Er ist der Mann, der mutmaßlich den Leichnam der ermordeten Sozialistin Rosa Luxemburg entdeckt hat: der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos. Im stern.de-Interview spricht er über die jüngsten Fortschritte im Fall Luxemburg, seinen Einsatz bei der Tsunami-Katastrophe - und jährlich 1200 ungesühnte Tötungsdelikte in Deutschland.

Wo ist die Leiche? Am Grab von Rosa Luxemburg werden jedes Jahr am 11. Januar, dem Tag ihrer Ermordung, Nelken niedergelegt© Markus Schreiber/AP
Anfang 2007, als ich die derzeit in unserem Medizinhistorischen Museum laufende Ausstellung "Vom Tatort ins Labor" vorbereitete, haben wir in unseren Sammlungen nach vorzeigbaren Stücken gesucht. Da entdeckten wir auch diese Leiche, die einzige komplette Leiche, die wir in unseren Beständen haben. Sie war aber nicht zuzuordnen, hatte keine Leicheneingangsnummer, kein Jahrgang. Heute ist das undenkbar, dass wir ganze Leichen bei uns zurückhalten, vor 50, 60 Jahren hingegen war das aber nicht ungewöhnlich. Dieser verhärtete Fettwachsleichnam lag im Keller des Museums und befand sich vorher jahrzehntelang in einem Schaugang hinter Glas im Rechtsmedizinischen Institut der Humboldt-Universität an der Hannoverschen Straße.
Zunächst waren es nur Gerüchte, die mir zugetragen wurden. Ich habe dann nachgeforscht, ob die Leiche Rosa Luxemburgs überhaupt in unserem Institut war, habe mir die Archivbücher von 1919 besorgt und festgestellt, dass ihre Leiche im Juni jenes Jahres von Mitarbeitern unseres Instituts obduziert worden ist. Unsere Fettwachsleiche war aber sicher nicht obduziert worden, kann also, dachte ich, nicht der Luxemburg-Leichnam sein. Um sicher zu gehen, habe ich mir aus dem Militärarchiv in Freiburg die Obduktionsprotokolle kommen lassen und sie mit unseren verglichen - und ich stellte fest, dass die Leiche, die damals obduziert wurde, auf keinen Fall die Leiche Rosa Luxemburgs gewesen sein konnte.
Da wird am 3. Juni 1919 eine unbekannte weibliche Wasserleiche obduziert, bei der die Todesursache nicht sicher festgestellt werden konnte, bei der ganz klar protokolliert ist, dass sie keinen Hüftschaden hat, den die Luxemburg eben hatte, und die nicht identifiziert worden ist. Zehn Tage später ist das plötzlich, in einem weiteren Protokoll, die Leichensache Rosa Luxemburg - ohne dass irgendetwas zur Identifizierung erfolgt war. Das ist geradezu grotesk. Wenn Historiker behaupten, dass die Luxemburg von ihrer Sekretärin Mathilde Jacob über ihr Medaillon identifiziert worden sei, ist das für mich als Rechtsmediziner kein Beweis. Zumal die Sozialistin nach historischem Sachstand im Hotel Eden ausgeplündert worden war, sodass sie vermutlich nicht mit irgendwelchen Wertsachen wie diesem Medaillon in den Landwehrkanal geworfen wurde. Es gibt außerdem keinen Hinweis, dass diese Wasserleiche ein Medaillon um den Hals trug.
Fritz Strassmann, Gründer der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, war sicherlich ein großartiger Rechtsmediziner. Und der schreibt am 3. Juni 1919 ein ganz normales Protokoll zu einer unbekannten Leichensache. Was dann in den nächsten zehn Tagen passiert ist, weiß ich nicht. Kann sein, dass da ein immenser Druck auf ihn ausgeübt wurde. Denkbar auch, dass in dieser Zeit, in der täglich mehrere Menschen von rechten Freikorps-Leuten erschossen wurden, unter dem Druck des Militärs eben diese Leiche als die Rosa Luxemburgs deklariert werden musste, um sie schnell unter die Erde zu bringen. Das können Sie im Protokoll richtig herauslesen, wie man versucht hat, daraus eine Leichensache Luxemburg zu machen.
Uns ist es 2007 gelungen, aus Lebergewebe dieser Fettwachsleiche ein Teil-DNA-Profil zu erstellen, was für einen Abgleich reichen würde. Dann haben wir uns aus dem Bundesarchiv mehrere Briefe Rosa Luxemburgs besorgt, um die aufgeklebten Briefmarken auf Speichelreste zu untersuchen. Da war aber kein Speichel dran. Erfolglos blieb auch die Untersuchung einer Postkarte, die sie aus dem Gefängnis geschrieben hatte. Ich habe dann versucht, über die Friedrich-Ebert-Stiftung und andere Anlaufstellen an authentisches Material von Rosa Luxemburg zu kommen, ebenfalls vergebens. Dann gab es zwei Möglichkeiten: die Leiche anonym bestatten zu lassen oder noch mal an die Öffentlichkeit zu gehen, um auf diesem Weg Vergleichsmaterial von Rosa Luxemburg zu erhalten.
Derzeit gibt es zwei heiße Spuren. Ich bin vor einigen Tagen in Warschau gewesen, wo ich ein so genanntes Herbarium von Rosa Luxemburg eingesehen und Abstriche daraus gemacht habe - aus 17 Heften, in die sie akribisch und sauber Blumen eingeklebt hat, die heute noch eine unglaubliche Farbqualität haben, und in denen sie diese botanischen Fundstücke mit Füller oder Bleistift wissenschaftlich beschrieb. Das ist natürlich eine mögliche Quelle für DNA-haltiges Material, weil diese Hefte noch nicht durch unzählige Historiker-Hände gegangen sind. Das Spurenmaterial befindet sich jetzt bei unseren forensischen Genetikern, die es untersuchen werden. Daneben gibt es noch persönliche Gegenstände von Rosa Luxemburg aus Privatbesitz - die Familie, die noch nicht genannt werden will, ist aber bereit, diese Gegenstände auf mögliche DNA-Spuren untersuchen zu lassen, um die dann mit anderen Spuren aus dem Herbarium und dem DNA-Profil aus dem Lebergewebe abgleichen zu können. Gibt es da keine Treffer oder Übereinstimmungen, werden wir die Leiche eben anonym bestatten lassen müssen.
Unverantwortlich wäre es gewesen, wenn ich diese ganzen Untersuchungen nicht angestellt und den Leichnam trotz aller positiven Hinweise und Erkenntnisse umgehend anonym beerdigt hätte. Wir haben in Kiel eine Radiocarbon-Datierung zur Altersbestimmung machen lassen - die Leiche kommt demnach aus der Zeit Rosa Luxemburgs. Wir haben die Leiche computertomographisch untersucht - und einen Hüftschaden und eine Beinlängen-Differenz festgestellt. Wir haben immer auch nach Ausschlusskriterien gesucht, nach Hinweisen, die ganz klar widerlegen, dass das die Leiche von Rosa Luxemburg ist - und bislang keine gefunden. Ich sage: Sie könnte es sein. Mehr nicht.
Hier auf dem Gelände der Berliner Rechtsmedizin, gut und sicher verwahrt.
Zur Person Prof. Dr. Michael Tsokos, 42, leitet das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Als Mitglied der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamtes war er an zahlreichen gerichtsmedizinischen Projekten im In- und Ausland beteiligt, u. a. 1998 in Bosnien. Für seinen Einsatz zur Identifizierung deutscher Tsunami-Opfer in Thailand erhielt das Team 2005 den Medienpreis Bambi.