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Nadine und ihr Baby

Weil sie aus Angst, ihren Job zu verlieren, ihr Neugeborenes tötete, ist eine 23-Jährige aus Wuppertal zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Eine Geschichte vom Unglücklichsein.

Von Manuela Pfohl

Es ist immer dieselbe Szene: Die Eltern und ihre Schwestern sind in der Kirche. Nadine ist nicht mitgegangen. Sie kniet an diesem Sonntag im Wonnemonat Mai in der Wanne der elterlichen Wohnung und entbindet ein Mädchen. Das Kind schreit, wie Neugeborene es tun, wenn sie gesund sind. Nadine hält ihm Mund und Nase zu, bis es still und bewegungslos ist. Dann packt sie das Baby so schnell sie kann in Plastiktüten und versteckt es im Keller. Draußen sind Stimmen zu hören. Sie bekommt Herzrasen und Schweißausbrüche. Dann geht die Tür auf und das Kind ist wieder da, so klein, so laut, so hilflos. Ein Albtraum. Seit Monaten kann sich Nadine K. aus Wuppertal-Elberfeld nicht dagegen wehren. Es ist wie ein Fluch. Und ihre Schuld.

Ein schneller Prozess, eine lange Geschichte

Jetzt hat das Wuppertaler Landgericht die 23-Jährige wegen Totschlags bei verminderter Schuldfähigkeit zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Schon am ersten der insgesamt drei Verhandlungstage bestätigte Nadine K., was sie Monate vorher bei der Polizei gestanden hatte: Sie habe Ende Mai 2007 ihr Neugeborenes erstickt, um ihren Job nicht zu verlieren. Ein schneller Prozess. Ein schnelles Urteil. Eine lange Geschichte.

Als Nadine K. am vergangenen Montag von Stefan Istel, dem Vorsitzenden Richter der 5. Großen Strafkammer, dazu befragt wird, warum sie ihr Kind tötete, bricht sie in Tränen aus. Ihr Verteidiger Andreas Sauter muss helfen, einen Anfang für die Erklärung zu finden. Denn Nadine K. fällt es schwer, zu erzählen. Das Reden über die eigenen Probleme, Ängste und Sorgen hat sie nie gelernt. Es gab stets so viel Wichtigeres im Leben ihrer Familie. Sauters Erzählung ist ein Plädoyer für eine Frau, die nie eine Chance hatte.

Schock Asylbewerberheim

1996 kommt Nadine mit ihren Eltern und drei Schwestern aus dem Kongo nach Deutschland. Das Mädchen ist elf und hat keine Ahnung, warum sie ihr Zuhause verlassen und ins fremde Land gehen muss. Es ist kein Thema, das mit den Kindern besprochen wird. Ihr Vater ist Elektriker, im Kongo hatte die Familie ein kleines Häuschen und lebte den privilegierten Alltag der gehobenen Mittelschicht. In der Bundesrepublik angekommen, müssen sich die sechs Menschen ein winziges Zimmerchen in einem Asylbewerberheim im sachsen-anhaltinischen Halle teilen. Es ist ein Schock für das Kind. Nadine wird in die dritte Klasse eingeschult. Die Klassenkameraden machen große Augen. Das Mädchen fällt auf. Sie ist die einzige Farbige an der ganzen Schule.

Die Mitschüler rufen: "Scheiß Negerin"

Es dauert nicht lange, bis die Mitschüler ihr "Scheiß Negerin" hinterher rufen und sie auf der Straße bespucken. Niemand will etwas mit dem Mädchen aus dem Asylbewerberheim zu tun haben. Nadine lernt trotzdem gut. Als sie 2002 ihren Realschulabschluss macht, spricht sie vier Sprachen. Sie will beweisen, dass sie es schafft, aus der Trostlosigkeit ihres Flüchtlingslebens auszubrechen und merkt schnell, dass ihr Wunschtraum nicht mit der Realität vereinbar ist. Keine ihrer Bewerbungen um eine Lehrstelle im Einzelhandel hat Erfolg. Die Zusatzausbildung als Wirtschaftsassistentin bringt ihr ebenso wenig wie das Fachabitur, das sie 2005 abschließt. Sie hat niemanden, mit dem sie über ihre Enttäuschung reden kann. Fast niemanden.

Als sie 2004 einen jungen Afrikaner kennenlernt, der ihr sagt, was für eine tolle Frau sie ist, glaubt Nadine ihm sofort. Endlich hat sie jemanden, der sich für sie interessiert, einen, der sie nicht beschimpft, einer, dem sie ganz nah sein kann. Es dauert nicht lange, bis er ihr sagt, was er von ihr will und sie gehorcht, wie sie immer gehorcht hat. Sie will schließlich alles richtig machen. 20 Wochen später nimmt ihre Mutter sie mit einem skeptischen Blick beiseite und fragt, ob sie schwanger ist. Nadine ist schwanger. Ein Glück ist das nicht. Denn die Beziehung geht in die Brüche, noch bevor das Kind 2005 geboren wird. Nadine liebt ihr Baby trotzdem abgöttisch.

Abschied vom Karrieretraum

Die inzwischen siebenköpfige Familie zieht nach Wuppertal. Nadines Vater hat dort einen Job in einer kleinen Firma bekommen, die Werkzeuge herstellt. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit endlich wieder eigenes Geld verdienen. Das ist wichtig im Leben, das musst du hinkriegen, wenn du dir selbst noch mit Achtung begegnen willst, sagt der Vater. Außerdem ist das wichtig für die Ausländerbehörde. Keiner in der Familie hat einen deutschen Pass. Alle haben Angst abgeschoben zu werden. Nadine schreibt wieder Bewerbungen. Mehr als hundert Mal. Keiner will sie haben. Keiner sagt, warum nicht.

Irgendwann gibt das Mädchen auf. Sie verabschiedet sich vom Traum einer tollen Karriere als Wirtschaftsassistentin und fängt in der Firma, in der auch ihr Vater arbeitet, als Hilfskraft am Fließband an. Sie beschwert sich nicht, sie ist glücklich. Denn endlich kann sie zum knappen Familieneinkommen beitragen, wie sich das für eine brave älteste Tochter gehört. Endlich kann sie ihrem Sohn auch das eine oder andere kleine Geschenk machen. Das Leben scheint gut zu werden. Bis zu dem Tag im Spätsommer 2006. Da trifft sie auf dem Heimweg von der Arbeit einen jungen Afrikaner, der ihr sagt, was für eine tolle Frau sie ist. Nadine glaubt ihm sofort.

Unausweichliche Tragödie

Dieses Mal wird es klappen mit der großen Liebe. Da ist sie ganz sicher. Dass der Mann immer wieder Geld von ihr verlangt, dass er nach dem schnellen Sex stets zu wichtigen Terminen muss und überhaupt wenig Zeit für sie hat, nimmt sie hin. Sie beschwert sich nicht. Sie will ihn nicht verlieren. Doch irgendwann kommt der Mann ihres Lebens überhaupt nicht mehr, und Nadine ist wieder schwanger. Sie weint wochenlang ihrer verlorenen Hoffnung hinterher. Sie kann nicht glauben, dass sie wieder verlassen wird. Sie betet, dass doch noch alles gut wird, bis sie das erste Mal das Strampeln in ihrem Bauch spürt, das die Tragödie ankündigt, die unausweichlich scheint. Nadine weiß, dass es für eine Abtreibung zu spät ist, sie denkt an ihren Job und das Geld, das sie so dringend braucht, sie kann sich einfach kein zweites Kind leisten. Es geht nicht, die Eltern würden ihr das nie verzeihen, was soll sie denn machen ohne ihre Familie, sie hat doch sonst niemanden. Nadine beschließt, die Schwangerschaft einfach zu ignorieren.

"Niemand hat etwas gemerkt"

Manchmal schüttelt die Mutter missbilligend den Kopf. So körperbetonte Kleidung, wie ihre Tochter sie trägt, schicke sich nicht für eine anständige Frau. Dass Nadines kleiner zierlicher Körper in den nächsten Monaten immer runder wird, sieht sie angeblich nicht. Als die Eltern von der Polizei gefragt werden, ob sie denn nie etwas gemerkt haben, schütteln sie die Köpfe. Nein, nie sei ihnen etwas aufgefallen. Nadine muss da alleine durch.

Es ist ein Sonntag im Mai 2007. Schon den ganzen Tag plagen das Mädchen Krämpfe. Als ihre Eltern und die Schwestern sich am frühen Nachmittag für den Gottesdienst in einer Christlichen Freikirche in Düsseldorf fertig machen, bittet sie, zuhause bleiben zu dürfen. Fünf Stunden wird die Familie unterwegs sein. Die Zeit, die Nadine bleibt, um ihr Kind zu bekommen. Als die Wehen unerträglich werden, kniet sie sich in die Wanne und entbindet ein Mädchen. Sie zerreißt die Nabelschnur, sie weint vor Schmerzen, sie bittet Gott um Hilfe und ist allein.

Warum passiert das immer wieder?

Monate später, im November 2007 entdecken Nachbarn zufällig, dass aus dem Familienkeller eine übelriechende Flüssigkeit tropft. Sie rufen die Polizei, die die versteckte Babyleiche findet. Die Ermittlungen führen schnell zu Nadine. Wenige Tage danach bekommt das Mädchen die Kündigung ihres Arbeitgebers. Er kann sie nicht mehr gebrauchen.

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