. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
18. Juli 2008, 11:34 Uhr

"Ihr Haus ist mir scheißegal"

Ein rechtsextremer Mietnomade terrorisiert Hauseigentümer und ihre Familien im niedersächsischen Bleckede bei Lüneburg. Polizei und Justiz kapitulieren. Die Schutzgemeinschaft Haus & Grund Deutschland will den Fall zum Anlass nehmen, um eine Gesetzesänderung durchzusetzen. Von Kerstin Schneider

Dennis Peters vor "seinem" Haus, das Mietnomaden besetzt halten© Peter Meyer

Als Dennis Peters das rot geklinkerte Doppelhaus in Bleckede bei Lüneburg zum Schnäppchenpreis von 142.000 Euro ersteigert, kann er sein Glück kaum fassen. Bleckede ist ein Idyll an der mittleren Elbe in Niedersachsen. Fachwerkhäuser, die zu den schönsten Deutschlands gehören sollen und auf deren Dächern Störche nisten, locken Touristen an. Zum Haus gehört ein Garten und ein Stück Wald - 3.500 Quadratmeter groß - durch das man manchmal Rehe huschen sieht.

Dass das Haus noch bewohnt ist, hält Peters für unproblematisch. "Ich dachte, man wird sich mit den Mietern schon irgendwie einigen", sagt er. "Außerdem wussten die ja schon beim Einzug, dass das Haus zwangsversteigert werden sollte." Gemeinsam mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern, fünf und neun Jahre alt, fährt er zum Haus. Das, was dann geschieht, schildert Peters bei der Polizei später so: Auf dem Waldweg neben dem Haus sei er plötzlich von zwei Autos eingekeilt worden. Ein Mann, wie sich später herausstellt der Mieter P., sei aus einem Wagen gesprungen. P. sei mit einem Holzknüppel bewaffnet gewesen und habe ihn zwei Mal auf den Arm geschlagen. Dabei habe er geschrien: "Wenn du dieses Haus kaufst, bringe ich euch um."

Dennis Peters erstattet Anzeige. Und fängt an zu recherchieren. Schnell wird er fündig: Sein Mieter P. war bis zu seiner "Abwahl" im Jahr 2004 "Innenminister" der "Kommissarischen Regierung des Deutschen Reichs". Die Gruppierung, in der sich nach Meinung von Experten "Spinner und Rechtsextremisten" tummeln, wird in einigen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet.

"Das Deutsche Reich besteht fort"

Die selbsternannte Reichsregierung spricht der Bundesrepublik Deutschland die Existenzberechtigung ab und geht davon aus, dass das "Deutsche Reich" in den Grenzen von 1937 fortbestünde. Ein Mühlhausener Oberstaatsanwalt verpasste der Gruppierung einmal den Spitznamen: "IG Vollmeise". Doch nicht nur der Fall aus Bleckede zeigt, dass es sich keinesfalls um harmlose Spinner handelt.

In den vergangenen Jahren sorgte die "Kommissarische Reichsregierung" unter anderem für Schlagzeilen, weil sie Todesurteile gegen Beamte und Politiker verhängte. So zum Beispiel gegen einen Mitarbeiter des Bauordnungsamtes in Nordhausen, der sich weigerte, eine "Baugenehmigung" vom "Deutschen Reich" anzuerkennen. Als dieser Fall vor Gericht verhandelt wurde, reiste fast die komplette "Reichsregierung" an - darunter auch P., wie ein altes Foto beweist. An anderer Stelle wird P. in einer Zeitschrift als "Innenminister" zitiert, der darauf "beharre", Herr über "340 Staatsdiener" zu sein.

Während sich die Mitglieder des "Deutschen Reichs" früher um den selbsternannten "Reichskanzler" Ebel, einem Ex-Eisenbahner aus Berlin, sammelten, ist die Bewegung inzwischen zersplittert. Überall bilden sich neue "Reichsregierungen". Eine davon, so behauptet ein Insider gegenüber stern.de, soll P. gegründet haben: "P. hat längst eine eigene Reichsregierung", sagt der Mann. Tatsächlich schart P. in den beiden Doppelhaushälften in Bleckede viele Männer und Frauen um sich. Sie übernachten dort, melden sich sogar bei der Gemeinde an. Neue "Staatsdiener"?

Aussage steht gegen Aussage

Dennis Peters fühlt sich jedenfalls fortan von P. und seinen Leuten verfolgt. "Sie lauerten sogar vor der Schule meiner Töchter. Versuchten, uns mit dem Auto von der Straße abzudrängen", behauptet er. Seine dunkelhäutige Ehefrau hätten P. und seine Leute als "Negerhure" beschimpft. Dennis Peters geht zur Polizei. Doch auch P. und seine Leute erstatten Anzeige, weil sie sich von Dennis Peters verfolgt fühlen.

Die Polizei hat es schwer. Immer steht Aussage gegen Aussage. Wer verfolgt hier wen? Und Dennis Peters kann sehr penetrant werden. Inzwischen hat er Räumungsklage gegen P. eingereicht. Wegen Eigenbedarfs. Außerdem zahlt P. keine Miete. Aus Zivilstreitigkeiten hat sich die Polizei rauszuhalten. Doch selbst, als Dennis Peters am Telefon klagt, dass P. und seine Gefolgsleute gedroht hätten, sein Haus "abzufackeln", weigert sich die Polizei einzuschreiten. "Ihr Haus ist mir scheißegal", rutscht es Hauptkommissar R. am Telefon raus. Der Beamte ahnt nicht, dass Journalisten über Lautsprecher mithören. "Sch...egal ist leider passiert und lässt sich auch nicht schönreden", räumt kurz darauf die Polizeiinspektion Lüneburg schriftlich gegenüber stern.de ein. Denn Polizisten müssen Gefahren abwehren. Alles andere wäre eine Verletzung von Dienstpflichten. Dennoch, so beteuert der Leiter der Einsatzabteilung, "haben sich meine Mitarbeiter nichts zu Schulden kommen lassen". Hauptkommissar R. muss keine disziplinarrechtlichen Konsequenzen fürchten. "Dass sich meine zum Teil vielleicht sogar verunsicherten - Zivilrecht wird bei uns nur eher stiefmütterlich gelehrt und behandelt - Kollegen nicht mit übereilten Handlungen 'in die Nesseln' setzen wollen, kann ich nachvollziehen", schreibt der "Leiter Einsatz" von der Polizeiinspektion Lüneburg an stern.de.

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Mietnomaden Schnorren auf Vermieterkosten

Sie sind der Alptraum jedes Vermieters. Mietnomaden, jene Zeitgenossen, die keinen Cent Miete bezahlen und den Vermieter schließlich auf einem Berg von Kosten sitzen lassen. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe