19. Oktober 2008, 16:28 Uhr

Der iPott

Lauter Superlative auf engem Raum: die meisten Arbeitsplätze, das meiste Bauland, der größte Binnenhafen, die meisten Universitäten und Theater. Im Ruhrpott herrscht Aufbruch. Keine Kohle mehr heißt hier nicht Feierabend, sondern Neubeginn. Von Uli Hauser und Michael Streck

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Diese Geschichte handelt von Kampf, welcher der Sage nach im Muttental bei Witten begann, wo ein junger Schweinehirte sich vor vielen Monden abends ein Feuerchen machte, das brannte und brannte und brannte und gar nicht ausgehen wollte, weil befeuert von Kohle unter der Wiese. So ging das los, im Mittelalter, eine großartige Erfolgsgeschichte zunächst. Aus Bauern wurden Bergleute, und aus den Wiesen wurden Zechen, und aus Dörfern wurden Städte, und aus den Städten wurde das Revier: der Kohlenpott, das Ruhrgebiet, der Pütt, der Schmelztiegel für Stahl und Eisen und Menschen. Immer entlang von Emscher und Ruhr, die am Rande der Winterberger Hochfläche entspringt und nach 220 windungsreichen Kilometern bei Duisburg in den Rhein mündet. Die Kohle lieferte die Basis, das Wasser sicherte das Leben, der Mensch machte sich die Erde untertan, und die Region wuchs und wuchs. Die Polen kamen zuerst, zu Tausenden, Hunderttausenden, und Multikulti war schon, ehe es das Wort überhaupt gab. Alsbald war das Revier ein gigantischer Flickenteppich, komplett unterkellert, von knapp 4500 Quadratkilometern - flächenmäßig größer als die Stadtgebiete von London, Tokio und Berlin zusammen. Nur sind London, Tokio und Berlin bekannter, glamouröser, schicker und schöner.

Nun, da die Welt in Ballungsräumen denkt, von global cities schwärmt und in Superlativen versinkt, will auch das Ruhrgebiet dabei sein. Als größte Stadt Deutschlands mit 5,3 Millionen Einwohnern. Als überraschendste Metropole und 2010 sogar als Kulturhauptstadt Europas. In Wahrheit hat der Ruhrpott ja alles, was eine Weltstadt braucht: die Menschen, die ethnische Vielfalt, Kultur, modernste Sportarenen. Forscher, Künstler, Visionäre und Spinner. Universitäten und Einkaufszentren so groß wie die Malls in Amerika. Naherholungsgebiete, Wälder und Parks. Paläste und Hütten. Milliardäre und Proleten. Thyssen-Krupp verlegt seine Firmenzentrale vom feinen Düsseldorf zurück nach Essen, Sir Norman Foster, britischer Architekt von Weltrang, gestaltet die Duisburger City neu. Der Pott ergrünt in Parks auf alten Halden, Zechen, Hütten, an Kanälen und an der Ruhr sowieso. Entlang der Emscher wird für insgesamt acht Milliarden Euro renaturiert. Aber wer weiß das schon außerhalb des Reviers?

Graue Bilder von gestern

Denn in den Köpfen vieler nisten die vermaledeiten grauen Bilder von gestern. Die vom Dreck aus den Schloten und Ruß, Pommes und Pils. Und von Ureinwohnern, die eine merkwürdige Sprache pflegen und sich konsequent den Regeln der deutschen Grammatik verweigern. Sagt der in Wanne-Eickel geborene Politologe Claus Leggewie, Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen: "Viele glauben immer noch, dass du hier morgens aufwachst und dein Hemdkragen schwarz ist." Dann mahnt er: "Es muss endlich Schluss sein mit den Minderwertigkeitskomplexen!" Die Menschen hier dürften ruhig klotzen und nicht kleckern, Gutes tun und auch darüber reden. In einem Wort, das machen, was sie an sich verabscheuen: protzen. Aber angeben, übertreiben, ein bisschen die Wahrheit hübschen war noch nie die Stärke der Ruhrpötter.

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Für die Abteilung Prunk und Protz gibt es Zugereiste. Hanns-Ludwig Brauser aus dem Taunus ist Chef der Wirtschaftsförderung "Metropoleruhr". Der gelernte Verwaltungswirt verteilt dicke Mappen und Imagebroschüren, in denen steht, dass das Revier ungefähr so toll ist wie Tokio oder New York oder Greater London. Brauser ist gerade auf dem Sprung nach Kanada und Kalifornien für eine Werbekampagne. Er erzählt von Zukunft, von blühenden Landschaften und einmaligen Perspektiven. Ein Tremolo der Superlative ist das, ein Festival der guten Laune. 14.000 Hektar freie Fläche zum Bebauen, fast 100-mal mehr als Hamburgs Hafencity. 17 der 100 umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands sitzen im Pott. Chemie, Logistik, Energiewirtschaft - alles Spitze. Nanotechnologie in Dortmund. Duisburg als größter Binnenhafen der Welt. Überhaupt, das dichteste Hafennetz. Fünf Unis, neun Fachhochschulen und eine Kunsthochschule. Obendrein einmalig günstiger Wohnraum. Brauser kann das runterspulen wie weiland Dieter Thomas Heck den Abspann der Hitparade, und wer ihm zuhört, könnte glatt meinen, dass der Ruhrpott im Jahre 2008 aus einer Abfolge von Zahlen, Schaubildern und Statistiken besteht.

