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2. März 2010, 20:14 Uhr

Mängelwesen ohne Lebensperspektive

Wie ticken die beiden mutmaßlichen Vierfachmörder von Eislingen? Vor Gericht hat der psychiatrische Gutachter über den 19-jährigen Frederik Begenat ausgesagt. Er berichtete von verstörenden Gesprächen voller Selbsthass. Von Malte Arnsperger, Ulm

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Das Landgericht Ulm. Hier wird seit vergangenem Oktober der Vierfachmord von Eislingen verhandelt© Sascha Schuermann/DDP

Frederik Begenat raucht, weil es ihm sein Freund Andreas Häussler rät. Er schlachtet eine Gans, weil es sein Freund sagt. Er ändert seinen Kleidungsstil, weil der Freund es für richtig hält. Er schlägt den Einbruch in einen Tennisclub vor, weil er seinen Freund beeindrucken will. Und am Ende erschießt er die Familie seines Freundes, weil ihn sein Freund darum gebeten hat. Frederik Begenat war seinem besten Freund Andreas Häussler hörig: Dieses Bild ergab sich am 15. Verhandlungstag um die Vierfachmorde von Eislingen, bei dem der psychiatrische Gutachter Peter Winckler aus seinen Gesprächen mit dem heute 19-jährigen Angeklagten Begenat berichtete. Der Tübinger Psychiater schilderte einen unsicheren, in sich gekehrten, verstockten jungen Mann, dem offenbar erst im Gefängnis klar geworden ist, was er da mit seinem Freund Andreas angerichtet hat.

Häussler und Begenat wird vor dem Landgericht Ulm der Prozess gemacht, weil sie an Ostern 2009 die Eltern und Schwestern von Andreas Häussler getötet haben sollen. Die Angeklagten haben die Tat bereits gestanden, demnach soll Begenat der alleinige Schütze gewesen sein, während die Staatsanwaltschaft von zwei Todesschützen ausgeht.

"Als ob eine gläserne Trennwand zwischen uns stand"

Nachdem das Gericht seit vergangenen Oktober weit über 50 Zeugen gehört hat, versprechen sich die Prozessbeteiligten vom psychiatrischen Sachverständigen nun ein besseres Verständnis von der Seelenwelt der beiden Jungs, sowie ihrer "geistigen und sittlichen" Reife. Denn davon wird entscheidend abhängen, ob die beiden Heranwachsenden nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Das Jugendstrafrecht sieht für Mord eine Höchststrafe von zehn Jahren vor, bei Erwachsenenstrafrecht droht den Angeklagten lebenslange Haft.

Regungslos wie fast immer saß Frederik Begenat neben seinem Verteidiger, seine Füße mit den Fesseln übereinandergelegt, eine Stoff-Tasche lehnte am Tischbein. Mit starrem Blick nach unten verfolgte der blasse 19-Jährige, wie der Psychiater Winckler sein Innerstes nach außen kehrt. Oder es zumindest versucht. "Es war die schwierigste Exploration, die ich je gemacht habe", sagte Winckler. "Und ich habe schon über tausend Gutachtern erstattet." Ihm sei es kaum gelungen, Frederik Begenat nahe zu kommen. "Es war als ob eine gläserne Trennwand zwischen uns stand."

Eine vollkommene Beziehung

Trotzdem ist einiges in den 13 Stunden mit dem Angeklagten durch diese Trennwand hindurch zu Winckler gedrungen. Für Frederik Begenat war die seit 2006 währende Freundschaft zu Andreas Häussler die "vollkommene Beziehung". Eine homosexuelle Beziehung habe es zwar nicht gegeben, aber Andreas sei ihm in jeder Hinsicht überlegen und ein Vorbild gewesen. Sei es im Umgang mit Mädchen, sei es in Sachen Mode. "Andreas hat mir das Leben erklärt", hatte Frederik Begenat zu Winckler gesagt.

Diese negative und unterwürfige Selbsteinschätzung zog sich durch alle Gespräche von Gutachter und Angeklagtem: Er sei schwer vermittelbar, wie ein Tier aus dem Tierheim. Die Einrichtung seines eigenen Kinderzimmers sei charakterlos. Sein Recht auf Leben habe er mit der Tat verwirkt, deshalb käme die Todesstrafe für ihn in Betracht. Er habe keine Lebensperspektive mehr, er sei ein Mängelwesen. Angesichts dieser Äußerungen gab selbst der erfahrene Gutachter Winckler zu: "Das sind hochauthentische Äußerungen und hört sich für mich deprimierend an. Die Befragung ist auch an mir nicht spurlos vorübergegangen." Frederik Begenat sei zudem latent selbstmordgefährdet.

Kein naives Dummerchen

Für ihre Einschätzung, ob ein Heranwachsender eher einem Jugendlichen oder einem Erwachsenen gleicht, müssen sich die Psychiater nach Paragraf 105 Jugendgerichtsgesetz richten. Dort heißt es, ein Heranwachsender hat dann als Jugendlicher zu gelten, wenn "die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Täters (…) ergibt, dass er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand". Ein "Gummiparagraf" sei dies, sagte der renommierte Tübinger Psychiater Gunter Klosinski zu stern.de. "Man will damit die Grenzen zwischen der vollen Strafhärte des Erwachsenenstrafrechts und der Anwendung von Jugendstrafrecht etwas fließender gestalten. Dadurch kann jemand, der noch reife- und entwicklungsverzögert ist und sich eher wie ein Jugendlicher verhält, auch nach dem milderen Jugendstrafrecht verurteilt werden."

Ein Kriterienkatalog, die sogenannten Marburger Richtlinien, soll den Psychiatern bei ihrer Beurteilung helfen. Für die "Jugendtümlichkeit" sprechen demnach Merkmale wie ein auf den Augenblick fokussiertes Leben, Abhängigkeit von den Freunden oder fehlende Berufsziele. Wie Gutachter Winckler die Reife von Frederik Begenat einschätzt, blieb am heutigen Verhandlungstag noch offen. Allerdings hatte der 19-Jährige dem Psychiater nicht nur von seiner Abhängigkeit von Andreas Häussler berichtet, mit dem er sogar abgemacht habe, den jeweils anderen mit Waffengewalt aus dem Gefängnis zu befreien. Frederik hatte auch angegeben, er habe keine konkreten Berufswünsche. Ein "naives Dummchen" sei Frederik Begenat mit einem IQ von 102 aber nicht, meinte Gutachter Winckler vor Gericht. Und durch die äußerst schwierige Exploration müsse man hinter allen Aussagen des jungen Mannes ein Fragezeichen setzen.

"Halte durch, es ist gleich vorbei"

Zäh gestalteten sich offenbar auch die Gespräche zwischen Winckler und Frederik Begenat zur Tat selber. Nur scheibchenweise habe der 19-Jährige seine heutige Tatversion herausgerückt, dass er alle vier getötet habe, so der Gutachter. In was für einer sonderbaren Welt Andreas Häussler und Frederik Begenat bis zu den Morden lebten, zeigt auch Frederiks Schilderung der Tat: Erst als ihm sein Freund in jener Aprilnacht 2009 im Treppenhaus der Familie Häussler zwei Pistolen in die Hand gedrückt habe, sei ihm klar geworden, dass "das ganze kein Witz ist". Zwar habe er nach den Schüssen auf die Schwestern zu Andreas gesagt, er habe "kein Bock mehr", nun auch die Eltern zu töten. "Aber Andreas hat mich in den Arm genommen, und gesagt: Halte durch, es ist gleich vorbei."

Von Malte Arnsperger, Ulm
 
 
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