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20. April 2005, 12:29 Uhr

"Es wird schwer, diesen Papst zu lieben"

Die Wahl Joseph Ratzingers ist im Konklave mit großer Einhelligkeit erfolgt. Die Reaktionen aus aller Welt hingegen reichen vom überschwänglichen Jubel bis zur groben Beleidigung.

Die internationale Presse reagierte mit geteiltem Echo© Mladen Antonov/AFP

International stieß die Wahl von Joseph Ratzinger zum Nachfolger von Papst Johannes Paul II. auf ein geteiltes Echo. In Lateinamerika wurde die Freude der Katholiken über den neuen Papst getrübt durch die Enttäuschung, dass das neue Kirchenoberhaupt nicht aus dem Teil der Welt stammt, in dem mehr als die Hälfte aller Katholiken wohnen.

In Lateinamerika, wo rund die Hälfte der weltweit 1,1 Milliarden Katholiken lebt, sei die Wahl von weiten Teilen der Gesellschaft bedauert worden, schrieb die konservative argentinische Zeitung "La Nacion". Die Zeitung befürchtet vor allem, dass der "Exodus" der Gläubigen verstärkt werde. Ratzinger könne den sozialen Bewegungen großen Schaden zufügen, warnte auch der Dominikanerpater Frei Betto, bis vor kurzem einer der engsten Berater des brasilianischen Präsidenten Luiz Lula da Silva. Sehr kritisch reagierte der bekannteste Vertreter der umstrittenen Befreiungstheologie in Brasilien, der Ex-Franziskanerpater Leonardo Boff. "Es wird schwer sein, diesen Papst zu lieben", sagte er. Der "Winter der Kirche" gehe weiter, so der Theologe. In Kolumbien warnte der angesehene Soziologe Fabian Sanabria gar vor einer "Teilung der katholischen Kirche vor allem in den USA und Europa". Positive Reaktionen kamen dagegen aus Argentinien und Mexiko. Der argentinische Staatschef Néstor Kirchner hat die Hoffnung, dass "der neue Papst ein guter" wird. Der Präsident von Mexikos Bischofskonferenz, José Ràbago sagte: "Wir freuen uns alle, weil der Herr uns den Papst geschenkt hat, den wir erwarteten."

Für einen Papst aus Afrika oder Lateinamerika hatte sich auch Südafrikas anglikanischer Erzbischof Desmond Tutu ausgesprochen. Benedikt XVI. sei streng konservativ und habe keinen Bezug zur Gegenwart, sagte der Friedensnobelpreisträger. Mit Blick auf die Haltung des Vatikans zur Aids-Bekämpfung und der Rolle der Frau fügte er hinzu: "Wir hatten auf jemanden gehofft, der den Entwicklungen in der Welt offener gegenübersteht." Nach der Wahl Ratzingers wird jedoch damit gerechnet, dass sich an der Haltung der katholischen Kirche zu Aids, Geburtenkontrolle, Rolle der Frau, Homosexualität und Zölibat wenig ändern dürfte.

Zurückhaltender reagierten dagegen die USA auf die Wahl des Deutschen zum Pontifex. US-Präsident George W. Bush lobte Benedikt XVI. als einen "Mann großer Weisheit und Wissens". Die US-Bischofskonferenz sicherte dem neuen Papst zwar ihre "Unterstützung, Ehrlichkeit und Liebe" zu, wollte sich aber nicht weiter äußern. "Wir müssen uns mit Urteilen zurückhalten", sagte New Yorks Kardinal Edward Egan. "Er ist wirklich ein wunderbarer, ruhiger, bedächtiger Mensch."

Auf den Philippinen, mit 70 Millionen Gläubigen das größte katholische Land Asiens, begrüßten die Katholiken den neuen Papst mit Freude. Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo hofft dass er "die Saat ist, um Konflikte zu beenden". Die chinesische Regierung gratulierte dem neuen Papst und nannte zugleich Bedingungen für eine Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen. Der Vatikan müsse Peking als einzig rechtmäßige Regierung Chinas und Taiwan ein untrennbaren Teil Chinas anerkennen. Ferner solle sich der Vatikan "nicht unter dem Deckmantel der Religion in innere Angelegenheiten Chinas einmischen". Dies sei eine von zwei Bedingungen, um das Verhältnis zwischen der Volksrepublik und dem Heiligen Stuhl zu verbessern, hieß es am Mittwoch in einer Erklärung des chinesischen Außenministeriums, mit der das Land Kardinal Joseph Ratzinger zu seiner Wahl als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gratulierte. "Zweitens darf sich der Vatikan nicht in unsere inneren Angelegenheiten einmischen, schon gar nicht aus religiösen Gründen", hieß es weiter.

Israel wünscht sich, dass der Dialog zwischen Vatikan und der Regierung weiter vorankommt. Außenminister Silwan Schalom zeigt sich sicher dass Ratzinger wie sein Vorgänger eine mächtige Stimme gegen alle Formen des Antisemitismus sein wird. Israelische Kommentatoren debattieren die Rolle des bisherigen deutschen Kardinals Joseph Ratzinger in der Hitler-Jugend und der Wehrmacht.

Die Presse in der Türkei hat den neuen Papst Benedikt XVI. fast einhellig als "Türkei-Gegner" vorgestellt. Als Beleg ziehen die Zeitungen Äußerungen von Joseph Kardinal Ratzinger heran, wonach der Platz der Türkei nicht in der Europäischen Union, sondern in der arabischen und islamischen Welt sei. Der Deutsche sei aus Sicht der Türkei "die letzte Wahl" gewesen, schrieb die Zeitung "Radikal". Die Zeitung "Sabah" bezeichnete Ratzinger als "ehemaligen Nazi". Auch andere weisen darauf hin, dass der Deutsche in jungen Jahren zur Hitlerjugend gehört habe. Gern zitiert werden Spitznamen der italienischen Presse wie "Panzer-Kardinal" oder "Rottweiler Gottes". Weniger bissig reagiert Italiens Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi: "Es ist ein Moment großer Freude für alle Italiener."

"Willkommen, Vater!" titelte die Boulevardzeitung "Super Express" in Polen. Trotz ihrer Trauer um Johannes Paul II. heißen die Polen den Deutschen wilkommen. Benedikt XVI. steht nach Ansicht vieler Polen für die Kontinuität des Pontifikates von Johannes Paul II. - dass der "Neue" ausgerechnet ein Deutscher ist, schreckte nur die Nationalisten unter denjenigen, die im Internet und auf der Straße die Papstwahl kommentierten.

Großbritannien ist vor allem die Zusammenarbeit mit dem Heiligen Stuhl in Angelegenheiten von internationaler Bedeutung wie Afrika und Entwicklung wichtig. Der britischer Premier Tony Blair hat verstärkte Entwicklungshilfe für Afrika und einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder zum Hauptthema der derzeitigen britischen G8-Präsidentschaft gemacht. Papst Johannes Paul II. hatte diese Ziele unterstützt.

AP/DPA/Reuters
 
 
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