Thomas S., der mutmaßliche Doppelmörder von Krailling, steht vor Gericht. Seine Ex-Frau hält ihn für schuldig und sucht nach Erklärungen. Chronik einer tragischen Familiengeschichte. Von Malte Arnsperger

Thomas S. muss sich vor dem Landgericht München II wegen Mordes an seinen beiden Nichten verantworten© Peter Kneffel/DPA
Während ihre sechsjährige Tochter auf dem Fußboden Bilder malt, blättert Ursula S. in einem Buch. "Ich liebte eine Bestie", ein Buch über die Partnerinnen von Serienmörder. Ursula S. will verstehen, wie diese Frauen ticken, warum sie nichts von den Abgründen ihrer Männer ahnten. Denn auch ihr eigener Mann Thomas S. soll nach Überzeugung der Münchner Staatsanwaltschaft ein Mörder sein. Er habe, so die Anklage, am frühen Morgen des 24. März 2010 in Krailling zwei kleine Mädchen umgebracht, seine Nichten Chiara und Sharon. Ihm wird nun vor dem Landgericht München der Prozess gemacht.
August 1994. Die Beziehung von Ursula S. und ihrem damaligen Freund kriselt. Doch da gibt es einen Arbeitskollegen und Kumpel, Thomas S., ein Feinmechaniker, Beatles-Fan, der ständig ein Witz auf den Lippen hat. Ein spontaner, lebenslustiger Typ, der sich in den 80er Jahren schon mal spontan eine mehrmonatige Auszeit in Griechenland gönnen wollte. Ursula S. lacht gerne mit ihm. Thomas S. ist Vater von zwei Kindern, steckt in einer ähnlichen Lebensphase wie sie, lebt in Scheidung. Mit seiner Ex-Frau streitet er sich um Unterhaltszahlungen.
Sie treffen sich zum Sommer-Feuerwerk in Münchner Olympiapark, verlieben sich ineinander. "Er war zärtlich und fürsorglich", erinnert sich Ursula S. im Gespräch mit stern.de. Thomas S. hat dem Gerichtsgutachter von einer "romantischen Liebe" berichtet. Im Juli 1996 heiraten sie. Thomas F. nimmt den Nachnamen seiner zweiten Frau an. Die Angehörigen von Ursula S. stehen ihrem Ehemann distanziert gegenüber. Denn die Familie ist durchaus statusbewusst, alles Akademiker, das Familienoberhaupt hat den militärischen Abschirmdienst MAD mitgegründet. Thomas S. dagegen hat einen Maurer als Vater, ist gelernter Feinmechaniker und hat erst auf Umwegen die Hochschulreife erlangt. Er sei wohl nicht "standesgemäß" gewesen, hat er dem Gutachter erzählt. Die Geringschätzung ihrem Mann gegenüber bemerkt damals auch Ursula S. "Das hat mir sehr weh getan. Denn ich habe ihn geliebt." Sie will unbedingt Nachwuchs haben, auch, um die eigene Familie zu besänftigen. Sie wird schwanger, verliert das Kind aber. Auch die zweite Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt.
Der lustige Kerl an ihrer Seite wird offenbar immer mehr zum Kontrollfreak. "Er ist eine dominante Persönlichkeit", sagt Ursula S. Sie ist die Fügsame. Sie trägt die Kleidung, die er für sie auswählt. Sie sieht großzügig darüber hinweg, wenn er sich schlampig anzieht. Sie überlässt ihm die Kontrolle über die Finanzen, über ihre Konten. Ein großer Fehler, wie sich 2011 herausstellen wird.
Thomas S. macht sich mit einem kleinen Teppichdienst selbständig, arbeitet auch als Hausmeister. 1997 nimmt der heute 51-Jährige eine Stelle bei der Post an. Das sei ein sicherer Arbeitsplatz gewesen und er habe sich dort wohlgefühlt, so Thomas S. zu dem Gutachter. Seine Frau gibt ihren Job als Erzieherin auf, denn zwischen 1998 und 2005 bekommt sie vier Kinder. Der zweitgeborene Sohn kommt im August 2000 mit Gallengang- und Dünndarmverschluss zur Welt, schon am ersten Tag seines Lebens muss das Baby operiert werden. Außerdem ist seine Leber geschädigt, nur eine Transplantation hilft. 2005 kauft das Ehepaar mit einem Kredit ein Haus im nordrhein-westfälischen Heek. Sie wollen näher an Spezialkliniken in Essen und Hannover wohnen, wo die Transplantation geplant ist.
