HOME

Khmer-Anführer vor dem UN-Tribunal

Fast zwei Millionen Menschen kamen unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha ums Leben. Vier der ranghöchsten noch lebenden Regimemitglieder stehen nun vor Gericht. Die Anklagepunkte: Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Hunderte Menschen versammelten sich am Montagmorgen vor dem Gerichtsgebäude, um einen Blick auf die Angeklagten zu erhaschen. Vor dem Völkermord-Tribunal in Kambodscha hat der mit Spannung erwartete zweite Prozess gegen Verantwortliche des Rote-Khmer-Regimes begonnen. Auf der Anklagebank nahmen die vier ranghöchsten noch lebenden, inzwischen aber gebrechlichen Entscheidungsträger des Terror-Regimes Platz.

Neben dem Pol-Pot-Vize "Bruder Nr. 2" Nuon Chea und dem früheren Staatschef Khieu Samphan stehen Ex-Außenminister Ieng Sary sowie die ehemalige Sozialministerin Ieng Thirith vor Gericht. Die vier Angeklagten, zwischen 79 und 85 Jahre alt, müssen sich wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermords während der Herrschaft der maoistischen Roten Khmer in dem südostasiatischen Land verantworten.

Regime des Terrors

Das Schreckensregime der Roten Khmer dauerte von 1975 bis 1979. Sie überrannten das von den USA unterstützte und unbeliebte Regime von Lon Nol. Was folgte, wurde einer der schlimmsten Völkermorde in der Menschheitsgeschichte. Mehr als 1,8 Millionen Menschen kamen ums Leben - durch Folter, Hinrichtung, Zwangsarbeit und Hungersnöte.

Die roten Khmer unter Pol Pot wollten das jahrelang durch Bürgerkrieg und amerikanische Bomben geschundene Kambodscha 1975 zu einem kommunistischen Bauernstaat machen. Sie schafften das Geld ab und zwangen sämtliche Stadtbewohner zur Arbeit auf den Feldern. Das Regime wurde nach der Machtübernahme 1975 aber zunehmend paranoid und verdächtigten bald hunderttausende Menschen als Verräter.

Pol-Pot-Vize verlässt Gerichtssaal

Zum Prozess-Auftakt in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh verunglimpften die Anwälte der Angeklagten abwechselnd die Staatsanwaltschaft und die Untersuchungsrichter des von den UN unterstützten Gerichts. Der einzige, der sich selbst zu Wort meldete, war Nuon Chea. "Ich bin über das Verfahren nicht glücklich", sagte er.

Die Untersuchungsrichter hätten entlastendes Material gegen seinen Mandanten verworfen, sagte sein Anwalt Michiel Pestman aus den Niederlanden. "Versucht dieses Gericht, die Geschichte zu beerdigen? Unser Mandant hat nicht die Absicht, dieses Verfahren durch seine Anwesenheit zu beehren." Mit Hilfe von zwei Wachen schlurfte Nuon Chea daraufhin aus dem Gerichtssaal und wurde zurück in seine Zelle gebracht.

Der sogenannte "Bruder Nummer 2" ist heute 84 Jahre alt und behauptet, an den Gräueltaten nicht beteiligt gewesen zu sein. Kürzlich räumte er in einer Dokumentation jedoch ein, dass es Massaker gegeben habe, und verteidigte diese. Er war der direkte Stellvertreter von "Bruder Nummer 1" Pol Pot, der im Jahr 1998 unter ungeklärten Umständen starb. Nuon Chea gilt als Chefideologe der Roten Khmer und zentrale Figur in deren Tötungsmaschinerie. Im Jahr 1996 wurde er von Kambodschas Regierungschef Hun Sen begnadigt. Bis zu seiner neuerlichen Verhaftung im September 2007 lebte er anschließend auf freiem Fuß.

Die in den USA ausgebildete Anwältin Theary Seng (39), deren Eltern von den Roten Khmer ermordet wurden, kritisierte den Abgang Nuon Cheas. "Er steht unter Anklage und sollte nicht das Recht haben zu entscheiden, ob er sich am Prozess beteiligt oder nicht", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. "Das Gericht hat großen symbolischen Wert, Strafe muss mehr sein als Freiheitsentzug. Wir wollen, dass er die Schwere der Verbrechen begreift, indem er die Opfer von Angesicht zu Angesicht sieht."

"Komplexeste Verfahren seit Nürnberger Prozessen"

Für Kambodscha ist dies der wichtigste Prozess zur Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels seiner Geschichte. In einem ersten Verfahren hatte das Tribunal den Chef des berüchtigten Foltergefängnisses S21, Kaing Guek Eav alias Duch, im vergangenen Jahr zu 35 Jahren Haft verurteilt. 16 Jahre wurden ihm wegen der Untersuchungshaft und juristischer Mängel bei seiner Verhaftung erlassen. Verglichen mit den jetzigen Angeklagten war Duch in der Mordmaschine der Roten Khmer aber ein kleiner Fisch.

Staatsanwalt Andrew Cayley sprach von dem komplexesten Verfahren seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen gegen die Nazis. Die juristische Aufarbeitung der Rote-Khmer-Schreckensherrschaft, die die Vietnamesen durch ihren Einmarsch 1979 beendeten, scheiterte zunächst am Bürgerkrieg, dann, weil Kambodscha zum Spielball der Weltmächte wurde und schließlich am Widerstand der kambodschanischen Regierung.

liri/DPA/AFP/DPA

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren