlich klar besser

10 gemeinsame Jahre. Dann, je nach Abschlussnote, noch 2 Jahre Schulberechtigung hin zur zur Hochschulreife.
.
Nur dass man vielleicht wirklich spezielle "Interventionsklasen" einrichten sollte, in denen echte Problemschlüler gesondert trainiert und päd. betreut werden.
silberregen (15.06.2009, 08:02 Uhr)
@aeternitas
Ihr Beitrag lässt mich schmunzeln. Also wirklich, bei uns wurden diese von Ihnen genannten handwerklichen Berufe auch gelernt, nicht jeder ist Ingenieur geworden. Es geht um eine gute Allgemeinbildung. Und das ist bei einer Hauptschule und den Zuständen dort wie im Artikel geschildert nicht gegeben.
Bei uns hat jeder egal ob er Bäcker, Krankenpfleger, Lehrer oder Büromensch geworden ist das gleiche gelernt, also die Naturwiss., Techn. Zeichnen, Astronomie, Geschichte, Mathe, Fremdsprachen usw... auch Musik, Kunst usw.
Das ist Allgemeinbildung, nicht die Spassfächer von der Hauptschule. Auch in handwerklichen Berufen sollte schon aus Neugier eine grosse Allgemeinbildung vorhanden sein. Es muss ja nicht Latein sein, das brauchen wirklich nur einzelne Berufszweige.
Und noch zum nachdenken: nennt mir einen Politiker oder Manager, der seine Kinder an eine Hauptschule schickt!
Wenn die nämlich soooooooo zukunftsbildend ist wie Ihr glaubt, wären dort auch deren Kinder .
aeternitas (15.06.2009, 07:57 Uhr)
Die Hauptschüler
können auch ohne die studierten leben, wir aber nicht ohne die, da sollte man nicht vergessen. Oder welcher Abiturient meldet sich freiwillig zu einem der unten genannten Berufe? Ich kenne einige, die ins Handwerk oder in Pflegeberufe gegangen sind, aber das ist eine Minderheit!
Es wird vielleicht noch zu unseren Lebzeiten soweit kommen, dass wir keine Informatiker mehr brauchen, keine Mathematiker, keine Philosophen, keine Ingenieure sondern Leute, die wissen wie man Gemüse anbaut, Lebensmittel und Textilien herstellt, ein Haus baut und nicht nur, wie man seine Statik berechnet....
aeternitas (15.06.2009, 07:49 Uhr)
Ist die Hauptschule ausreichend?
"Wo haben Sie den Ihren Ehrgeiz gelassen etwas mehr aus Ihren Leben zu machen?"
Ähm nicht jeder möchte sein Leben lang einen Schreibtischjob haben! Es soll auch Leute geben, die einen der folgenden Berufe ergreifen wollen:
- Bäcker
- Metzger
- Zimmermann
- Dachdecker
- Maurer
- ALTENPFLEGER!
etc.
Würden uns diese Leute fehlen, wir würden ganz schön dumm aus der Wäsche schauen. Mehr als wenn viele studierten fehlen würden, die würde nämlich erstmal keiner vermissen. Sie sollten es mal so sehen: die einen haben eine Gabe, die sie nutzen wollen (geschickte Hände, keinerlei Berührungsängste mit Alten, die Liebe zum Bauen mit Holz, das Verlangen körperlich tätig zu sein) und die anderen haben entweder die Gabe nicht oder wollen schlicht nicht körperlich tätig sein, und damit die nicht ganz leer ausgeben, wurden Bürojobs für sie geschaffen... das Handwerk war da BEVOR es das Bürowerk gab. Oder die Unis. Und wenn es hart auf hart kommt, ist es wichtiger zu wissen, wie man ein Tier schlachtet und sein Fleisch verarbeitet ohne dass es verdirbt, als wenn man gewaltige mathematische Operationen versteht oder das Spätwerk von Seneca mit den Ansichten moderner Philosophen vergleichen kann.
silberregen (15.06.2009, 07:15 Uhr)
@Dorf_NKB
Ihre Ansichten finden nicht meine Zustimmung, das was ich an den Kölner Hauptschulen beobachten kann entspricht genau den Schilderungen des Autors.
Ich bedauere jeden Pädagogen, der es mit solchen Assis zu tun hat. An Ihren Äusserungen kann ich auch den Hauptschüler "rauslesen" und sind Sie stolz darauf Hauptschüler zu sein? Wo haben Sie den Ihren Ehrgeiz gelassen etwas mehr aus Ihren Leben zu machen?
Hauptschule das ist ausreichend?! Also ich kann jeden Personalleiter voll verstehen, wer Hauptschüler ablehnt.
