Die "Gorch Fock" - sie war der Stolz der Marine, heute ist sie deren Skandalschiff. Der stern protokolliert die folgenschwere Fahrt, die mit der Rückkehr nach Kiel zu Ende ging. Von Uli Rauss und Franziska Reich

Liegt in der Kieler Bucht vor Anker: Am Freitag läuft die "Gorch Fock" in den Heimathafen ein© Carsten Rehder/DPA
Nun kehrt sie also heim in ihren Hafen in Kiel. Die weißen Segel, stolz und rein, das Deck aus Teakholz gewienert – die "Gorch Fock", schönstes Schiff der deutschen Marine. Historische Schiffe werden sich zur Empfangsflotte formieren, Hunderte Yachten sie begleiten, Tausende Menschen von den Ufern aus winken – alle werden die "Weiße Lady" feiern. Endlich. Trotz allem. Oder – gerade deshalb.
Eine merkwürdige Spannung liegt über dem Tag der Rückkehr. Jubel und Freude, einerseits. Die Erinnerung an die Verwerfungen im vergangenen Winter, andererseits. An den tödlichen Unfall der Offiziersanwärterin Sarah Lena Seele. An Vorwürfe von Drill und Drangsale, Saufgelage und Meuterei. An Abbruch der Ausbildung, vorläufige Entlassung des Kommandanten und politische Wirren bis hinauf zum Minister. Wochenlang haben Staatsanwaltschaft, Wehrbeauftragter, Havarie-Beauftragter und eine Marine-Kommission die Vorgänge untersucht. Es ist unklar, was wird. Es ist ja nicht einmal klar, was war. Eigentlich, so erzählen die Mosaiksteinchen der Zeugen, eigentlich ist etwas sehr Schlichtes passiert: Eine junge Frau ist gestorben, und eine Mannschaft zerbrach daran. So tragisch. So einfach.
Doch zwei Monate später entwickelt sich aus diesem traurigen Ereignis ein politischer Orkan mit tagelangem Gezeter und wochenlangem Gezerr. Dabei ging die wichtigste Frage verloren: Was geschah wirklich an Bord der "Gorch Fock"? Jenseits von Gerücht, Unterstellung und Kolportage? Der stern recherchierte das Logbuch der Fakten.
Seit Kaisers Zeiten haben 28 000 Marineoffiziere im "Roten Schloss am Meer" die elitäre Ausbildung durchlaufen – seit 1958 auch die besonders harte Etappe auf der "Gorch Fock". Ziel laut Bundeswehr: "Die Heranbildung eines modernen Menschenführers in einem hoch technisierten maritimen Umfeld." Crew VII/2010 wird die vorerst letzte sein, die zur legendären Dreimastbark aufbricht. Doch das ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand.
Eine Teilnehmerin des Lehrgangs ist Sarah Lena Seele aus Bodenwerder, 25 Jahre alt, eine erfahrene Marinesoldatin, die als Obermaat schon viele Monate lang zur See gefahren ist. Eigentlich fällt ihr schon zum Zeitpunkt des Ausbildungsbeginns die Trennung von Freund und Familie schwer. Eigentlich will sie Seeverkehrs- und Hafenwirtschaft studieren. Doch vorher, so hat sie es sich vorgenommen, will sie sich noch durch die Offiziersausbildung beißen. Ein Jahr Härte gegen sich selbst. Und 30 Dienst-Tage, so will es Weisung 710 204, auf der "Gorch Fock".
Für diesen Dienst wird die Crew in drei "Törns" aufgeteilt. Sarah Lena Seele gehört zum 3. Törn, der im November in Richtung Brasilien aufbrechen wird, um an Bord nach alter Tradition geschliffen zu werden: 99 Stunden "Praktische Seemannschaft", 28 Stunden Wetterkunde, 18 Stunden Enterübungen, zehn Stunden "Takelagekunde", zwei Stunden "Einweisungen und Belehrungen", darunter Dienstvorschrift 165/1: "Unfallverhütung in der Marine", außerdem Wind berechnen, Wettermeldungen kodieren, Ozeanografie, dicht an dicht in schaukelnden Hängematten schlafen, Wind, Enge, nervende Nähe...Für viele Kadetten ist das Schönste an der "Gorch Fock" nicht das "Jetzt", sondern das "Danach".
Zu Beginn der Ausbildung werden alle Marine-Offiziersanwärter von Ärzten auf ihre Borddienstverwendungsfähigkeit geprüft. Dazu gehört auch die Frage nach Höhenangst. Nur wer diese Frage verneint, darf später in die Takelage. Darf. Oder: muss. So klar ist das den Kadetten zu diesem Zeitpunkt nicht.
Alle Anwärter des 3. Törns verneinen die Frage nach Höhenangst. Nur einem wird die Tauglichkeit abgesprochen – aufgrund seiner Körperlänge. Alle anderen erhalten die Zulassung, auch Sarah Lena Seele, die mit 1,57 Metern eigentlich drei Zentimeter zu klein ist. Doch die 25-Jährige legt eine Sondergenehmigung vom Admiralarzt in Glücksburg vor, die sie am 31. Juli 2007 für ein Praktikum auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" bekommen hatte.
Niemandem fällt auf, dass diese Sondergenehmigung nicht dauerhaft gilt. Sarah Lena Seele wird als "borddienstverwendungsfähig" erklärt.
Ein Ehrentag für die Nachwuchselite. Die Offiziersanwärter treten an zum Appell. Der Bundespräsident ist angereist. Er hält eine weihevolle Rede. Er appelliert an die Ausbilder: "Gehen Sie sorgsam mit Untergebenen um, denn sie sind das kostbarste Gut, das Ihnen anvertraut ist. Bilden Sie die Ihnen anvertrauten Soldaten fair und umsichtig aus. Wecken Sie in ihnen Begeisterung für ihre Aufgaben und Achtung vor Ehre und Würde jedes einzelnen Menschen."
Auch Sarah Lena Seele lauscht diesen Worten. Gleich danach wird eine Journalistin sie fragen, ob sie nicht ein bisschen Angst habe vor dem Dienst auf der "Gorch Fock". Schließlich seien schon Menschen dabei umgekommen. "Nein", antwortet sie, "nein, denn passieren kann überall etwas, und ich habe mich mit Leib und Seele dafür eingesetzt, hierherzukommen."