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Sturm im Pinkelbecken

Der bizarre Streit um mundförmige Herrentoiletten schlug so hohe Wellen, dass ein Museum zu einer kleinen Weltberühmtheit wurde.

Von Björn Vogt, Lüchow

Es kommt nicht oft vor, dass es Toiletten in die Zeitung schaffen. Und wenn doch, sind sie entweder teuer, ungepflegt, zerstört oder alles zusammen. Eine Ausnahme machen nun Urinale im wendländischen Lüchow: Die Aborte im örtlichen Rollings-Stones-Museum haben es sogar geschafft, innerhalb von zwei Wochen zu einer kleinen Weltberühmtheit zu werden. Von der erfolgreichen US-Klatsch- und Tratsch-Site TMZ.com, über die nambische "Allgemeine Zeitung", der einflussreichen "Huffington Post" bis zur "Pakistan Daily Times" - sie alle berichten über den "Pinkel-Streit in Deutschland".

Der Auslöser für die globale Berichterstattung ist eigentlich ein Kunstwerk. Die niederländische Designerin Meike van Schijndel hatte die Pinkelbecken in Form eines geöffneten und nach eigener Aussage "geschlechtslosen" Mundes entworfen. Die Lippen erinnern an einen Frauenmund aber eben auch an die von Mick Jagger. Vor allem aber an das berühmte Zungenlogo der Rolling Stones. Als Ulli Schröder, 62, Gründer des Rolling-Stones-Fan-Museums, die Urinale entdeckte, schaffte er sie wegen der Ähnlichkeit sofort an. Seitdem erleichtern sich im Zentrum von Lüchow die Herren in geöffnete Porzellanmünder.

Die Gleichstellungsbeauftragte gab nicht auf

Vor einem halben Jahr veröffentlichte die dortige "Elbe Jeetzel Zeitung" ein Dutzend Leserbriefe, in denen sich Frauen über die Toiletten beschwerten. Sie fühlten sich diskriminiert. Was genau die Damen auf Männerklos zu suchen hatten, blieb ungeklärt, aber die Aufregung ebbte ohnehin schnell wieder ab. Nur die ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte der Region, Marianne Jönsson-Olm, gab nicht auf und forderte nachdrücklich den Rück- oder Abbau, auf jeden Fall das Verschwinden der "anstößigen" Pinkelbecken.

Doch nichts geschah. Erst als die "Bild"-Zeitung das Thema Ende Januar aufgriff und neben der Frage "Ist dieser Pipi-Kram frauenfeindlich?" den ernst dreinblickenden Museumsbesitzer abbildete, kam Schwung in die Sache. Innerhalb weniger Tage machte die Geschichte die Runde. Nach nur einer Woche zeigte Google 7.890.000 Treffer für den Suchbegriff "Stones Urinal". Plötzlich fanden auch die "Los Angeles Times" den "Aufruhr" meldenswert, ebenso wie die "International Business Times", der TV-Sender NBC New York, die argentinische Zeitung "TN", der "New Musical Express", MTV, und AdelaideNow aus Australien.

"Die Dinger waren schweineteuer"

Damit nicht genug, der bizarre Streit um "frustrierte Wendländerinnen" inspirierte die TMZ.com zu einem kurzen Film, der Museumsinhaber Schröder als Hitler-Karikatur zeigt, die mit rollendem "R" darauf besteht, dass die Pissoirs hängenbleiben. Das war natürlich lustig gemeint, trifft aber insofern die Gefühlslage des Lüchowers, als er sich tatsächlich vehement weigert, den Wunsch der zwei Handvoll Bedenkenträgerinnen zu erfüllen. Der Stones-Fan und Ex-Banker, der sich mit dem Museum einen alten Traum erfüllt hat, kommentierte die Angelegenheit nur mit den Worten: "Mir ist das egal. Die Dinger waren schweineteuer. Und bleiben hängen."

Die Klos waren ursprünglich die Diplomarbeit der Holländerin Meike van Schijndel. Sie lebt jetzt in Spanien und freut sich über die weltweite Aufmerksamkeit. "So etwas kenne ich schon", sagt sie. Denn der Protest gegen ihre Urinale ist nicht neu. So mussten schon 2004 frühere Exemplare in der Lounge der Fluggesellschaft Virgin Atlantic am JFK-Flughafen in New York abgebaut werden. Auch damals echauffierten sich Frauenrechtlerinnen. "Der Airline-Besitzer Richard Branson hatte Stornierungen von weiblichen Kunden, da musste er reagieren", sagt Ulli Schröder.

Weltweite Aufruhr wie ein "Sechser im Lotto"

Letztlich aber hätte dem Museumschef kaum etwas besseres passieren können als der "Aufstand der angepissten Frauen". Der Lüneburger Verleger Christian von Stern etwa gratulierte Schröder zu seinem "Sechser im Lotto", wie er das weltweite Medienecho nennt. Es sei nie vorhersehbar, welches Thema eine solche Dynamik gewinnt, dass es um den Erdball läuft. Aber Schröders Pissoirs hätten es geschafft, sagt er. Und spätestens jetzt, im Jahr 50 der Rockband, weiß auch jeder, dass im Wendland, bislang eher als Atomklo der Nation bekannt, dass erste Stones-Museum der Welt steht.

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