Es klingt wie ein Filmmix aus James Bond und Desperate Housewives: die Geschichte der aufgeflogenen russischen Spione in den USA. Die veröffentlichten Details sind für die Russen hochnotpeinlich. Von Manuela Pfohl und Felix Disselhoff

Das Haus adrett, der Rasen gepflegt, das Auto blitzsauber: Im amerikanischen Vorstadt-Idyll sollten russische Spione Kontakte knüpfen© Jeff Zelevansky/Getty Images
Nein, wirklich zu beneiden ist Michail Efimovich Fradkov im Moment nicht. Eigentlich hatte der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR sich ganz in Ruhe auf die Feiern zum 90. Jahrestag des "siegreichen SWR" im Dezember vorbereiten wollen. Fradkov hatte schon etwas vorbereitet über die "prachtvollen Seiten der Chronik unseres Dienstes", die "Kampferfahrung der russischen Nachrichtenoffiziere" und die "erfolgreiche Garantie der Sicherheit Russlands und seiner Interessen in der Welt". Und nun das: Gleich zehn russische Spione auf einmal haben die USA in dieser Woche hochgehen lassen. Und zwar nicht still und diplomatisch, wie sich das gehört. Nein, in aller Öffentlichkeit haben sie ausgebreitet, wie das FBI die fünf Paare über mehr als sieben Jahre lang überwachte, sie in ihren Wohnungen und in Hotelzimmern abgehört, ihre Anrufe mitgeschnitten und ihre E-Mails gelesen hat. Ein Agententhriller wie im Kalten Krieg, mit unsichtbarer Tinte, doppelten Koffern, gefakten Computerdateien und US-Ermittlern, die sich selbst als russische Regierungsbeamte ausgaben.
Die ganze Welt kann jetzt lesen, dass Michail Efimovich seine Leute nicht im Griff hat und das, obwohl doch erst am Donnerstag US-Präsident Barack Obama und der russische Präsident Medwedew im Weißen Haus eine stärkere Kooperation der Geheimdienste im Kampf gegen den Terror vereinbart hatten. Obama hatte den Kremlchef dabei als "Freund und Partner" bezeichnet. Medwedew sei "solide und verlässlich". Michail Efimovich versteht die Welt nicht mehr. Geht man so mit Freunden um?
Im Büro des Geheimdienstes in Moskau steht das Telefon seitdem keine Minute mehr still. Doch was soll Sergej Nikolajevich Iwanov, der das Presseressort beim SWR koordiniert, all den Leuten sagen, die jetzt fragen, ob das wirklich alles stimmt, was die "New York Times" und die anderen westlichen Medien schreiben? Sicherheitshalber sagt er erstmal gar nichts. "Wir kommentieren diese Informationen nicht." Punkt! Der Versuch einer Schadensbegrenzung kommt stattdessen aus dem Außenministerium. "Es gibt viele Widersprüche", hat Ministeriumssprecher Liakin-Frolov vorsorglich erklärt. Die Informationen würden noch geprüft.
Viel Zeit hat das Ministerium nicht für seine Gegenstrategie. Denn schon jetzt ist die rund 60 Seiten umfassende offizielle Kurzakte der Spionagegeschichte in Sachen United States gegen die "nichtregistrierten Agenten" Anna Chapman und Michail Semenko zu lesen.
Demnach hat ein Großteil der "Spione" ganz und gar unauffällig gelebt. Sie haben mit den Nachbarn geschwatzt, sich über Kindererziehung unterhalten und Kuchenrezepte ausgetauscht. Wer hätte schon ahnen können, dass das Pärchen in den Vierzigern, das in Cambridge, Massachussets, in direkter Nachbarschaft zu Harvardprofessoren und Studenten wohnte, russische Agenten waren?
Auch die Nachbarn von Cynthia und Richard Murphy in Montclair, New Jersey, konnten laut "New York Times" nicht glauben, was sie erfuhren, als ein FBI-Trupp am Sonntagabend aufschlug und das liebenswerte Paar in Handschellen mitnahm. Spione? "Nein, niemals", sagt Jessie Gugig. "Schauen Sie sich doch an, wie schön Mrs. Murphy ihre Hortensien pflegte."
Doch die Beweise scheinen erdrückend. So seien die Spione unter anderem in einem "nicht näher bezeichneten südamerikanischen Land" in Parks beobachtet worden, als sie Taschen mit Bargeld und Zettel mit unsichtbarer Tinte mit russischen Händlern austauschten. Außerdem seien identische Taschen in U-Bahn-Stationen ausgetauscht worden. Einer der Russen habe die Identität eines toten Kanadiers angenommen. Man habe Pässe gefälscht und Nachrichten per Kurzwelle und unsichtbarer Tinte übertragen. Außerdem seien geheime Botschaften in öffentlich zugänglichen Bildern im Internet ausgetauscht worden.