HOME

"Raus aus dieser passiven Rolle"

Es ist ein einmaliges Experiment: Zehn Freiburger Schüler haben sich nach der zwölften Jahrgangsstufe einfach von der Schule abgemeldet - und sich ihre Abiturvorbereitung völlig autonom organisiert. Im stern.de-Interview berichtet einer von ihnen, wie die Aussteiger ihr Lernen organisieren, wie sie Lehrer zahlen - und was die Eltern dazu sagen.

Alwin Franke, 18, aus Freiburg, ist einer von zehn Schülern, die einen bundesweit einmaligen Versuch wagen: Sie wollen sich optimal aufs Abitur vorbereiten - und verzichten deshalb ein Jahr lang auf die Schule.

Wie muss man sich das Abi ohne Schule vorstellen?

Wir haben uns nach Klasse zwölf von unseren Schulen abgemeldet und einen Raum im evangelischen Gemeindehaus im Zentrum von Freiburg gemietet. Dort gibt es eine Tafel, ein paar Tische und Stühle, einen Computer mit Internetzugang für Recherchen und einen Overheadprojektor, das reicht. Wir treffen uns jeden Morgen um neun und lernen bis 17 Uhr. Am Samstag ist gegen zwei Schluss. Den Sonntag haben wir frei.

Einer Ihrer Lehrer hat gesagt, Sie hätten sich den steinigsten Weg zum Abitur ausgewählt. Hat er Recht?

Ja. Wir klinken uns zwar ein Jahr lang aus dem Schulbetrieb aus und schreiben in dieser Zeit keine Klausuren, die zum Abi zählen. Wir haben allerdings das wesentlich härtere Abitur: Neben den vier schriftlichen Prüfungen werden wir - statt in zwei - in acht Fächern mündlich geprüft.

Könnte jeder kurz vor dem Abi ein Jahr aussteigen und auf eigene Faust büffeln?

Wir hatten zwei Schüler von staatlichen Gymnasien in der Gruppe, die sind inzwischen wieder auf ihre Schulen zurückgekehrt. Die Auflagen für sie sind sehr streng. Sie durften nicht mitmachen, weil sie letztes Jahr Klasse zwölf besucht und dort schon einen Teil des Abis geschrieben haben. Sie hätten noch ein Jahr warten müssen. Die so genannte Schulfremdenprüfung ist vor allem für Schulabbrecher und Berufstätige gedacht, die ihr Abi nachholen wollen. Wir übrigen sind Waldorfschüler. Für uns ist es nicht so kompliziert, weil wir in der zwölften Klasse ohnehin keine Zensuren bekommen, die in die Abinote einfließen.

Gerade die Waldorfschulen sehen sich doch als Reformschulen. Was ist der Grund für Ihre Schulrevolte?

In der Oberstufe unterscheiden sich die Waldorfschulen nicht mehr sehr von den staatlichen Schulen. Wir hatten ein strammes Korsett mit Dreiviertelstundentakt, viel Frontalunterricht, Stoff, den die Lehrer für uns aufbereitet hatten. Es gab Lehrer an meiner Schule, die offen sind für Reformen, aber es ist sehr schwierig, ein Kollegium von dreißig Lehrern zu überzeugen, dass man etwas grundlegend anders machen will.

Was genau wollten Sie denn anders machen?

Wir wollen anders lernen. Wir wollen Dinge eigenständig erarbeiten statt sie nur widerzukäuen. Wir wollten raus aus dieser passiven Schülerrolle.

Kratzen Sie damit auch an der Rolle der Lehrer?

Genau. Statt dozierender Pädagogen, die alle Verantwortung übernehmen, wollen wir Lehrer, die uns zeigen, wie man Dinge selbständig erlernt. Das wird von uns später auch im Studium oder im Job verlangt.

Der Lehrer als Lernberater also?

Ja. Ein guter Lehrer schafft sich mit der Zeit selbst ab, das heißt, er nimmt sich immer mehr zurück. Das alte Rollenschema sitzt aber sehr tief.

Sie haben jetzt neun Privatlehrer. Wer hat die angestellt, Ihre Eltern?

Nein, wir selbst.

Wie geht das?

Wir mussten einen Verein gründen. Wir Schüler sind aktive Mitglieder, Eltern und Lehrer sind fördernde Mitglieder. Sie haben aber kein Stimmrecht, das war uns wichtig.

Warum?

So lange sich alle gut verstehen, braucht man keine Verträge. Die dienen nur für den Konfliktfall. Dann aber wollen wir sicher gehen, dass wir die Dinge steuern und nicht die Lehrer.

Das klingt sehr selbstbewusst. Wie sah der Rollentausch denn bei den Vorstellungsgesprächen aus?

Also das darf man sich nicht vorstellen, dass da zehn Chefs sitzen und vor ihnen sitzt ein Lehrer, der unbedingt Arbeit braucht.

Wie dann?

