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29. Juni 2010, 13:51 Uhr

Kalter Krieg im Hortensien-Idyll

Es klingt wie ein Filmmix aus James Bond und Desperate Housewives: die Geschichte der aufgeflogenen russischen Spione in den USA. Die veröffentlichten Details sind für die Russen hochnotpeinlich. Von Manuela Pfohl und Felix Disselhoff

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Das Haus adrett, der Rasen gepflegt, das Auto blitzsauber: Im amerikanischen Vorstadt-Idyll sollten russische Spione Kontakte knüpfen© Jeff Zelevansky/Getty Images

Nein, wirklich zu beneiden ist Michail Efimovich Fradkov im Moment nicht. Eigentlich hatte der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR sich ganz in Ruhe auf die Feiern zum 90. Jahrestag des "siegreichen SWR" im Dezember vorbereiten wollen. Fradkov hatte schon etwas vorbereitet über die "prachtvollen Seiten der Chronik unseres Dienstes", die "Kampferfahrung der russischen Nachrichtenoffiziere" und die "erfolgreiche Garantie der Sicherheit Russlands und seiner Interessen in der Welt". Und nun das: Gleich zehn russische Spione auf einmal haben die USA in dieser Woche hochgehen lassen. Und zwar nicht still und diplomatisch, wie sich das gehört. Nein, in aller Öffentlichkeit haben sie ausgebreitet, wie das FBI die fünf Paare über mehr als sieben Jahre lang überwachte, sie in ihren Wohnungen und in Hotelzimmern abgehört, ihre Anrufe mitgeschnitten und ihre E-Mails gelesen hat. Ein Agententhriller wie im Kalten Krieg, mit unsichtbarer Tinte, doppelten Koffern, gefakten Computerdateien und US-Ermittlern, die sich selbst als russische Regierungsbeamte ausgaben.

Die ganze Welt kann jetzt lesen, dass Michail Efimovich seine Leute nicht im Griff hat und das, obwohl doch erst am Donnerstag US-Präsident Barack Obama und der russische Präsident Medwedew im Weißen Haus eine stärkere Kooperation der Geheimdienste im Kampf gegen den Terror vereinbart hatten. Obama hatte den Kremlchef dabei als "Freund und Partner" bezeichnet. Medwedew sei "solide und verlässlich". Michail Efimovich versteht die Welt nicht mehr. Geht man so mit Freunden um?

Im Büro des Geheimdienstes in Moskau steht das Telefon seitdem keine Minute mehr still. Doch was soll Sergej Nikolajevich Iwanov, der das Presseressort beim SWR koordiniert, all den Leuten sagen, die jetzt fragen, ob das wirklich alles stimmt, was die "New York Times" und die anderen westlichen Medien schreiben? Sicherheitshalber sagt er erstmal gar nichts. "Wir kommentieren diese Informationen nicht." Punkt! Der Versuch einer Schadensbegrenzung kommt stattdessen aus dem Außenministerium. "Es gibt viele Widersprüche", hat Ministeriumssprecher Liakin-Frolov vorsorglich erklärt. Die Informationen würden noch geprüft.

Viel Zeit hat das Ministerium nicht für seine Gegenstrategie. Denn schon jetzt ist die rund 60 Seiten umfassende offizielle Kurzakte der Spionagegeschichte in Sachen United States gegen die "nichtregistrierten Agenten" Anna Chapman und Michail Semenko zu lesen.

Mit unsichtbarer Tinte und gefälschten Identitäten

Demnach hat ein Großteil der "Spione" ganz und gar unauffällig gelebt. Sie haben mit den Nachbarn geschwatzt, sich über Kindererziehung unterhalten und Kuchenrezepte ausgetauscht. Wer hätte schon ahnen können, dass das Pärchen in den Vierzigern, das in Cambridge, Massachussets, in direkter Nachbarschaft zu Harvardprofessoren und Studenten wohnte, russische Agenten waren?

