Alter Mann macht Angst

21. März 2011, 23:10 Uhr

Heute kommt Thomas Wolf vor Gericht, einst meistgesuchter Verbrecher der Republik. Die Aufregung im Wiesbadener Landgericht ist groß. Der Serienräuber soll angekündigt haben Geiseln zu nehmen. Von Sonja Jordans, Wiesbaden

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Einst Deutschlands meistgesuchter Schwerverbrecher: Thomas Wolf©

Es wird ein Prozess unter höchster Sicherheitsstufe, wenn die sechste Strafkammer des Landgerichts Wiesbaden heute zusammenkommt. Denn nicht irgendein Angeklagter muss sich dann vor Gericht verantworten, sondern der einst meistgesuchte Schwerverbrecher Deutschlands: Thomas Wolf, 58 Jahre alt, Serienbankräuber und Geiselnehmer.

Angeklagt ist er wegen räuberischer Erpressung und räuberischen Menschenraubs. Verhandelt werden ein Bankraub in Eindhoven aus dem Jahr 2000, ein Bankraub in Hamburg von 2003 und die Geiselnahme einer Wiesbadener Bankiersgattin im März 2009. Dabei erpresste Wolf 1,8 Millionen Euro Lösegeld. Die Frau ließ er an einen Baum gefesselt zurück. Sie ist Nebenklägerin in dem Verfahren.

Und der Angeklagte, so scheint es, festigt seinen Ruf als einer der gefährlichsten Verbrecher Deutschlands. Gegenüber einem Zellennachbarn der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt soll er angekündigt haben, während des Prozesses Geiseln nehmen zu wollen. Das Landgericht Wiesbaden hat daher spezielle Kontrollen angekündigt, auch bei den Journalisten. Begründung laut einer Sprecherin: "Nicht, dass jemand Wolf etwas zusteckt." So wird der Angeklagte – flankiert von zwei Justizbeamten – hinter und nicht wie üblich neben seinem Anwalt, dem Frankfurter Strafverteidiger Joachim Bremer, sitzen soll.

Sein Anwalt vertrat auch den "Kannibalen von Rothenburg"

Anwalt Bremer versteht die Aufregung allerdings nicht. Davon, dass sein Mandant eine Geiselnahme angedroht haben soll, habe er zufällig über Dritte erfahren. "Das ist Schwachsinn", entrüstet sich der Verteidiger im Gespräch mit stern.de. "Herr Wolf selbst weiß auch nichts davon." Bremer, seit 30 Jahren Strafrechtler und in der Vergangenheit unter anderem Verteidiger von Armin Meiwes, dem "Kannibalen von Rothenburg", spricht bei den Behauptungen von "Latrinenparolen eines Wichtigtuers aus dem Knast". Wolf sei zudem gar nicht in der Lage, Geiseln zu nehmen. "Er ist ein alter, kranker Mann", sagt Bremer. "Er ist froh, wenn er überhaupt aufrecht gehen kann."

Thomas Wolf leidet seit Sommer 2009 an Borreliose, einer durch Zeckenbisse hervorgerufenen Krankheit. Die Erreger hätten sich inzwischen in Gehirn und Nervenbahnen Wolfs festgesetzt, so der Anwalt. "Mein Mandant leidet unter Schmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Ess-Störungen." Wolf habe bis zu 35 Kilogramm Gewicht verloren, müsse eine Spezialdiät halten.

Wegen der Erkrankung ist der Angeklagte nur eingeschränkt verhandlungsfähig, höchstens drei Stunden und eine Pause pro Prozesstag dürften ihm zugemutet werden. Das Verfahren wird sich deswegen ziehen, Verhandlungstermine sind bis Juni angesetzt.

Eine Verbrecherkarriere aus dem Bilderbuch

Wolfs kriminelle Laufbahnbegann bereits als Minderjähriger. Er klaute, bevor Raub, räuberische Erpressung, Geiselnahme und andere Delikte dazukamen. Von 1981 bis 1999 saß Wolf ständig im Knast – und flüchtete regelmäßig: 1982 aus einem Haftkrankenhaus, 1988 aus einem Gefängnis, 1989 aus dem gelockerten Vollzug. Dennoch wurde ihm zur Jahreswende 1999/2000 erneut Hafturlaub gewährt. Damals sollte Wolf eine Gesamtstrafe von 21 Jahren verbüßen. Er kehrte nicht zurück. Neun Jahre nicht.

Im April 2000, kurz nach seiner Flucht, beging er einen der Banküberfälle, für den er sich in Wiesbaden verantworten muss. Mit einer Bombenattrappe erbeutete er in einer Hamburger Bank eine halbe Million D-Mark, nahm Geiseln. 2003 erleichterte er eine Bank in Eindhoven nach der gleichen Masche. Zwischendrin lebte er fast acht Jahre unter dem Namen David van Dijk in Frankfurt am Main bei einer ahnungslosen Freundin. 2009 entführte er die Ehefrau eines Wiesbadener Bankmitarbeiters und erpresste 1,8 Millionen Euro. Erneut tauchte er unter, hinterließ Spuren unter anderem in Berlin und München. Ein Mal entwischte er der Polizei um Haaresbreite: Der Flüchtige wurde in einem Wald bei Delmenhorst aufgeschreckt. Als die Polizei dort ankam, fand sie nur noch Wolfs überstürzt verlassenen Fluchtwagen.

Gefasst wurde Wolf schließlich vor knapp zwei Jahren vor einer Hamburger Kneipe. Eine Freundin Wolfs sei misstrauisch geworden, fand heraus, wer ihr Liebhaber ist – und verpfiff ihn bei der Polizei. Die Handschellen klickten im Mai 2009. Seitdem sitzt Wolf in Haft und wartet auf sein Verfahren. Wegen seiner Borreliose war der Prozessbeginn jedoch immer wieder verschoben worden.

"Intelligent, nett und ganz ruhig"

Anwalt Bremer beschreibt seinen Mandanten als "intelligent, nett und ganz ruhig". Der gebürtige Düsseldorfer spreche den Dialekt seiner Heimat und verfüge über "typisch rheinischen Humor". Dass dies nicht zu einem kaltblütigen Schwerverbrecher wie Wolf passt, muss Bremer einräumen. "Aber als Anwalt lernt man diese Leute eben ganz anders kennen", erklärt sich der Verteidiger. Um zu verstehen, "wie Wolf zu dem wurde, was er ist, wird er vor Gericht sein Leben schildern."

Ob Thomas Wolf das helfen wird? Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft betonte vorab, der Wiederholungstäter Wolf sei "ein Fall für die Sicherungsverwahrung". Ein entsprechendes Gutachten sei in Auftrag gegeben. Sollte das Gericht in seinem Urteil auf Sicherungsverwahrung entscheiden, wird Thomas Wolf vielleicht nie wieder auf freien Fuß kommen – es sei denn, er reißt wieder aus.

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