Und ich muss Ihnen sagen - ja es war früher besser an den Schulen, ich spreche da von meiner Schulzeit 1959-69 - na wahrscheinlich zähle ich für Sie als alte Schachtel, naja juckt mich nicht wirklich ;-)
Aber glauben Sie mir, es war wirklich besser. Wir haben damals mehr gelernt als heutzutage selbst an Gymnasien geboten wird. Und solche Spassdinge Fach abwählen , und dafür ein Spassfach wählen, gabs bei uns nicht. Wir haben keine Spassfächer gehabt, bei uns zählte die Allgemeinbildung und die Naturwissensch. Fächer wurden von der 5.-10. bzw bis zum Abi ohne Pausen jedes Jahr gelehrt. Hier ist doch so ein Irrsinn mal gibts ein halbes Jahr Biologie , dann kommt ein halbes Jahr Chemie, dann mal ein bischen Physik, ...dann kann mans abwählen wenns kein Spass macht und dafür Kochlöffel schwingen lernen. Natürlich hat so eine Hauptschulbildung nur Spasswert.
Das kann man ja am Verhalten der Schüler genau beobachten.
Sie brauchen sich also nicht als Elite sehen.
Und noch was...
bei uns damals wurde wirklich nicht geprügelt, es waren Lehrer als Aufsicht immer da, auch in den Pausen, und die hätten eingegriffen.
Wir sind in den Pausen noch im Schulhof im grossen Kreis langsam spaziert, sowas wie heute wie enorm lauter Lärm und mobben und andere Kinder erpressen gabs nicht.
Also stellt Euch nicht als Elite hin.
Und aus uns ist jedenfalls etwas geworden. Ich habe nach Schule und Berufsausbildung in den 70igern sogar noch ein Fernstudium an einer Ingenierschule erfolgreich durchgezogen. Uns hat unsere Schulzeit etwas gebracht.
Bei den Schülern heute sehe ich es so...na bringen wir den tag mal vorbei in der Schule... Kumpels, Handy, Alk, usw zählen mehr, sind wichtiger als der Lehrer der da vorn steht. Das ist traurig.
Mich selbst würde noch interessieren, ob die heutigen Schüler überhaupt noch aufstehen wenn der Lehrer ins Klassenzimmer kommt ...ich glaube eher nicht. Die Kapuzen und Mützen lasst Ihr ja auch auf... da sieht man Eurern Respekt.
Null Respekt. Schämt Euch Ihr Hauptschüler.
Dorf_NKB (15.06.2009, 00:48 Uhr)
Realität???
Hallo erstmal
Ich frage mich beim lesen der Kommentare ob der Nationalsozialismus zurückkommt!
Was ich aus den Beiträgen herauslesen konnte ist ganz einfach.
1. Früher war alles besser!
(Da haben sich die Kiddis nicht auf dem Schuhhof geprügelt. Dafür haben aber einige Studenten Bombenanschläge verübt.)
2.Die 68 und die Politk ist schuld!
(Sorry Leute aber IHR habt die Leute gewählt)
3. Es sind die Ausländerkinder und Muslime!
(Is das nicht etwas zu einfach????)
Nun mal Tacheles:
Was ich bemerkenswert finde sind 3 Sachen in diesem Artikel.
1 Der Artikel fängt damit an das ein Vertretungslehrer nicht auftaucht. Also nicht nur das der eigentliche Lehrer wahrscheinlich krank ist sondern auch das es nicht geschafft wird einen anderen zu schicken.(Das sollte sich mal jemand in der Wirtschaft erlauben)
2. 1/4 der Lehrer ist krank. Ja ich weiß der ganze Stress 6 h zu unterrichten. Aber jetzt mal ehrlich wieso sollten die Kinder zum Unterricht erscheinen wenn es nur 3/4 der Kollegiums schaffen?
3. Ich habe in diesem Artikel so häufig von Körperverletzungen gelesen das ich es etwas unglaubwürdig fand. Schlimmer war aber für mich die Feststellung das (falls der Author das nicht weggelassen hat) in keinem dieser Fälle Anzeige erstattet wurde! Ich glaube nicht das alle Kinder unter 14 waren .
Ich hoffe das die Lehrer sich mal zusammenreißen und sich wenn nötig Hilfe von außen holen.
Wenn Muslimische Kinder immer wieder aufsässig sind sollte man mal mit den Eltern reden oder villeicht mal den Iman der Moschee fragen.
Es gibt so viele Möglichkeiten. Aber das immer nur auf die Kinder , nur auf den Staat oder nur auf die Lehrer zu schieben finde ich ziemlich assi.
Gruß
NKB
PS.: Ich bin auch ein Hauptschüler :-)
ekaaat (14.06.2009, 22:19 Uhr)
führerschein nur mit hauptschulabschluss
das motiviert
ganzbaf (14.06.2009, 20:57 Uhr)
Keine SCHULPFLICHT...

sondern Schule als Angebot.
Und wer sich weigert oder groben Unfug anstellt, dessen Eltern wird das Kindergeld gestrichen.
-
Nicht schlecht ;-?
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