Doch das Heimweh zieht die Familie zwei Jahre später nach Bayern zurück, mittlerweile ist die Operation auch in Regensburg möglich. Sie wollen im Neubaugebiet im oberbayerischen Peißenberg bauen. Ein sogenanntes Bausatzhaus - ein Fertighaus für Selbermacher. "Er hatte keinerlei Erfahrung im Hausbau", erinnert sich der Vertreter Udo L. (Name geändert) an seinen Kunden Thomas S. "Aber ich habe ihm gesagt: Dieses Konzept ist das Lego für Große, es ist sehr einfach." Thomas S. sei begeistert gewesen, er habe als Postbote nachmittags immer Zeit zum Bauen und hoffte, durch Eigenleistung Geld zu sparen.
Die Bausatzfirma rechnet für das Lego-Haus mit Kosten von rund 200.000 Euro. Doch zunächst ist die Familie eine Zeitlang ohne Bleibe. Sie schlüpft im Juli 2007 vorübergehend bei Ursulas Schwester Anette im bayerischen Krailling und deren Töchtern Chiara und Sharon unter. Später in einem Appartement der Post in Starnberg, dann in einer Ferienwohnung auf einem Bauernhof bei Peißenberg, um näher an ihrer Baustelle zu sein. Doch im Juli 2008 muss Ursula S. operiert werden. Sie hat Brustkrebs. Zugleich muss der schwerkranke Sohn immer wieder ins Krankenhaus. Thomas S. kümmert sich um Frau und Kinder. Die Arbeit am Haus kommt zum Erliegen.
Dem Gerichtsgutachter erzählte Thomas S., er sei damals von der Baufirma um 70.000 Euro betrogen worden, man habe sich jedoch geeinigt. Udo L. meint: "Herr S. hat sich einfach zu viel vorgenommen. Arbeit, große Familie, krankes Kind, kranke Frau und dann noch der Hausbau." Auch die Architektin, die von den S. immer wieder um Änderungen an dem Haus gebeten wird, erfährt von den finanziellen Problemen: "Die Leute waren sympathisch, aber sie haben sich einfach übernommen."
Die Not der Familie bleibt nicht unbemerkt. Die Vermieter der Ferienwohnung wollen helfen, machen den Fall über die Lokalmedien bekannt, die Stadt eröffnet sogar ein Spendenkonto. Ein Bauunternehmer trommelt befreundete Handwerker zusammen. "Ich hatte großes Mitleid mit dieser Familie", erinnert sich der 67-jährige Johann S. Zusammen mit den Handwerkern stellt er den Rohbau bis Sommer 2009 fertig, die Freiwillige Feuerwehr von Peißenberg deckt im Herbst 2009 das Dach. Damit habe man der Familie schätzungsweise 30.000 Euro an Baukosten erspart, sagt der Bauunternehmer. Thomas S. sei aber kaum auf der Baustelle gesehen worden, nicht mal für Verpflegung habe er gesorgt. Inzwischen ist Johann S. enttäuscht. "Er war wohl einfach faul." Thomas S. sagte dem Gutachter, er habe mit den Helfern zusammen alles gut hinbekommen.
Doch Thomas S. musste sich auch um seine Familie kümmern: Bei Ehefrau Ursula kommt im Mai 2009 der Krebs zurück, sie braucht eine Chemotherapie. Der Sohn hat noch immer kein Spenderorgan. Anfang Juli 2009 meldet sich der Chefarzt der Kinderklinik in Starnberg bei einer Münchner Stiftung und schildert den Fall. Er bittet um finanzielle Hilfe für den Jungen, der seit Wochen im Krankenhaus liegt. Die Stiftung gibt 1000 Euro Zuschuss zu den Fahrtkosten, kauft Nintendo-Spiele sowie einen Cowboy-Hut und eine Cowboy-Weste, die sich das Kind ganz besonders gewünscht hat.