Wer aber das Ruhrgebiet und seine Menschen wirklich begreifen will und eine Ahnung davon bekommen möchte, wie sie wurden, was sie sind, muss runter. Einfahren in den Berg, 1000 Meter tief und tiefer. In einem klapprigen Stahlkäfig abwärts in den Flöz, wo Gleise liegen und Züge fahren und Kohle ist. Den Bückling machen, sich durch Streben zwängen, eine verstaubte Nase holen und ein schwarzes Gesicht. Ein Kampf ist das, bis heute. Streng genommen heute erst recht, da sie über Tage die Geschichte des Reviers am liebsten auf Halde legen würden. Bergbau war gestern. "Von aufgetürmten Steinwänden behütet und bedroht, fressen wir uns täglich zwei Meter weiter in den Stein, in die Kohle, und wir wissen nicht, wo das Hineinfressen enden wird. Jeden Tag zwei Meter, jeden Tag dieselbe Arbeit. Der Erdenbauch ist unermesslich", schrieb Max von der Grün in seinem beklemmenden Bergarbeiter-Roman "Irrlicht und Feuer". Damals, 1963, knechteten 500.000 Kumpel, geblieben sind 31.000. Der Erdenbauch ist eben doch ermesslich. Im Jahr 2018 sollen die letzten Gruben dicht sein. Deutsche Kohle rechnet sich nicht mehr.

Wie anno dunnemals

Man sieht in einem Kilometer Tiefe in der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop hart arbeitende Männer im Flöz H, die wie anno dunnemals Unterwäsche aus Grobripp tragen, weil die sich nicht statisch auflädt. Man sieht auch ein großes, rotes Steuerungsmodul für die gigantische Fräse, die sich Tag für Tag zehn Meter tiefer in den Berg frisst. Die Maschine könnte im digitalen Zeitalter ebenso gut von Australien oder Indien aus gefahren werden, der Kumpel von heute weiß längst alles über Effizienz und Produktivität. Die Arbeit aber ist im Wesentlichen so, wie sie immer war: hart, schmutzig, gefährlich. Ludwig Vossbeck, Steiger, vierte Generation, spricht vom Stolz. Er hat nicht gezögert, als sein Vater sagte: "Du wirst Bergmann." Er wurde. Selbstverständlich wurde er. Und bedauert es nicht, "ein ehrenwerter Beruf ". Männer auf knappem Raum, die eine knappe Sprache sprechen. Kein Platz für Ellenbogen, zu eng dort unten. Das nahmen und nehmen sie mit ans Licht. Die Welt unten prägte auch die Menschen oben. Kumpel heißt Freund, Kollege, Kamerad. Das größte Kapital im Pott war nicht Kohle oder Stahl - es war stets der Mensch, der damals wie heute nach der Devise lebt: nicht unterbuttern lassen. Erst kämpften sie ums Überleben, danach kämpften sie um Arbeitsplätze, heute kämpfen sie eben um Anerkennung im globalen Wettbewerb.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 42/2008

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
simie (20.10.2008, 11:53 Uhr)
@gmathol
Ich denke nicht, dass die Autoren Probleme gezielt verschweigen. Es soll nur gezeigt werden, dass es im Ruhrgebiet eben nicht nur Kohle gibt.
Dies ist im Rest der Republik kaum bekannt. Wer in Bayern kann auch nur ein Museum nennen, welches im Ruhrgebiet liegt (übrigens hat der Stern noch 2 Kunstmuseen vergessen: das Lehmbruck-Museum in Duisburg und das Museum am Ostwall in Dortmund)? Oder weiß, dass die
Dortmunder Konzerthalle die wahrscheinlich beste Raumakustik Deutschlands besitzt?
Das ein Strukturwandel nicht über Nacht vonstatten geht ist klar und wird im Artikel auch erwähnt.
Kandis (20.10.2008, 06:50 Uhr)
Ruhrpott
Ohne Michael Wendler wäre es auch gut gewesen.
gmathol (20.10.2008, 00:16 Uhr)
Romantisierung!
Die Menschen koennen nichts dafuer, aber der Ruhrpott und sein
fortschrei(t)ender Zerfall sollten dem Author dieses Artikels nicht entgangen sein.