Bei seinem ersten Auftritt im Kachelmann-Prozess hat der neue Verteidiger Johann Schwenn eindrücklich gezeigt, dass jetzt ein anderer Wind weht: Er griff das Gericht und die Medien an. Von Malte Arnsperger, Mannheim

Er ist der neue Mann an Kachelmanns Seite vor Gericht: Johann Schwenn (li.)© Ronald Wittek/AFP
Die Szenerie im Mannheimer Gerichtssaal erinnert ein wenig an das erste Spiel eines neuen Bundesliga-Trainers: Beim Fußball beäugen Zuschauer, Journalisten und die gegnerische Mannschaft aufmerksam den gerade verpflichteten Coach auf der Trainerbank, der von Fotografen und Kameramännern umringt wird. Rechtsanwalt Johann Schwenn geht es an seinem ersten Gerichtstag als neuer Verteidiger von Jörg Kachelmann genauso. Während Kamerateams seinen Tisch belagern, verfolgen Richter, Staatsanwälte, Zuschauer und die Journalisten jede Regung des Hamburger Juristen. Schwenn verschränkt die Arme vor seinem Bauch und lässt diese Prozedur ohne erkennbare Gefühlsregung über sich ergehen. Er weiß: Als Anwalt des wahrscheinlich prominentesten Angeklagten der Republik steht er ab sofort unter besonderer Beobachtung.
Der 16. Verhandlungstag ist eine Zäsur im Vergewaltigungsprozess gegen den Wettermoderator. Denn nur zwei Tage zuvor hatte Jörg Kachelmann völlig überraschend seinen bisherigen Hauptverteidiger Reinhard Birkenstock rausgeschmissen. Auch Birkenstocks Kollege Klaus Schroth musste gehen. Ein äußerst ungewöhnlicher Schritt: Das Verfahren läuft schließlich schon seit mehreren Monaten, ein Großteil der Zeugen hat bereits ausgesagt, unter anderem auch das vermeintliche Opfer Silvia May (Name geändert). Kachelmann hat also nicht nur den Trainer, sondern auch den Co-Trainer gefeuert - und das weit nach der Winterpause. Bei Fußballvereinen wird so ein Wechsel fast immer dann vollzogen, wenn der Coach die gesetzten Ziele nicht erreichen konnte, und der Vorstand auch nicht das Gefühl hat, dass sich daran so schnell etwas ändert. Der Job des neuen Trainers: den drohenden Absturz zu verhindern. Häufige Methode: Taktikwechsel.
Johann Schwenn scheint genau das im Sinn zu haben. Rein optisch ist der Wandel deutlich. Denn während sein Vorgänger Birkenstock - ein großer, barocker Typ mit tiefer Stimme - einen eher rauen Umgangston pflegte, erscheint der untersetzte Schwenn mit seinen grauen Haaren, der randlosen runden Brille und der ruhigen, fast leisen Stimme, wesentlich feinfühliger. Doch dass sein milde wirkendes Äußeres kein Rückschluss auf seine Arbeitsweise zulässt und er keineswegs zum Kuscheln nach Mannheim gekommen ist, zeigte Schwenn umgehend. In friedlichem Ton, hanseatisch-unterkühlt, aber mit zuweilen messerscharfen Worten ging er schon an seinem ersten Tag in die Offensive.
Sein erstes Opfer: Die Illustrierte "Bunte". In dem Burda-Blatt waren in den vergangenen Wochen mehrfach Ex-Geliebte von Jörg Kachelmann zu Wort gekommen, die Sexualpraktiken schilderten und insgesamt kein gutes Haar an dem TV-Mann ließen. Das Pikante: Diese Damen - Schwenn nennt sie "Selbstanbieterinnen" - waren zuvor oder danach in nicht-öffentlicher Sitzung vor Gericht vernommen worden. Die Interviews, so Schwenn, seien von einer Redakteurin geführt worden, "die sich sonst an Promis heranwanzt. Sie unterlaufen die Strafprozessordnung und beeinträchtigen die Persönlichkeitsrechte meines Mandanten". Deshalb sei es notwendig, dass Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker künftig an den eigentlich nicht-öffentlichen Vernehmungen der Ex-Geliebten beiwohnen darf, damit Höcker gegen "dieses Burda-Blatt" vorgehen könne, sagte Schwenn. Keine Widerrede der Richter und Staatsanwälte. Bitte gestattet. Der erste kleine Punktsieg für den Anwalt. Der kündigte später an, die Rolle der Medien - insbesondere der Burda-Blätter "Focus" und "Bunte" - im Rahmen des Verfahrens noch näher untersuchen zu wollen. "Die lassen kein gutes Haar an Herrn Kachelmann und da fragt man sich, welchen Hintergrund dies hat."