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Der Mann hinter Deutschlands größtem Kinderporno-Ring

In einem Mammut-Prozess stehen in Darmstadt die Drahtzieher von Deutschlands größtem Kinderporno-Ring vor Gericht. Einer der Angeklagten hat ausgepackt und die ganze Gesichte erzählt - von Foren, die "Zauberwald" heißen, und von Keuschheitsproben.

Von Uta Eisenhardt, Darmstadt

Ihre Internet-Foren nannten sich "Zauberwald" und "Sonneninsel". Harmlose Namen, wie ihn auch manche Kindertagesstätten tragen. Dahinter aber verbarg sich Deutschlands größter Kinderporno-Ring, der im September 2009 zerschlagen wurde. Seine Führungsebene, neun so genannte Administratoren, muss sich vor dem Darmstädter Landgericht wegen Verbreitens von Kinderpornografie rechtfertigen, zwei von ihnen zusätzlich wegen schwerem sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Ein 45 Jahre alter Geophysiker aus Bremerhaven gab am Freitag zu, 68 Sex-Dateien besessen zu haben. Der Mann räumte auch ein, für den geheimen Internet-Treffpunkt "Lighthouse" verantwortlich zu sein. Er bereue, dass er von einem Kinderschänder noch mehr Bilder verlangt und diesen damit weiter angestiftet habe. Zuvor hatte bereits Frank J. ausgepackt - und die ganze Geschichte erzählt.

Der Anblick im Gericht ist bizarr: Wie in einem Aquarium sitzen die fünf Richter, zwei Staatsanwälte, neun Angeklagte, zehn Verteidiger, drei psychiatrische Gutachter, sechs Wachtmeister und eine Protokollantin im Verhandlungssaal. Die 36 Menschen schwitzen fürchterlich, während Frank J. mehr als vier Stunden lang von sich und dem Aufbau des Forums erzählt, das der computerbegeisterte Mann gemeinsam mit dem Geophysiker technisch betreut hatte. Schmal ist der 33-jährige Rettungssanitäter und Oberfeldwebel aus Schwerin. Über einem roten T-Shirt trägt er ein lilafarbenes Hemd.

Zehn Jahre lang Millionen Dateien gesammelt

Im ersten Anlauf des Prozesses, der wegen der Befangenheit einer Schöffin geplatzt war, hatte der Oberfeldwebel berichtet, er habe über zehn Jahre lang in einer Art Sammelwut rund eine Million kinderpornografischer Dateien "wahllos" aus dem Internet gesaugt und getauscht. Zehn Computer und ein automatisiertes Programm hätten das rund um die Uhr für ihn erledigt. Bei ihm waren auch Bilder von Kindern gefunden worden, "die nicht mal ein Jahr alt sind", wie Richter Jens Aßling diese beim Vorlegen kommentierte. Er habe viele der Bilder nicht genauer betrachtet, sagte Frank J.: "Wenn man so viel herunterlädt, ist eben alles dabei."

Die Sache mit dem Kinderporno-Ring habe Ende 2006 angefangen. Mit dieser Aussage leitet er im zweiten Prozessanlauf den Reigen der angekündigten Geständnisse ein. Er habe damals mit einem 58-jährigen Mitangeklagten gechattet und festgestellt, es gäbe im Internet kein Pädophilen-Forum. Man beschloss, selbst aktiv zu werden. Frank J. machte sich an die Arbeit und programmierte ein neues "Board", wie die Internet-Foren genannt werden. Er hinterlegte es auf einem ungarischen Server, der Chat sei über Russland gelaufen. "Das war eine große Spielwiese für mich", sagt der Angeklagte.

Mitte 2007 gab es dann den "Open Zauberwald", ein offenes, aber bewusst unübersichtlich gehaltenes Board, in dem sich Pädophile, aber auch deren Gegner begegnet seien. Letztere hätten die Betreiber gebeten, etwas gegen die Kinderpornos zu unternehmen und in den Chats gemahnt: "Wenn ihr so etwas anbietet, dann kommen doch die Leute!" Genau das aber war beabsichtigt: In Unterforen namens "Postamt", "Fotolabor" oder "Spargelfeld" sammelten sich die Gleichgesinnten, die dann von dem Mitangeklagten Roger H. (44) gezielt angesprochen und auf das halboffene Forum "Semi Zauberwald" gelotst worden seien.

Verbreitung über Mundpropaganda

Dieses und das spätere Forum "Sonneninsel" waren über keine Suchmaschine zu finden, die Adresse sprach sich in der Szene herum. Wer die Bilder von missbrauchten Säuglingen und Kindern sehen wollte, musste Passwörter kennen. Die erwarb man sich durch Kontakte oder durch Einsenden einschlägiger Bilder, Spiele und Geschichten, auch "Keuschheitsprobe" genannt. Die Überlegung dabei war, so der Angeklagte, dass sich ermittelnde Polizisten mit einer solchen Handlung strafbar machen würden. "Das sei besser für die Sicherheit", sei J. zugetragen worden, und es habe für frische Tauschware sorgen sollen. "Je mehr jemand gepostet hat, um so mehr Zugangsrechte wurden ihm eingeräumt", sagt Oberstaatsanwalt Rainer Franosch über die mehrstufige Banden-Hierarchie, in der es einfache und Voll-Mitglieder gab, Moderatoren und Administratoren. Etwa 150 der 500 Pornoring-Nutzer haben die Staatsanwälte inzwischen ermitteln können.

Der Zauberwald war extrem erfolgreich, erinnert sich Frank J.: "Das lief und lief und lief." Täglich gab es 4000 Zugriffe von unterschiedlichen Rechnern. "Einer holte den anderen, das war ein Schneeballsystem." Am Ende operierte man auch international: Stoßzeit war nachts um zwei Uhr, wenn sich wegen der Zeitverschiebung die Amerikaner im Forum tummelten. Kommerzielle Interessen seien damit nie verfolgt worden. Wieso man dennoch so erfolgreich war, will Oberstaatsanwalt Andreas May wissen. "Es war erotisch, es war verboten, die Gemeinschaft war toll", bekommt er zur Antwort.

Er habe gewusst, "dass das nicht richtig ist. Man versucht, das auszublenden, es wird zur Normalität." Doch irgendwann sei alles hoch gekommen. Der ewige Zwiespalt habe ihn in die Psychiatrie gebracht. Besonders habe er darunter gelitten, dass er als Rettungsassistent und Soldat eigentlich auf Seite derjenigen stehen müsste, die so etwas verhindern. Der Angeklagte will erst im Nachhinein erfahren haben, dass einige der Nutzer auch in der Realität Kinder missbrauchten, wie etwa seine beiden Mitangeklagten Ludger G. (57) und Alexander B. (33).

Als er im Januar 2009 aus der Psychiatrie entlassen wurde, gab es den "Zauberwald" nicht mehr: Die Szene war durch die Festnahme einiger Mitglieder eine Zeitlang erstarrt. "Irgendwann kam die eingefleischte, kleine Gemeinde wieder zusammen", so J. über die etwa 100 Gleichgesinnten. Man beschloss die Gründung der "Sonneninsel", eines neuen Forums mit noch mehr Untergruppen, die jeder sexuellen Vorliebe gerecht zu werden suchten. Sogar einen englischsprachigen Chat namens "Lighthouse" hatte man eingerichtet.

Nach Vorstellung der Staatsanwaltschaft soll Frank J. sowie fünf weitere Angeklagte zwischen drei und vier Jahre in Haft, den beiden Missbrauchern drohen fünf beziehungsweise neun Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

mit DPA

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