Auch die Nachbarn von Cynthia und Richard Murphy in Montclair, New Jersey, konnten laut "New York Times" nicht glauben, was sie erfuhren, als ein FBI-Trupp am Sonntagabend aufschlug und das liebenswerte Paar in Handschellen mitnahm. Spione? "Nein, niemals", sagt Jessie Gugig. "Schauen Sie sich doch an, wie schön Mrs. Murphy ihre Hortensien pflegte."

Doch die Beweise scheinen erdrückend. So seien die Spione unter anderem in einem "nicht näher bezeichneten südamerikanischen Land" in Parks beobachtet worden, als sie Taschen mit Bargeld und Zettel mit unsichtbarer Tinte mit russischen Händlern austauschten. Außerdem seien identische Taschen in U-Bahn-Stationen ausgetauscht worden. Einer der Russen habe die Identität eines toten Kanadiers angenommen. Man habe Pässe gefälscht und Nachrichten per Kurzwelle und unsichtbarer Tinte übertragen. Außerdem seien geheime Botschaften in öffentlich zugänglichen Bildern im Internet ausgetauscht worden.

Seite 1: Kalter Krieg im Hortensien-Idyll
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KOMMENTARE (10 von 11)
 
Lauterbach (01.07.2010, 05:39 Uhr)
Achtung!
...alle die US Zeitungen lesen oder auf US Webseiten surfen koennen nun als Spione verhaftet werden.
Lauterbach (30.06.2010, 07:12 Uhr)
Wer sich hier schaemen sollte sind die USA...
Es handelt sich hierbei sowieso nicht um Spione und sie werden auch nicht wegen Spionage angeklagt.

Was hier passiert ist die Wiederholung der CNN/ABC/CBS Propaganda, alles "peinliche" Quellen fuer echte Journalisten.
SLCentral (29.06.2010, 22:57 Uhr)
Als Russlanddeutscher finde ich das ganze einfach nur lächerlich
- Unter denselben Anklage könnte Russland jetzt alle Nichtstaatliche "Freiheitsorganisationen" in Russland verhaften und schließen.

- Im Westen heißen Menschen mit der sleben Tätigkeit "Russlandexperten" und in USA sind es böse russische Spione......

