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19. Oktober 2007, 16:55 Uhr

Zum Vergnügen auf Rügen

Wie lästig war früher die Anreise nach Rügen: Stundenlang standen die Autofahrer auf dem alten Rügendamm im Stau. Das ist nun Vergangenheit: Mit viel Trara und einem dreitägigen Volksfest wird die neue Brücke über den Strelasund eröffnet. Die Kritiker nennen sie "größenwahnsinnig". Von Anja Lösel

Letzte Bauarbeiten am Geländer der fertiggestellten zweiten Rügenbrücke bei Stralsund© Jens Büttner/DPA

Urlaub auf Rügen - das war bisher ein Luxus, den man sich mit kilometerlangen Staus und stundenlangem Stopp and Go erarbeiten musste. Die alte Brücke von Stralsund hinüber zur Insel war einfach zu klein für die rund 1,3 Millionen Gäste pro Jahr. Und wenn sie auch noch hochgeklappt werden musste, weil ein großes Schiff kam, war das Chaos perfekt. Bis man endlich am Strand von Binz fläzen oder über die Kreidefelsen bei Sassnitz wandern konnte, lagen regelmäßig die Nerven blank. Das soll nun vorbei sein. Am 20. Oktober eröffnet Angela Merkel die neue, 125 Millionen Euro teure Rügenbrücke mit einem dreitägigen Volksfest. Ab Montag können dann rund 23.000 Fahrzeuge pro Tag über die Brücke rollen, 10.000 mehr als bisher.

Kapazität für 23.000 Fahrzeuge - pro Tag

Es ist ein elegantes Bauwerk geworden, wie ein Segelschiff steht die Brücke stolz über dem Strelasund. Und was hatten sie alle Angst gehabt, dass es ein Monster werden würde, hatten gejammert und geschimpft. Zu groß, zu hoch, überhaupt eine Verschandelung der schönen Stralsund-Silhouette würde die neue Brücke. Die Hansestadt könnte gar den Status als Weltkulturerbe verlieren, der ihr doch grade erst 2002 verliehen worden war.

Nichts davon ist eingetreten. Mit 128 Metern ist der große Pylon zwar höher als die Türme der drei Stralsunder Backsteinkirchen, dennoch macht er ihnen keine Konkurrenz. 42 Meter schwebt die Brücke über dem Wasser, um auch großen Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. 4,7 Kilometer ist sie lang, die längste Brücke Deutschlands, und doch schmiegt sie sich unaufdringlich in die Landschaft und sieht aus, als hätte sie schon immer hier gestanden. Darauf ist Architekt André Keipke besonders stolz, die elegant in Segelform gespannten Drahtseile sind seine Idee.

Deutschlands größtes Bauprojekt

Es war ein Bau der Rekorde: Deutschlands größtes Brückenbauprojekt beschäftigte über 200 Menschen vor Ort. Ihr Herzstück, der 850 Tonnen schwere Pylon, ist mit zehn 35 Meter tiefen Bohrpfählen im Boden verankert. Europas größter Schwenkkran, gezogen vom Schleppboot "Goliath", hievte ihn an seinen Platz. Ohne Gerüst und ohne Stützen wurden alle Bauteile auf dem Luftweg angeliefert und aufgebaut. Millimeterarbeit, die jede Menge Schaulustige anlockte, obwohl oft nachts gearbeitet wurde, weil dann der Wind weniger stark weht.

Sie hatten viel Glück, die Männer vom Brückenbau. Keinen schweren Unfall gab es, und als 2006 vier Monate lang knifflige Kran-Arbeiten anstanden, hatte es ständig günstige null bis minus zehn Grad und wenig Wind. Besonders stolz ist Bückenbau-Experte Karl Kleinhanß auf den Erfindungsreichtum seines Teams:
- Die Stützen haben keinen runden, sondern einen tropfenförmigen Querschnitt. Deshalb geben sie dem Wind kaum Angriffsfläche.
- Statt Tragseilen wurden zum ersten Mal verzinkte und mit einer Wachsschicht überzogene Litzenbündel genehmigt, die für Zugvögel besonders gut zu erkennen sind.
- Der Beton verdichtet sich selbst. Wie Honig breitet er sich gleichmäßig aus und fließt in jede Ritze.
- Der eineinhalb Meter hohe, gläserne Windschutz an den Geländern garantiert, dass Lastwagen auch bei Sturm über die Brücke fahren können.
-Je nach Verkehr wird die mittlere der drei Spuren in Richtung Rügen oder zurück zum Festland geöffnet, gesteuert von einem elektronischen Leitsystem.

Natürschützer halten die Brücke für "größenwahnsinnig"

"Mit einigem Gehirnschmalz fanden die Ingenieure zu völlig neuen Lösungen, die in Zukunft auch anderen Brückenbauern helfen werden", schwärmt Kleinhanß, der schon rund 200 Brücken auf der ganzen Welt betreut hat, über das "Jahrhundertbauwerk". Deshalb erwartet er zur Brückenhauptprüfung, die demnächst ansteht, die Bestnote Eins.

Marlies Preller vom Naturschutzbund Rügen dagegen hält die Rügenbrücke für größenwahnsinnig. "Der Verkehr wird nur durchgereicht, das Stau-Problem auf die Insel verlagert. Das ist, als würden Sie in eine Sackgasse zusätzlich Autos reinleiten", sagt sie. "Dabei wird alles zerstört, was die Urlauber hier suchen: Ruhe und Natur. Und das in Frau Merkels Wahlkreis, die überall als Klimakanzlerin gefeiert wird." Auch um die Zugvögel sorgt sie sich. Sie könnten gegen Brückenpfeiler prallen oder von den Spannseilen irritiert werdenr. Karl Kleinhanß kann über solche Ängste nur schmunzeln: "Seit April 2006 ist hier kein einziger Vogel zu Schaden gekommen", sagt er. "Die großen peilen an der Brücke vorbei. Und kleine wie die Stare fliegen einfach mitten durch." Mit 17 Zentimetern sind die Litzenbündel dick genug, dass "noch jeder halbblinde Vogel sie sieht", glaubt er.

Auch Fische waren neugierig

Und die Fische? Weil hier der Heringszug hindurchwandert, der vom Skagerrak in die Boddengewässer zieht, gab es beim Bau eine "Tabuzeit": Zwischen Februar und Mai durften keine Spundwände im Wasser stehen, weil dort Wellen aufschlagen und die Fische irritieren könnten. Verblüffende Folge der Ruhe: Mehr Heringe als zuvor kamen angeschwommen. Kleinhanß: "Die waren neugierig und wollten sich die Brücke mal angucken." Das werden die Stralsunder und Rügener am Wochenende auch machen: bei einem der Volksläufe oder einfach so, als Spaziergänger. Die Gelegenheit, zu Fuß über die Rügenbrücke zu gehen, wird es dann so schnell nicht mehr geben.

Von Anja Lösel
 
 
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KOMMENTARE (6 von 6)
 
diedambecks (20.10.2007, 13:19 Uhr)
Keine schweren Unfälle???
Werte Frau Lösel, wir mögen zwar am A**** der Welt wohnen, aber für einen Artikel sollte man besser recherchieren. Es gab mehrere Zwischenfälle...unter anderem einen Toten. Der Bauarbeiter arbeitete alleine auf einer Hebebühne unter der Brücke auf dem Festland von Stralsund.
East (20.10.2007, 10:11 Uhr)
Größenwahn und Geldverschwendng
Alle Befürchtungen der Kritiker sind eingetreten. Der Größenwahn at sich durchgesetzt. Jeder Idiot der in Deutschland an der Macht ist darf sich in Deutschland auf Kosten der Steuerzahler ein Denkmal setzen. Die nächsten stehen schon auf der Tagesordnung. Stuttgart 21 wird Herrn Oettinger krönen und der Transrapid wird Stoiber unvergesslich machen. Ein weiteres Denkmal ist gerade im Bau - der Citytunnel Leipzig wird für den Ruhm von Herrn Tiefensee gebaut. Mit dem Geld hätte man besseres machen können, aber was ist eine bessere Bildung oder weniger Kinderarmut schon für ein Denkmal? Armselig oder?
jovka (20.10.2007, 08:42 Uhr)
zum Vergnuegen auf Ruegen
Ihr artikel geht von faschen Voraussetzungen aus.Der Stau wurde nicht durch den alten Ruegendamm verursacht sondern durch nachfolgenden einspurigen Strassen.
Auch mit der neuen Bruecke faengt der Stau bei der ersten Ampel ( rot ) in Rambin an. Wie wollen sie 23.000 Autos am einem Tag, die sich eine, und dann in Bergen 2 Strassen teilen muessen, ohne Ueberholungsmoeglichkeiten zu ihren Bestimmungsorten fahren lassen. Der Stau bleibt wie bisher.
oromer (20.10.2007, 04:05 Uhr)
Gut..
Endlich mal wieder etwas Positives..Nörgler und Kritiker wird es immer geben..Weiter so..
oromer
Inselgraf (19.10.2007, 19:36 Uhr)
Wie zu DDR Zeiten
Man muß nur die richtigen Leute an den Machthebeln sitzen haben, das so wieder Steuergelder für eine Minderheit verschleudert wurden. Honecker würde sich bestimmt freuen, wenn er es noch erleben könnte und Frau Merkel hat aus der Vergangenheit nichts gelernt. Woher auch, wo doch bis 1989 alles gleich geschaltet war in dem Land, wo sie wohnte.Alle bauen sich Denkmäler auf Kosten der Steuerzahler, die nichts davon haben, aber dafür ist ja auch kein Geld da.
heiner5362 (19.10.2007, 19:35 Uhr)
1/8 milliarde
wo kam die denn her ?
das projekt aber ist zu unterstützen
weil es wirtschaftlich sinnvoll erscheint.
gerade marode regionen bedürfen mehr aufmerksamkeit als "brennpunkte des lebens"
nichts gegen unsere alte / neue REICHSHAUPTSTADT
aber da wurden in der ära kohl zu viele gelder sprichwörtlich versenkt.
ich erinnere an otto schwanz und eberhard diepgen, der letztens sogar noch gekürt wurde.
sinnvolle investitionen kann ich nur begrüssen nur sehen wir das mal als ausnahme am alltäglichen misswirtschaften der regierung.