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Das Ende einer Sturmfahrt

Es war schon vom Ende der "Gorch Fock" die Rede, nun ist sie wieder zurück in Kiel. Die Anwohner bereiten dem Schulschiff einen herzlichen Empfang. Für sie ist der Segler vor allem ein Stück Heimat.

Von Niels Kruse, Kiel

Ten o'clock sharp", sagt die grauhaarige Dame am Sporthafen Wik. "Das ist die Marine", antwortet ein älterer Herr neben ihr. Der Blick der beiden schweift über die Kieler Förde, unzählige Boote und Schiffe schippern auf dem ruhigen Wasser vorm Marinestützpunkt: Schlepper, Zweimaster, Schlauchboote, Yachten und natürlich die Küstenwache. Am wolkenlosen Himmel drehen Hubschrauber und Motorflieger ihren Runden. Es ist nicht die "Kieler Woche", es ist die Stunde der "Gorch Fock". Sie sind gekommen, um das Aushängeschiff der deutschen Marine zu empfangen. Um zehn Uhr morgens, pünktlich auf die Minute, landet das Segelschulschiff an der Tirpitzmole an, die Segel sind eingeholt.

Das Bundeswehr-Musikkorps ist noch auf der anderen Seite des Anlegers am Hindenburgufer zu hören, ebenso wie Hunderte von Besatzungsangehörigen, die klatschen und pfeifen, johlen und jubeln. Es ist ein Empfang, wie ihn der Ausbildungssegler lange nicht mehr erlebt hat, aber dieser Törn war auch alles andere als normal. Er begann im Oktober vergangenen Jahres mit dem Plan, erstmals das legendäre Kap Hoorn im Süden Chiles zu umrunden und entwickelte sich zum dunkelsten Kapitel in der 53-jährigen Geschichte des Schiffs. Und bislang weiß niemand, ob und wie es weitergeht mit der "Gorch Fock". Im schlimmsten Fall droht dem Schiff nach 53-jährigem Dienst das endgültige Aus.

"Ausgerechnet eine Offiziersanwärterin kam ums Leben"

Die "Gorch Fock", da sind sich viele der Schaulustigen an diesem Freitagmorgen einig, darf nicht ausgemustert werden. "Sie ist ein Stück Heimat", sagt Maria Schnitzler, während sie andächtig den anlegenden Dreimaster beobachtet. Schon ihr Vater und ihr Großvater waren in Kiel bei der Marine, sie selbst wohnt mit Blick auf die Tirpitzmole. "Als Kind habe ich immer davon geträumt, auf der 'Gorch Fock' mitfahren zu dürfen." Aber damals sei das als Frau ja nun mal nicht möglich gewesen. Und heute? "Dass es ausgerechnet eine Offiziersanwärterin war, die aus der Takelage gefallen ist, ist traurig", sagt die ältere Dame vom Sporthafen Wik, eine Gymnasiallehrerin, die ihren Namen nicht nennen will. "Die Marine ist ja schon eine Männerclique, jetzt haben sie wieder einen Grund gegen Frauen an Bord zu wettern."

Es war der Morgen des 7. November, als das Unglück begann: Die "Gorch Fock" liegt vor Salvador da Bahia an der brasilianischen Küste. Die 25-jährige Sarah Lena Seele aus Bodenwerder absolviert ihren zweiten Ausbildungstag an Bord, muss in die Takelage zum Aufentern. Um 10.18 Uhr, die jungen Auszubildenden haben diese extrem anstrengende Übung schon einige Male wiederholt, verlassen Sarah Lena die Kräfte. Sie stürzt aus 27 Metern in die Tiefe, bei ihrer Landung bricht sie sich Schultern, Arme, Beine und Hüfte. Sie wird notoperiert, doch es hilft nichts, zwölf Stunden später ist Sarah Lena tot.

Wenige Jahre zuvor starb schon einmal eine Kadettin

Der Unfall löst in Deutschland Entsetzen aus. Zumal wenige Jahre zuvor schon einmal eine "Gorch-Fock"-Kadettin ums Leben gekommen war: Im September 2008 stürzte die 18-jährige Jenny Böken vor Norderney über die Reling. Warum genau, ist bis heute offiziell nicht geklärt, die Eltern sprachen von sexueller Nötigung. Nach dem zweiten Todesfall wird die Ausbildung auf der "Weißen Lady" beendet, die Offiziersanwärter werden nach Deutschland zurückgeflogen. Es beginnt die Zeit der Ermittlungen.

