"Wie einen Hund im Zwinger gehalten"

17. Januar 2008, 18:54 Uhr

Für ihre Quälereien am sogenannten "Schlangenmädchen" ist das angeklagte Ehepaar zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Zum Schluss des Prozesses in Mainz wollte sich das Paar "auf Knien" bei der 14-Jährigen entschuldigen. Der Richter hat ihr das erspart. Von Peter Meuer, Mainz

Die Peiniger: Tungalag L., 36, und ihr 44-jähriger Ehemann Gerhard H. vor dem Mainzer Landgericht©

Wenn Hans Lorenz Zeugen aufmarschieren lässt, fordert er gewöhnlich harte Fakten ein. Als aber die 14-jährige Tuul* gestern vor das Landgericht trat, ersparte der erfahrene Richter dem Mädchen Fragen zu ihrem Leidensweg. "Hast du schon Freunde gefunden," wollte Hans Lorenz stattdessen wissen, sprach mit Tuul über ihr Leben im Jugendheim und ihre Hobbys. Das zierliche Mädchen ist noch mehr Kind als Frau, trägt Jeans und bindet ihre schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz. Sie lächelte schüchtern und begann zu erzählen. "Freunde habe ich schon gefunden", sagte Tuul. Sie versuche, besser Deutsch zu lernen, sie gehe gern schwimmen. Und: "Ich möchte hier bleiben."

Eigentlich sollte Tuul nicht aussagen. Nicht nur Richter Hans Lorenz wollte ihr die Belastung ersparen, sondern auch die Anwälte des Ehepaares. Der Richter entschied sich dann aber anders. Die Angeklagten hatten behauptet, Tuul sei "widerspenstig und arrogant" gewesen, deswegen sei die Situation eskaliert. Richter Hans Lorenz: "Ich möchte mir selbst ein Bild von ihr machen."

Regelmäßig mit dem Bambusstock verprügelt

Tungalag L. und ihr 44-jähriger Ehemann Gerhard H. hatten das Mädchen im November 2006 nach Deutschland geholt. Tuul sollte als "Schlangenmädchen" lernen, ihren Körper extrem zu verbiegen und als Artistin auftreten. Weil das nicht so klappte, wie ihre Ausbilderin Tungalag L. verlangte, wurde Tuul regelmäßig verprügelt, mit der Faust und einem Bambusstock. Auch der Ehemann schlug zu. "Der Gerhard musste immer machen, was Tungalag gesagt hat", erzählte eine 24-jährige Mongolin, die ebenfalls zum Artistenensemble gehörte. Am 9. Juli eskalierte die Situation: "Meine Tante warf mir vor, eine Schranktür kaputt zu machen", erzählte Tuul der Polizei. Der Schrank ging nicht kaputt, dennoch fesselte Tungalag L. das Mädchen, hängte es an einem Haken auf, schlug minutenlang auf sie ein. Auch Gerhard H. schlug zu. Am nächsten Tag erwartete die Tante Besuch. Tuul wurde wieder gefesselt, bekam Schlafmittel, der Gast sollte ihr Jammern nicht hören. "Ich konnte aber nicht schlafen, weil mir alles weh getan hat", berichtete Tuul.

In der Nacht konnte sich das Mädchen befreien und fliehen, am 12. Juli wurde sie in Mainz völlig erschöpft auf einem Spielplatz gefunden, den Körper voller Blutergüsse. "Haben Sie eine Körperstelle ohne Verletzung gesehen?", fragte Richter Hans Lorenz die medizinische Sachverständige, die das Mädchen in der Klinik untersucht hatte. "Nein", antwortete die Ärztin, "so etwas ist mir bisher noch nicht untergekommen."

Urteil bereits rechtskräftig

Zu fünf Jahren Gefängnis hat der Richter Tungalag L. heute verurteilt. "Meine Mandantin hat auf meinen Rat hin das Urteil sofort angenommen", sagte Anwalt Franz Josef Scholl. Gerhard H. muss für dreieinhalb Jahre hinter Gitter. "Das Kind wurde wie ein Hund im Zwinger gehalten," sagte Richter Hans Lorenz, "weil sie als Sportgerät nicht funktionierte." Immerhin hätten die Angeklagten aber gestanden. Strafmildernd kam hinzu, dass sie Tuul eine langwierige Zivilklage ersparten: Die Anwälte von Opfer und Tätern haben schon während des Prozesses den Schadensersatz ausgehandelt. 40.000 Euro erhält Tuul, außerdem haften Gerhard H. und Tungalag L. für Folgeschäden.

Noch im Oktober hatte die Tante aus der Untersuchungshaft einen Brief an ihre Schwestern in der Mongolei geschrieben. "Wäre Tuul so ein nettes Mädchen wie ihr, dann wäre das nicht passiert," schrieb sie und bezeichnet die 14-jährige als "Problemkind."

Gerne auf Knien entschuldigt

Zum Schluss des Prozesses haben sich die Tante und ihr Mann bei Tuul entschuldigt. Gerhard H. hätte sie gerne "auf Knien um Vergebung gebeten." Er musste damit zufrieden sein, dass Richter Hans Lorenz der 14-jährigen seine Entschuldigung und die "besten Wünsche für die Zukunft" überbrachte, denn das Ehepaar musste während Tuuls Vernehmung den Saal verlassen.

"Mein Traum wäre es, in Deutschland bei einer netten Familie zu leben," sagt Tuul. Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, wird die Ausländerbehörde des Landkreises Mainz-Bingen entscheiden. Das Amt sorgt jetzt für einen neuen Pass - Tuul ist unter falschem Namen und mit den Papieren ihrer 17-jährigen Schwester ins Land eingereist. Das Mädchen solle aus "humanitären Gründen" in Deutschland bleiben, empfiehlt das Jugendamt in einem Antrag an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. In der Mongolei habe sie keine Perspektive - dort müsste sie den Eltern erklären, warum Tante Tungalag jetzt im Gefängnis sitzt und aus der Artistenkarriere nichts wurde.

*Name des Kindes von der Redaktion geändert

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Deutschland Mainz Mongolei Prozeß Tuul Zwinger
KOMMENTARE (1 von 1)
 
heiner5362 (19.01.2008, 17:44 Uhr)
das ist ein fall
an dem jedes populistische geschwafel scheitert.
nur solche schicksale taugen nicht zum wahlkampf herr? ne
koch
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