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19. Mai 2010, 15:47 Uhr

Ghetto-Gewalt schockt das Bürgertum

München und Hamburg. Piekfein, hübsch anzuschauen, wirtschaftlich stark. Doch der schöne Schein trügt. Gewaltbereite Ghetto-Kids machen selbst die bürgerlichsten Orte unsicher. Von Sönke Wiese

Jungfernstieg, Mel, Elias, Messerattacke, Messerstecher, S-Bahn, Überfall, Jugendgewalt, Jugendkriminalität

Einsatz am Jungfernstieg: Der Notarzt konnte das Leben von Mel D. nicht mehr retten© Ralf Jacobs/DPA

Boutiquen und teure Restaurants säumen den Hamburger Jungfernstieg, hier steht der Shoppingtempel Alsterhaus, gegenüber legen die Schiffe für Alsterrundfahrten ab. Am Wochenende kommen vor allem Familien und Touristen hierher, junge Leute finden diese Flaniermeile eher langweilig. Doch die typischen Reviere der Jugendbanden sind nur ein paar S-Bahnstationen entfernt.

Am Freitagabend, den 14. Mai, herrscht am Jungfernstieg etwas mehr Trubel als sonst; die Stadt feiert gerade das Kirschblütenfest an der Alster, wieder so eine Familienveranstaltung. Mel D., Schüler aus Altona, wartet mit einem Freund auf die S-Bahn Richtung Wedel, als um 21.21 Uhr fünf Jugendliche aussteigen. Ein paar Minuten später ist Mel tot, verblutet auf dem Bahnsteig. Einer der Jugendlichen, der 16-jährige Elias A., hat ihm ein Messer in die Brust gerammt, völlig unvermittelt, wie die Bilder der Überwachungskameras zeigen. "Was guckst du, was ist hier los?" So soll einer aus der Gruppe der Jugendlichen zuvor die zwei Freunde angepöbelt haben - dann folgte der tödliche Stich.

Das besonders Schockierende an der Tat: Es hätte jeden treffen können. Wenn bereits ein falscher Blick scheinbar einem Todesurteil gleich kommt - wie sicher sind Deutschlands Innenstädte noch? Wie kann man die Öffentlichkeit vor kriminellen Jugendlichen schützen? Warum überhaupt attackieren immer häufiger Minderjährige unbeteiligte Passanten völlig grundlos?

Neue Brutstätten der Gewalt

Zwar nimmt die Jugendkriminalität insgesamt seit Jahren bundesweit nicht mehr zu. Ein anderes Bild ergibt sich aber beim Blick auf die Großstädte. Sie werden immer mehr zu Brutstätten der Gewalt. In Hamburg beispielsweise gibt es seit Jahren immer mehr Fälle von Körperverletzung, wie die Kriminalitätsstatistik zeigt. 2009 nahm die schwere und gefährliche Körperverletzung in der Hansestadt um knapp 15 Prozent zu. Und 40 Prozent dieser Gewalttäter sind unter 21 Jahre.

"Die extremste Gewaltbereitschaft zeigt sich in bestimmten Metropolen, wo es einen besonders krassen Arm-Reich-Gegensatz gibt: in Hamburg, München, Frankfurt", sagt der Sozialwissenschaftler Rainer Kilb stern.de. Der Professor an der Hochschule Mannheim hat sich vor allem mit Jugendgewalt im urbanen Raum auseinandergesetzt. Die brutalen Exzesse würden schon lange nicht mehr ausschließlich in Problemvierteln stattfinden, sondern hinaus in die bürgerliche Welt getragen werden. "Die Jugendlichen aus den 'Verlierer-Mileus' bleiben nicht mehr in den sozialen Brennpunkten, sondern fahren dorthin, wo etwas los ist: Das sind die Innenstädte", sagt Kilb. Und hier entlade sich der Hass, der sich über einen langen Zeitraum aufgestaut habe. Frust und Neid könnten zu spontanen Übersprungshandlungen führen, die Opfer sind dabei meist völlig wahllos ausgesucht.

Tatsächlich war der Vorfall am Hamburger Jungfernstieg nur der jüngste in einer schrecklichen Reihe von Attacken durch Jugendliche in Hamburg und München:

  • Im Juli 2009 schlagen drei Schweizer Jugendliche (alle 16 Jahre alt) in der Münchner Innenstadt wahllos Passanten zusammen, ihre Opfer werden schwer verletzt.
  • Im September 2009 erschlagen zwei Jugendliche, 17 und 18 Jahre alt, an der S-Bahnstation München-Solln den Geschäftsmann Dominik Brunner, nachdem er von ihnen bedrohte Kinder geschützt hatte.
  • Im September 2009 prügeln ein 16- und ein 17-Jähriger am Bahnhof Hamburg-Harburg einen 44-Jährigen ins Koma, weil er ihnen kein Kleingeld gibt. Das Opfer stirbt drei Wochen später.
  • Im Januar 2010 sticht ein 16-Jähriger an der U-Bahnstation Hagendeel in Hamburg einen 18-Jährigen nach einer Rempelei nieder, die Lunge wird getroffen, Ärzte können in einer Notoperation das Leben des Opfers retten.
  • Im Februar 2010 schlagen zwei Jugendliche (beide 20 Jahre alt) im Hamburger Metrobus 2 vor den Augen der Fahrgäste einen 19-Jährigen so schlimm zusammen, dass er ins Koma fällt. Das Opfer überlebt knapp.

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Gewalt immer schlimmer wird", sagt Volkert Ruhe vom Hamburger Verein "Gefangene helfen Jugendlichen". Mit seinem Team will er gefährdete Jugendliche durch Präventionsarbeit frühzeitig von kriminellen Karrieren abbringen. Größtes Problem sei, dass sich immer mehr Minderjährige mit Waffen ausrüsteten. "Viele schieben vor, sie bräuchten sie nur zur Selbstverteidigung. In Wahrheit hat das viel mit Machogehabe zu tun." Wer aber eine Waffe einstecke, begehe schon den ersten Fehler, so Ruhe. "Früher oder später kommt sie zwangsläufig zum Einsatz."

Denn viele Jugendliche hätten heute keinerlei Empathie, meint der Anti-Gewalt-Trainer. "So etwas wie Mitgefühl ist ihnen in ihren Familien nie vermittelt worden." Stattdessen erführen viele zum ersten Mal Anerkennung nach extremer Gewaltausübung, zum Beispiel wenn sie auf dem Schulhof ein willkürliches Opfer zusammenschlagen. "Da stehen ihre Kumpels ringsherum, filmen mit der Handy-Kamera und applaudieren - eine fatale Erfahrung, die ihren Weg in die Kriminalität vorzeichnet."

Eine Studie des niedersächsischen Kriminologen Christian Pfeiffer hat ergeben, dass die meisten kriminellen Jugendlichen soziale Außenseiter seien. Häufig gebe es auch einen Migrationshintergrund, "in dem den Jungen vorgelebt wird, dass Männer stark, überlegen und dominant sein müssen", sagte Pfeiffer der "Hamburger Morgenpost". Tatsächlich sind laut Hamburger Kriminalstatistik ausländische Tatverdächtige bei Gewaltkriminalität überrepräsentativ vertreten.

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