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Ladenschluss für Thor Steinar

Er hatte nur einen Monat geöffnet, der Thor-Steinar-Laden in Hamburg. Wie in der Hansestadt rührt sich bundesweit Widerstand gegen die Etablierung einer Marke, die Rechten als Erkennungsmarke ihrer Ideologie gilt. Ende Oktober wird in Naumburg der Fall des umstrittenen Thor-Steinar-Ladens in Magdeburg verhandelt.

Von Manuela Pfohl

Eigentlich wollte sie nur ein paar Blasenpflaster kaufen. Drinnen in der Drogerie. Doch die Touristin hat Pech. Die Shopping-Passage der HSH-Bank in Hamburg ist mal wieder vorübergehend dicht gemacht worden. Grund ist das Geschäft, das Ende September zwischen einer Drogerie und einem Geschenkeladen aufgemacht hat: "Brevik". Hier gibt es Thor-Steinar-Bekleidung, die bei Rechten beliebt und bei Linken verhasst ist. Polizisten mit Helmen und Schlagstöcken haben quer vor dem Eingang zur Passage Absperrgitter aufgestellt, um den "Brevik" vor den Demonstranten zu schützen, die seit der Geschäftseröffnung täglich draußen stehen und in Sprechchören rufen: "Nazis raus."

Christian Buchholz von der HSH-Bank sagt: "Hätten wir geahnt, was die hier verkaufen wollen, hätten wir nie an die vermietet." Die, das ist die Protex GmbH mit Sitz im brandenburgischen Zeesen. Das Unternehmen ist über seinen Geschäftsführer Uwe Meusel schon seit Jahren im heftig umstrittenen Geschäft mit Thor-Steinar-Ware. Kleidung, die in der rechten Szene als Erkennungszeichen unter Gleichgesinnten gilt. Meusel versucht immer wieder bundesweit seine Läden zu etablieren. Sein strategisches Ziel ist es offensichtlich, die besten Lagen und Einkaufszentren in großen Städten zu gewinnen - und damit gut zu verdienen.

"Arglistige Täuschung"

Ein Blick auf den Umsatz scheint das zu bestätigen. Nach Auskunft der Wirtschaftsdetektei Creditreform ist Meusel als Geschäftsführer der Protex GmbH gleichzeitig auch Geschäftsführer der Mediatex GmbH. Die wiederum gab für 2005 einen Jahresumsatz von zwei Millionen Euro an. Aktuellere Zahlen werden seitens der Geschäftsleitung nicht mehr genannt. Das Geschäftsfeld der Mediatex GmbH ist laut Creditreform der "vorrangige Handel mit der Marke Thor Steinar". Die immer wieder geäußerte Vermutung linker Aktivisten, ein Teil des Gewinns fließe in die Kassen rechter Gruppen, konnte bislang nie bewiesen werden.

Die HSH-Bank als Eigentümerin der Passage behauptet, nicht gewusst zu haben, dass Meusel Thor-Steinar-Bekleidung in seinem Hamburger Geschäft verkaufen will. Sie sei davon ausgegangen, dass im "Brevik" neutrale Sport- und Outdoorbekleidung angeboten würde. Buchholz: "Aus unserer Sicht liegt hier eine arglistige Täuschung vor." Im Übrigen stelle das Geschäft eine "ständige, latente Gefährdung der öffentlichen Sicherheit in der Passage und den umliegenden Plätzen dar". Eine Einschätzung, die die Hamburger Polizei teile. Deshalb soll der Thor-Steinar-Laden auch so schnell wie möglich wieder geschlossen werden. Schon Ende Oktober muss die Protex GmbH wieder ausziehen. Deren Sprecher, Rainer Schmidt, erklärt seinerseits, aufgrund der "Gefährdung der Allgemeinheit durch kriminelle Elemente" habe man sich zur Aufgabe des Geschäftes entschieden.

Kein Klischee passt

Die Demonstranten, die draußen im Nieselregen stehen, feiern das als Sieg. Einige der Passanten, mit denen sie diesen Sieg teilen wollen, sind da ganz anderer Meinung. "Ich sehe hier keine Nazis", wettert ein älterer Herr. "Nur linke Chaoten." Eine Frau meint: "So lange die Rechten friedlich sind, und keinem was tun, soll man sie doch in Ruhe lassen."

Wie ein "Naziladen" und eine "öffentliche Gefahr" sieht der "Brevik"-Laden tatsächlich nicht aus. Hier liegen weder "Landser"-Kitsch noch CDs der einschlägig bekannten rechten Bands auf dem Ladentisch. Hier gibt es Holzregale, in denen ordentlich gestapelt T-Shirts liegen, die auf den ersten Blick ganz und gar unverfänglich wirken. Auf Kleiderständern hängen Wetterjacken, wie sie jede Sportabteilung der umliegenden Kaufhäuser ebenfalls anbietet. Einziger Unterschied sind die Slogans, die man erst sieht, wenn die Kleidungsstücke auseinandergefaltet werden. "Luftlandedivision" beispielsweise und der Schriftzug Thor Steinar. Auch die Kunden sind von denen der anderen Läden nicht zu unterscheiden. Keine Glatzen mit Springerstiefeln. Kein Klischee, das passt. Stattdessen gibt es an den Wänden Plakate mit Wikingerschiffen und über der Eingangstür die Flagge Norwegens.

"Und genau das ist die große Gefahr", meint Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung, einer bundesweiten Initiative für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur. "Thor Steinar ist das Bindeglied in der rechten Szene. Die Kleidung zu tragen, ist zwar nicht verboten, zeigt aber nach außen ganz klar, welche politische Überzeugung die Träger haben. Damit wirkt sie quasi identitätsstiftend."

An der Grenze zur Strafbarkeit

Unbestritten ist für Reinfrank, dass die Thor-Steinar-Läden es "mit ihrem harmlosen, oft biederen Auftritt schaffen, den Rechten einen Platz in der Gesellschaft zu sichern, den sie mit den üblichen Szeneläden nie bekommen würden." Dass sich hinter der Fassade von Abenteuer, Freiheit und nordischer Mythologie strafrechtlich relevante Ideologien verbergen, versuchen Landeskriminalämter, Staatsanwaltschaften und Gerichte seit Jahren zu beweisen.

So erklärte das Landgericht Neuruppin im November 2004 in einem Beschluss, das öffentliche Verwenden des (alten) Logos der Marke Thor Steinar sei eine Straftat, weil es dem Symbol einer verfassungsfeindlichen Organisation zum Verwechseln ähnlich sehe. Zuvor hatte bereits das Amtsgericht Prenzlau den Träger eines Thor-Steinar-Pullovers zu einer Geldstrafe verurteilt, weil bei dem Logo der Bezug zum Nationalsozialismus eindeutig zu erkennen sei. Nach Einschätzung des Brandenburger Verfassungsschutzes nehmen die Schriftzüge auf den Kleidungsstücken "inhaltlich (…) Bezug auf vorchristlichen Germanenkult und eine glorifizierende Sicht der Wehrmacht". Charakteristisch für das Sortiment sei ein "Spiel mit mehr oder weniger verhohlenen Andeutungen an der Grenze zur Strafbarkeit".

Im Februar 2008 zeigte der norwegische Staat die Marke wegen "widerrechtlicher Verwendung staatlicher Hoheitszeichen" an. "Wir wollen, dass unsere Staatsflagge als Symbol des demokratischen Norwegens nicht weiter in Verbindung mit dem rechtsextremen Milieu gebracht wird", erklärte der norwegische Gesandte, Andreas Gaarder, damals dem Berliner "Tagesspiegel". Und lobte das zivilgesellschaftliche Engagement von Anwohnern und Politikern gegen die Modemarke und ihre Läden.

Lösung auf kaufmännischer Basis

Nach Protesten von Anwohnern hatten in der Vergangenheit bereits in Berlin, Leipzig, und Dresden Thor-Steinar-Läden schließen müssen. Am Oberlandesgericht Naumburg wird es Ende Oktober eine Verhandlung geben zum Streit über die Schließung eines Ladens in Magdeburg. Dort hatte die Wohnungsgesellschaft Gero AG - wie die Hamburger HSH-Bank - geltend gemacht, vom Betreiber des Geschäfts über das Warenangebot getäuscht worden zu sein.

Die Hamburger HSH-Bank wollte das Problem mit den unangenehmen Mietern außergerichtlich lösen. Dass sie dafür eine großzügige Zahlung an die Protex GmbH geleistet hat, bestreitet HSH-Sprecher Buchholz. In einer Presseerklärung heißt es: "Der Mieter wird für den von uns geforderten Auszug aus der Passage keine Prämie erhalten - diese Lösung ist ausgeschlossen." Protex-Sprecher Rainer Schmidt erklärt dazu: Eine "einvernehmliche Lösung auf kaufmännischer Basis" sei gefunden worden.

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