Im Bericht des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus zu den Zuständen auf der "Gorch Fock" werden heftige Vorwürfe erhoben: Meuterei, sexuelle Belästigung, Mobbing, unverhältnismäßiger Drill, massiver Druck auf Auszubildende. Karl-Theodor zu Guttenberg, damals Verteidigungsminister, will Entschlossenheit zeigen und entlässt den Kommandanten Norbert Schatz. Später werden Ermittlungen der Marine selbst die Anschuldigungen weitgehend entkräften. Dennoch: Die Diskussion über Sinn und Unsinn, Kosten und Nutzen des Marineschulschiffs ist voll entbrannt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Politik und Bundeswehr wollen an der "Gorch Fock" festhalten und Sarah Lenas Freund fordert besseren Arbeitsschutz ein

"Tradition ist immer Bestandteil des Jetzt"

Am Hindenburgufer haben sich auch die engsten Freunde von der verunglückten Sarah Lena versammelt. Sie dürfen nicht auf die Tirpitzmole, weil sie keine nahen Verwandten sind, aber sie haben Transparente dabei: "Sarah - wir werden Dich niemals vergessen" steht auf einem. Auf dem anderen: "Auf der 'Gorch Fock' darf niemand sterben - Arbeitsschutz?". Eine ungewöhnliche Aufschrift für eine Trauerbekundung. Sarahs Partner Daniel Wagner sagt dazu nur: "Die deutschen Gesetze für Arbeiten in Höhen gelten überall, nur auf der "Gorch Fock" nicht. Das muss geändert werden."

Natürlich verfolgen die Menschen hier in Kiel die Berichterstattung. Nicht alle glauben der Darstellung der Marine, den Medienberichten aber auch nicht. Der beste Freund von Marvin Meßemer etwa, der in Ufernähe sitzt und um den Hals, wie die meisten anderen Besucher auch, einen Feldstecher und eine Kamera trägt, dient als Matrose auf der "Gorch Fock". "Ich bin hier aus Solidarität", sagt er. Die ganze Diskussion sei doch volllkommen aus dem Ruder gelaufen, auch die drohende Abschaffung des Schulschiffs fürchterlich, sagt er: "Ich weiß, dass die 'Gorch Fock' unmodern wirkt in diesen Zeiten, aber sie hat Tradition und Tradition ist immer Bestandteil des Jetzt." Marvin ist 19 Jahre alt, er hat nicht gedient.

Die "Gorch Fock" soll Ausbildungsschiff bleiben

Wenige Meter weiter steht Hans-Werner Siebener, der schon lange in Kiel lebt und sich fast alle Segler anschaut, die in die Förde einlaufen. Auch der 56-Jährige kann und will sich nicht vorstellen, dass die "Gorch Fock" bald als Museumsschiff endet: "Natürlich war dieser Unfall eine Tragödie", sagt er, "aber Unfälle passieren leider, schließlich werden da ja schon seit Jahrzehnten Offiziere ausgebildet. Und dass der Dienst an Bord kein Spaß ist, wussten die Kadetten auch schon vorher." Soldatentochter Maria Schnitzler, die von zu Hause all die ganzen Seefahrergeschichten kennt, meint zu den Zuständen nur schulterzuckend: "Was soll's, man weiß doch, wie es dort zugeht."

Die Bundeswehr will bald alle Vorwürfe geklärt haben. Man wolle sich zwar nicht unter Zeitdruck setzen lassen, sagte Marineinspekteur Axel Schimpf jetzt, aber vermutlich werde der Abschlussbericht Ende Mai vorliegen, wie es heißt. Danach soll auch über die Zukunft des Schulschiffs beraten werden. Unmittelbar nach der Rückkehr der "Gorch Fock" ließ ein Sprecher des Verteidigungsministeriums aber bereits durchblicken, dass die Bundeswehr an der "Gorch Fock" am liebsten festhalten wolle. Wegen des "großen Zuspruchs aus der Öffentlichkeit" und weil man "gute Traditionen nicht leichtfertig über Bord wirft". Auch die Politik hat sich bereits entschieden: "Es gibt den überparteilichen Konsens und Wunsch, dass die 'Gorch Fock' Ausbildungsschiff bleiben soll", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Ingo Gädechens.

"Die Jugend braucht manchmal etwas mehr Disziplin"

Selbst Kurt Lange, der ältere Herr vom Sporthafen, will den Prachtsegler nicht außer Dienst gestellt sehen, obwohl er betont, wie wenig er vom Militär hält: "Die Ausbildung mag hart sein, aber sie ist hervorragend und letztlich steht den jungen Leuten danach doch die ganze Welt offen." Seine Bekannte, die Lehrerin, sekundiert ihm: "Ich unterrichte seit 32 Jahren und merke immer wieder, dass die Jugend von heute manchmal etwas mehr Disziplin braucht." Aber so sei die Gesellschaft heute eben, "wenn mal jemand härter angepackt wird, ist das gleich Mobbing."

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