Eine unbeugsame Tochter

27. September 2011, 21:12 Uhr

Die Boxerin Rola El-Halabi wollte ihren WM-Titel verteidigen. Dann schoss ihr Stiefvater auf sie. Nun hat der Prozess begonnen. Dem stern schilderte das Opfer sein Familiendrama. Von Nicolas Büchse

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Rola El-Halabi brachte es bis zur Boxweltmeisterin im Leichtgewicht. Ihr Stiefvater schoss die Sportlerin vor einem Kampf nieder©

Eigentlich wollte Rola El-Halabi einen Boxkampf bestehen. Doch dann kam alles anders: Mit vier Schüssen streckte ihr Stiefvater und früherer Manager die 26-Jährige im Frühjahr vor ihrem Kampf auf der Trabrennbahn Berlin-Karlshorst nieder. Es war der Höhepunkt eines Familiendramas, zu dem der 44-Jährige heute zum Prozessbeginn vor dem Berliner Landgericht sagt: "Sie hatte Scheiße gebaut, aber ich wollte ihr vor dem Kampf trotzdem alles Gute wünschen." Warum er statt dessen auf sie schoss, könne er nicht sagen.

Dem stern hatte Rola El-Halabi einige Wochen nach dem schrecklichen Erlebnis Einblicke in Leben gewährt - und ihre Erinnerungen an die Tat, die ihr Leben so drastisch veränderte, geschildert.

Eine Rückblende.

Das Drama der Rola El-Halabi

Den Schmerz erlaubt Rola El-Halabi ihrem Körper erst, als der Stiefvater sich auf den Boden wirft. Sich der Polizei ergibt, ohne Gegenwehr und Gebrüll. Erst als der starke Mann daliegt wie ein geprügelter Hund. Da spürt sie die Schmerzen. Sie durchfräsen ihre Füße, ihre Knie und ihre rechte Hand und rauben ihr den Atem. Rola liegt am Boden, das weiße Box-Shirt klebt an ihr, rot getränkt vom Blut. Sie liegt am Boden, genau in der Stunde, die ihr den großen Triumph im Ring bringen sollte.

Die Polizisten schaffen den Stiefvater in Handschellen weg. Sie hört ihn noch, er wimmert und schluchzt: "Verzeih mir, verzeih mir!" Vier Kugeln haben ihren Körper durchbohrt. Jetzt schreit sie los und heult, völlig außer Kontrolle. Dann verschwimmen die Bilder, und es wird dunkel.

Noch Wochen später wird sich Rola El-Halabi an jedes Detail dieses 1. April erinnern. Der Kampf um den Weltmeistertitel im Frauen-Leichtgewicht des Boxverbandes IBF, Pferdesportpark Berlin-Karlshorst. Rola El-Halabi gegen die Bosnierin Irma Balijagic-Adler. Linksauslegerin gegen Linksauslegerin. 700 Zuschauer, Kampfzeit: 23 Uhr. Rolas Comeback nach neun Monaten Pause. "Ein kleines Manko ist es schon, dass ich so lange nicht im Ring stand", hat sie auf der Pressekonferenz gesagt und dann gelächelt. Ein siegesgewisses Lächeln.

"Ich hasse meinen Stiefvater nicht"

Die Chance auf den Sieg wird ihr genommen, noch bevor sie im Ring steht. Vier Schüsse feuert Roy El-Halabi auf seine Stieftochter Rola ab. In ihre Füße, ihr rechtes Knie, ihre rechte Hand.

Die Schrecken des 1. April liegen nun gut einen Monat und fünf Operationen zurück. Sonnenlicht findet durch die Ritzen der Lamellen, die den Blick auf das Ulmer Münster verhängen. Rola El-Halabi sitzt auf einer Liege im Behandlungszimmer ihres Physiotherapeuten. Noch immer hat sie an manchen Tagen tiefe Schatten unter ihren braunen Augen.

Wenn der Stiefvater sich wieder in ihre Träume gestohlen hat, die Schüsse und Schmerzen zurückgekehrt sind.

"Ich hasse meinen Stiefvater nicht", sagt Rola langsam, denkt nach, "nur in Momenten." Wenn sie über ihre Schrecken redet, dann ist es, als spräche sie von einer anderen Person, als sei sie nur eine Beobachterin ihrer selbst. Als habe sie noch gar nicht begriffen, was an jenem 1. April passiert ist.

Im Ring sind Schmerzen einfacher zu ignorieren

Es fällt ihr schwer, die Schrecken zu sortieren, die ihr widerfahren sind. Nicht in Tränen auszubrechen. Im Ring ist es einfacher, die Schmerzen zu ignorieren, das hat sie gelernt und trainiert, ein Boxer, der einmal aufgibt, kommt nicht weit. Er wackelt mit dem Kopf, schlägt die Fäuste gegeneinander, und weiter geht es.

Aber sie steht nicht im Ring, und doch ist es ihr schwerster Kampf. Sie sagt plötzlich, bestimmt: "Mein Vater existiert in meiner emotionalen Welt nicht mehr." Und dann, weniger bestimmt: "Es gibt manchmal noch Nächte, in denen ist es schlimm." Wenn sie darüber spricht, werden ihre Augen feucht. Nur ein wenig, mehr lässt sie nicht zu. Noch im Krankenhaus fragte sie nach psychologischer Betreuung. Seitdem geht es ihr besser. Etwas.

Kein Gefühl mehr in der rechten Hand

Die kurze Hose gibt den Blick frei auf die geschundenen Beine und Füße. Elf Narben. Der Physiotherapeut befreit ihre Hand vom Verband. Rola stöhnt auf. Die Schmerzen sind brutal. Metallstifte stecken in ihrer Rechten, halten den zertrümmerten Mittelhandknochen zusammen. Der Therapeut massiert ihre Finger.

"Meine Hand ist das größte Problem, ich spüre nur ein Kribbeln. Ich will mein Gefühl in der Hand wiederfinden", sagt sie. "Ich habe noch ein paar Aufgaben im Boxring zu erfüllen, und von meinem Stiefvater lasse ich mich nicht mehr aufhalten." Ein Jahr zuvor hatten sich die beiden zuletzt nach einem Boxabend in den Armen gelegen.

Der 20. März 2010. Rola gegen die amerikanische Boxlegende Mia St. John. 3700 Fans in Ulm. Runde fünf, 1:15 Minuten. Der Ringrichter brach Rolas Schlaggewitter auf die chancenlose Gegnerin ab. Sieg durch technischen K.o. Der Stiefvater war der Erste, der in den Ring stürmte. Er umarmte Rola und wirbelte sie durch die Luft. Roy El-Halabi, bulliger Typ, sauber ausrasierter Bart, strahlte vor Stolz. Er rief in eine Kamera des Lokalfernsehens: "Rola hat einen super Kampf gezeigt!" Es war einer ihrer größten Erfolge.

Kurz danach schrieb sie auf ihrer Webseite: "Der größte Dank geht an meine wundervolle Familie, die zu 100 Prozent hinter mir steht und mich bei allem unterstützt. Vor allem mein Papa, der das alles möglich macht."

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Erschienen in stern 20/2011

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