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31. Mai 2011, 19:52 Uhr

Kachelmann wettert gegen Burda

Jörg Kachelmann ist frei - doch die Diskussion über den Prozess geht weiter. Es hagelt von allen Seiten Kritik: an den Medien, am Staatsanwalt, am Gericht. Und auch der TV-Moderator hat sich geäußert.

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Jörg Kachelmann (r.) und sein Anwalt Johann Schwenn im Gerichtssaal in Mannheim© Ralph Orlowski/Getty Images

Jörg Kachelmann ließ sich mit einer ersten Äußerung Zeit. Erst Stunden, nachdem er am Dienstagmorgen vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde, war von ihm öffentlich etwas zu vernehmen: ein Angriff auf den Burda-Verlag. Über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete er: "In der super illu, einem der traurigen gewaechse aus den elendsvierteln des deutschen journalismus von hubert burda steht wohl, dass ich … heute mit etwas sehr brisantem in die oeffentlichkeit gehen wuerde. Ok. Focus luegt, bunte luegt, aber superillu soll anders sein." Und dann folgt im nächsten Tweet die "Enthüllung": "Deshalb die brisante Nachricht: die kaltfront ist unterwegs und morgen ist es in weiten teilen deutschlands kaelter." Das war's, diese kurze - etwas kryptische - Äußerung in drei Tweets war alles, was der Wettermoderator nach neun Monaten Prozess zu sagen hatte. Jörg Kachelmann und sein Verteidiger Johann Schwenn hatten sich im Verlauf des Verfahrens vor dem Landgericht Mannheim mehrfach mit den Medien angelegt - insbesondere mit der im Burda-Verlag erscheinenden Illustrierten "Bunte", die Interviews mit Kachelmanns Ex-Geliebten veröffentlicht hatten, die als Zeuginnen vor Gericht auftraten.

Kachelmanns Verteidiger dagegen ließ es sich nicht nehmen, nach dem Urteil auf das Gericht zu schimpfen: Schwenn sprach von "Erbärmlichkeit im Gerichtssaal". Er warf dem Gericht vor, seinen Mandanten "aufs Schäbigste" behandelt zu haben. Die Kammer hätte ihn "zu gerne verurteilt", wenn "nicht zu viele Beweise" dem entgegen gestanden hätten. In der Urteilsbegründung hätte das Gericht "richtig nachgetreten", um "den Angeklagten maximal zu beschädigen".

Juristen kritisieren den Prozess

Kritik am Vorgehen der Beteiligten kam aber auch aus anderen Reihen: Der Regensburger Strafrechtsprofessor Henning Ernst Mueller sprach von "viel Kritikwürdigem an dieser Verhandlung". Die Staatsanwaltschaft sei "zu weit" gegangen, indem sie viele Informationen an die Presse gegeben habe. "Hart an der Grenze des Erträglichen" sei auch gewesen, dass Zeuginnen von der Presse außerhalb der Hauptverhandlung Geld für Interviews angeboten wurde.

Die Juristin Monika Frommel, Direktorin des Instituts für Sanktionenrecht und Kriminologie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, fällte ein vernichtendes Urteil: "Wir haben einen schrecklichen amerikanisierten Medienprozess erlebt." Der Freispruch für Jörg Kachelmann sei "zwingend, angesichts der schlechten objektiven Beweislage und angesichts der Aussage der Opferzeugin", sagte sie im Südwestrundfunk.

Bundesjustizministerin übt Kritik an Medien

Medienanwalt Christian Schertz forderte, den Umgang der Justiz mit den Medien zu prüfen. In der SWR-Talkshow "2+Leif" sagte er laut einer Mitteilung des Senders: "Wir werden prüfen müssen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, wo der bloße Vorwurf eines Fehlverhaltens zu einer derartigen Vernichtung bereits vor dem Urteil führt." Bei dem Prozess hätten eigentlich alle versagt.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kritisierte die Medien. "Rechtsstaatliche Verfahren drohen ausgehebelt zu werden, wenn die Beweisaufnahme vom Gerichtssaal in Talkshows verlagert wird", sagte sie der "Passauer Neuen Presse". "Die Unschuldsvermutung ist in Gefahr, wenn Medien ihr Urteil fällen, lange bevor Richter gesprochen haben."

Der Anwalt der Ex-Geliebten und Nebenklägerin sprach von einem "Freispruch dritter Klasse". In der Urteilsbegründung habe das Gericht klar gemacht, dass es "weder von der Unschuld von Herrn Kachelmann, noch von einer Falschaussage meiner Mandantin überzeugt" sei, sagte Thomas Franz der Illustrierten "Bunte".

Leyendecker: Schwarzer hat jegliches "Renommee" verloren

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer stellte sich weiter an die Seite der Nebenklägerin. "Man muss auch Respekt vor dem möglichen Opfer haben", sagte Schwarzer, die für die "Bild"-Zeitung den Prozess begleitet und für die Ex-Geliebte Partei ergriffen hatte.

Das brachte ihr weiter die Kritik von Journalistenkollegen ein. Hans Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung" sagte, mit ihrer Berichterstattung habe Schwarzer jegliches journalistisches Renommee verloren. "Die war ja nicht Berichterstatterin, sondern die hat sich selbst zum Mittelpunkt gemacht", kritisierte er im Deutschlandfunk. "Sie hat eine These gehabt, an der hat sie immer festgehalten." Die 68-jährige Feministin habe sich nicht an die journalistischen Grundsätze wie Objektivität gehalten, sondern immer nur den einen Film abgespielt, egal was passierte.

"Im Zweifel gegen das Opfer"

Den Opferverbänden bereitet das Urteil Sorgen: Wegen des Trubels um den Prozess und der Vorverurteilung der Nebenklägerin in Teilen der Öffentlichkeit würden sich Opfer sexueller Gewalt in Zukunft noch weniger trauen, Anzeige zu erheben, erklärte die Frauenrechtsorganisation Terres des Femmes.

Ähnlich sieht das der Opferschutzverein Weißer Ring. Dass ein Freispruch nach dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" häufig "Im Zweifel gegen das Opfer" bedeute, sei vielen Juristen nicht bewusst, sagte Veit Schliemann vom Weißen Ring.

Der Freispruch löst nach Einschätzung des Bundesverbandes deutscher Frauennotrufe Unsicherheit bei Vergewaltigungsopfern aus. "Damit bestätigt sich die schlimmste Befürchtung von Frauen. Die Angst, dass man ihnen eine Vergewaltigung nicht glaubt", sagte Gudrun Wörsdörfer vom Frauennotruf in Frankfurt.

ukl/DPA/AFP
 
 
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