- Ein Thriller für die neue weiße Unterschicht. :)
hbbaer (29.06.2010, 22:37 Uhr)
Meine tiefste Hochachtung vor der grandiosen Leistung der CIA
Wie zielsicher und mutig sie diese hohe Zahl an verbrecherischen russischen Spionen hat auffliegen lassen ist schon eine beachtliche Leistung. Nun kann die geschundene US-Seele wieder ruhig aufatmen und der Rest der Welt wird sich vor den USA verneigen.
Und die Russen, ha!, die werden sich schwarz ärgern, das ist gewiss. Recht geschieht es ihnen.
Dieses friedliche Land so auszuspionieren, ganze 7 Jahre lang ist unverschämt. Die armen Amerikaner werden ausgenützt! Und dann noch die Höhe! Die Spione konnten ihre Häuser behalten, waren nicht von der unfassbaren Immobilienpleite betroffen, konnten ihre Hortensien pflegen, während der amerikanische Bürger ins Zelt umziehen musste. Was wird er sich wohl denken? Spionage lohnt sich wieder, ja, in Russland ein kleines Häuschen und vielleicht sogar eine Datscha. Da tun sich gleich ganz neue Perspektiven auf. Man wird sehen, welche Finte wohl dahinter steckt.
Pengolodh (29.06.2010, 21:30 Uhr)
Peinlich, allerdings, vor allem das...
... "für die Russen hochnotpeinlich", hmmmm... "Pein" bedeutet ursprünglich "Schmerz", und "hochnotpeinlich" dann "unerträglich schmerzhaft", das hochnotpeinliche Verhör (ein durchaus offizieller Begriff in früheren deutschen Rechtsstaaten) war die damals ja auch offiziell erlaubte Folter.
Aber für den selbsternannten Qualitätsjournalisten von heute ist wohl eher Recherche gleichbedeutend mit Folter. Wohl bekomm's.
Übrigens gab es auch Zeiten, als die Sowjets amerikanische Spione (die es natürlich auch heute noch gibt, sonst müßten wir die CIA ja wohl für absolut unfähig halten) so vorgeführt haben. Will der Westen wirklich die Rückkehr dieser Verhältnisse?!
eisvogel (29.06.2010, 21:21 Uhr)
Die Kalten Krieger
kommen leider wieder aus der Versenkung. Einfach lächerlich: eine fast 10 Jahre alte Kamelle holt man aus der Schublade.
Bei aller Objektivität muss man darauf hinweisen, dass der Geheimdienst jenseits des Teiches selbst überall in der Welt seine Finger im schmutzigen Spiel hat. Es wurden Menschen entführt, Bürgerkriege geschürt sowie unbeliebsame Regime gestürzt. Ich denke, da haben sich die gegnerischen Geheimdienste kaum etwas vorzuwerfen.
Heute sind besondere US-Aktivitäten bekanntlich die ständigen Nadelstiche versus Russland. Das gilt auch für die Provokationen im Rahmen einer militärischen Einkreisung.
Auch im Zusammenhang mit den Gewalt-Demos im Iran tauchte der Name diese Geheimdienstes auf.
Die Amis können es einfach nicht lassen, auch heute noch ständig Unruhe zu stiften bzw. mit dem Säbel zu rasseln.
Gerecht wäre es sicherlich, wenn Russland sich revangiert und mit den Schnüfflern im eigenen Land genauso verfährt. Doch dann wäre das Geschrei im Westen sicherlich wieder groß!
susi_sonicht (29.06.2010, 20:35 Uhr)
Add delsa
Was schätzen Sie wer noch aktiv ist? Wie, so glauben Sie, hätte die Bundesrepublik reagiert wenn Mitglieder eines ausländischen Geheimdienstes in Deutschland aktiv geworden wäre um sich falsche Pässe und Identitäten zu beschaffen um dann einen politischen Gegner umzubringen. Wie glauben Sie hätte die Bundesregierung reagiert? Sie wissen von wem ich spreche. Also mal den Ball dann ein bisschen flacher halten, alle Geheimdienste spionieren - alle. Und Deshalb erschließt es sich mir nicht warum das so an die große Glocke gehängt wird. Es sei denn ... diese alberne Nachricht soll von etwas anderem ablenken ...
unglaeubiger (29.06.2010, 20:28 Uhr)
SWR, nicht schlecht.
Wenn sich das FBI 7 Jahre um eine Amateur Truppe kümmert, können die Profis in Ruhe
arbeiten. Gute Strategie vom Dienst.
leisegang (29.06.2010, 19:19 Uhr)
Gähn!
Hier handelt es sich ja nicht mal um Agenten sondern um Amateur-Spitzel. Von wegen Kalter Krieg. Eher kalte wiederaufgewärmte Suppe.

Wie das FBI die Spitzel-Stümper enttarnte
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,703484,00.html

Spiegel: "Moskaus mutmaßliche Agenten sind zwar bei der Übermittlung ihrer Informationen an das Konsulat in New York teils dilettantisch vorgegangen,.."
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,703536,00.html
pseudojournalist (29.06.2010, 18:25 Uhr)
CIA versus KGB
Beide Seiten nehmen sich nichts. Man wird doch wohl nicht glauben dass Amerikaner nicht in Russland tätig sind. Es ist ein machtpolitischer Strategiezug einer mächtigen Gruppe, die bei Annnäherung beider Staaten dies zu verhindern weis. 7 Jahre hat der FBI und mit Sicherheit auch CIA die KGB-Agenten beschattet ohne einzugreifen oder festzunehmen. Just zu dem Zeitpunkt vor dem Schritt einer politischen Zusammenarbeit werden die Agenten dann endlich festgenommen. Ich darf nur daran erinnern das der BND wider besseren Wissens den Spion Günter Guillaume im Kanzleramt unter Willy Brandt nicht sofort eliminiert hat. Erst zu einem Zeitpunkt der deutsch-sowjetischen Annäherung. Eine wissentliche und bewußte Beibehaltung von Spionen die möglicherweise Staatsgeheimnise ausplaudern oder wirtschaftlichen Schaden anrichten können, aus extrapolitischen Gründen beizubehalten, grenzt an Vaterlandsverrat.
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