Tat er es aus Scham? Als er den Gerichtssaal von St. Pölten betrat, verbarg der Inzest-Täter von Amstetten sein weltweit bekanntes Gesicht hinter einer blauen Kladde. Kurz danach gab Josef Fritzl seine Schuld in den meisten Anklagepunkten zu. Doch bei den Vorwürfen Mord und Sklaverei sagte er mit fester Stimme: "Nicht schuldig!"

Verbirgt sein Gesicht vor den Fotografen: Josef Fritzl im Gericht von St. Pölten© Helmut Fohringer/AP
Mit einem Teilgeständnis hat am Montag im österreichischen St. Pölten der Inzest-Prozess gegen den 73 Jahre alten Josef Fritzl aus Amstetten begonnen. Fritzl bekannte sich in den Anklagepunkten Vergewaltigung, Freiheitsentziehung und Blutschande für teilweise schuldig. Den Vorwurf des Mordes und der Sklaverei wies er hingegen zurück. Der Prozess hatte kurz zuvor unter riesigem Medienandrang und strengstem Polizeischutz begonnen. Fritzl betrat ohne ein Wort zu sagen den Gerichtssaal in St. Pölten - und blieb auch auf Nachfragen stumm. Sein Gesicht hatte der 73-Jährige hinter einer blauen Aktenmappe versteckt, die er mit zitternden Händen hielt. Von der Seite war sein Kopf mit schütterem Haar zu sehen. Er wurde von mehreren Polizeibeamten begleitet. Knapp zwei Stunden nach Prozessbeginn wurde die Öffentlichkeit plangemäß von der Verhandlung ausgeschlossen.
"Dies ist die Tat eines Einzeltäters, nicht das Verbrechen eines ganzen Ortes, oder einer ganzen Nation", sagte die Vorsitzende Richterin Andrea Humer zum Auftakt des Prozesses. Anschließend wies die Staatsanwältin die Geschworenen auf die besondere Grausamkeit des Falles hin. Verteidiger Rudolf Mayer wandte sich in seiner Erwiderung gegen die Beschreibung seines Mandanten als "Monster". Fritzl habe nicht aus rein sexueller Lust gehandelt, sondern weil er eine Zweitfamilie haben wollte.
"Er zeigt Reue darüber, was er aufgrund seiner Persönlichkeit den Opfern angetan hat", sagte Mayer über seinen Mandaten. Der war in hellgrauem Sakko und dunkelgrauer Hose erschienen und antwortete leise, aber mit fester Stimme auf alle Antworten. Laut einem ärztlichen Gutachten liegt bei Fritzl eine schwere psychische Störung vor, er gilt jedoch als zurechnungsfähig. Mayer rechnet damit, dass Fritzl auch nach dem Verbüßen einer Strafe in einer geschlossenen Anstalt für abnorme Rechtsbrecher bleiben müsse.
Die wichtigste Zeugin im Prozess wird Fritzls Tochter E. sein, die 24 Jahre lang in einem schalldichten Verlies unter ihrem Elternhaus in Amstetten eingesperrt war. Die heute 42-Jährige, die von ihrem Vater viele Male vergewaltigt wurde, brachte in dem Keller sieben Kinder zur Welt, von denen sechs überlebten. Drei von ihnen mussten von Geburt an mit ihrer Mutter in den engen Räumen des Verlieses ohne Tageslicht ausharren. Anfangs habe Fritzl seine damals 18-jährige Tochter unter einem Vorwand in den von ihm schon lange vorher vorbereiteten fensterlosen Keller gelockt, berichtet Anklägerin Christiane Burkheiser. Dort habe er das Mädchen angekettet und immer wieder vergewaltigt. Neun Monate lang habe er sein Kind in dem fensterlosen und völlig dunklen Raum wie eine Sklavin gehalten, betonte Burkheiser. "Er kam, nahm sie und ging wieder." Erst später habe Fritzl das Kellerverlies wegen der inzwischen geborenen Kinder um zwei weitere winzige Räume erweitert.
Besonders ausführlich widmete sich die Anklägerin dem Fall des 1996 geborenen Zwillings Michael, der nach der Geburt an einer schweren Atemwegserkrankung litt. Trotz des verzweifelten Drängens seiner Tochter habe sich Fritzl geweigert, das Kind in eine Klinik zu bringen. Der Säugling starb nach wenigen Tagen. Fritzl verbrannte den kleinen Leichnam in einem Heizofen.
Fritzls Tochter wird von dem ganzen Schrecken berichten. Sie wird dazu jedoch nicht vor die Geschworenen am Landesgericht von St. Pölten treten - dies wäre der Frau kaum zuzumuten. Von der mehr als elf Stunden dauernden Aussage existieren Videoaufnahmen, die hinter verschlossenen Türen gezeigt werden sollen. Mit Rücksicht und zum Schutz sämtlicher Opfer, die seit dem Ende des Albtraums versuchen, in ein normales Leben zu finden, wird der größte Teil des auf fünf Tage angesetzten Prozesses ohnehin unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.
Die Schwere des Verbrechens hat Medienvertreter aus aller Welt ins niederösterreichische St. Pölten gelockt. Zu dem sogenannten Jahrhundertprozess sind rund 200 Journalisten zugelassen. Die Verhandlung wird von einem Großaufgebot an Polizei begleitet, da ein Anschlag auf den Angeklagten nicht ausgeschlossen werden kann.