Wir suchten für jedes Fach einen Pädagogen, aber nur auf Stundenbasis. Die Lehrer können ihren Hauptjob an der Schule weiter machen und müssen sich den Unterricht als Nebentätigkeit genehmigen lassen. Dennoch musste die Chemie natürlich stimmen. Wir hatten übrigens keinen Mangel an Bewerbern...

Was konnten Sie bieten? Die üblichen Beamtengehälter?

Viel weniger. Wir zahlen 25 Euro netto pro Stunde, das sind je nach Steuerklasse 30 bis 40 Euro brutto.

Wen bekommt man dafür? Einsteiger?

Nein, alle Lehrer haben Erfahrung mit Abitursklassen, sechs unterrichten an staatlichen Gymnasien. Sie interessierte weniger das Geld, sondern vor allem: Wie sieht meine Rolle bei Euch aus?

Lernen Sie auch ohne Lehrer?

Ja, sogar die meiste Zeit. Jeder Schüler erarbeitet sich den Stoff, dann diskutieren wir in der Gruppe, zum Schluss simulieren wir eine mündliche Prüfungssituation, dazu brauchen wir den Lehrer. Nur in den Fremdsprachen und Mathe ist fast ständig ein Lehrer dabei.

Was lernen Sie über den Stoff hinaus?

Unglaublich viel. Keiner von uns hätte sich in der Schule für ein dröges Thema wie eine Steuerkalkulation interessiert. Jetzt brauchen wir die, um die Gehälter für die Lehrer zu berechnen. Wir mussten in den letzten Monaten mit Behörden verhandeln, einen Raum anmieten, die rechtliche Seite einer Vereinsgründung klären, Geldgeber suchen. Sobald die Dinge konkret werden, werden sie unglaublich spannend. Das Wichtigste ist aber, dass wir gelernt haben, wie man Verantwortung übernimmt. In der Schule ist es doch wurst, wenn du eine Hausarbeit versaust. Die schlechte Note kümmert keinen außer dich selbst. Wenn von uns zehn aber einer bei seinen Vorbereitungen schlampt oder zu spät kommt, hängen noch neun andere dran. Da entwickelt man eine ganz andere Arbeitsdisziplin.

Sind alle in der Gruppe etwa gleich gut?

Nein, das Niveau ist sehr unterschiedlich, das macht aber nichts. Wir haben vereinbart, dass wir keine Einzelkämpfer sein wollen, sondern einander helfen. Nur so macht unser Projekt Sinn. Wir haben große Unterrichtsblöcke, beispielsweise vier Stunden Mathe hintereinander, da ist genug Zeit, dass der eine mal mit dem anderen in den Nebenraum geht und ihm eine Sache erklärt. Ich habe übrigens selten mehr gelernt als beim Erklären.

Wie fanden Ihre Eltern die Idee?

Die waren skeptisch. Ich bin der Jüngste von vier Geschwistern, die alle eine Waldorfschule besuchten. Meine Eltern waren zwar nicht zufrieden mit dem, was die Schule aus dem Potenzial der Schüler in der Oberstufe macht, aber dennoch hätten sie es in Ordnung gefunden, dass ich das letzte Jahr durchgezogen hätte. Doch ich sagte, wenn wir eine Idee haben, die uns viel mehr bringt als die Schule abzusitzen, warum sollen wir sie nicht ausprobieren?

Was waren ihre Einwände?

Sie sind Kunsthandwerker und haben ein kleines Unternehmen. Sie hatten ganz praktische Fragen. Die Fragen unserer Eltern waren für uns dann so eine Art Checkliste.

Zum Beispiel?

Wie der Unterricht aussieht, woher wir das Geld nehmen wollen.

Woher nehmen Sie es?

Lehrer und Miete kosten uns in diesem Jahr insgesamt 50.000 Euro. Die Bank hat uns einen großzügigen Dispo eingeräumt, wir mussten aber Bürgen liefern - Eltern, Verwandte, Bekannte - weil wir kein Einkommen haben. 15.000 Euro bekommen wir von den Eltern, das entspricht etwa dem Schulgeld, das sie sonst für eine Waldorfschule bezahlen würden. Weitere 15.000 Euro gaben uns Sponsoren, die kamen einfach auf uns zu. Die restlichen 20.000 hoffen wir ebenfalls über Sponsoren oder Fördergelder abzudecken. Sollte das nicht klappen, teilen wir die Schulden untereinander auf, schlimmstenfalls sind das noch 2000 Euro pro Nase, die arbeiten wir nach dem Abi ab.

Wer etwas riskiert, kann auch scheitern. Was ist, wenn Sie das Abi nicht schaffen?

Das wäre ein großes Ärgernis, aber damit rechnet keiner ernstlich.

Der müsste dann zurück auf die Schule...

... oder er probiert es noch mal auf eigene Faust. Warum nicht? Es gibt schon jetzt Interessenten für den nächsten Abi-Jahrgang. Unser Know how geben wir gern weiter.

Interview: Ingrid Eißele
Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools