Türkei fordert Wiederaufbauhilfe an

26. Oktober 2011, 07:30 Uhr

Drei Tage nach dem schweren Erdbeben in der Türkei sind zehntausende Menschen Regen und Kälte hilflos ausgeliefert. Zelte und Hilfsgüter müssen unter dem Geleitschutz der Armee verteilt werden. Die Opferzahl steigt auf 459, und es wird klar, dass die Türkei den Wiederaufbau nicht allein bewältigen kann.

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Nach dem schweren Beben im Osten der Türkei sind knapp 2300 Häuser eingestürzt, tausende Menschen sind obdachlos©

Nach dem schweren Erdbeben im Südosten der Türkei ist die Zahl der Toten am Mittwoch auf 459 angestiegen. Rettungsmannschaften konnten am Dienstag vereinzelt noch immer Menschen aus den Trümmern retten, darunter ein zwei Wochen altes Baby und seine Mutter. Am Abend wurde mehr als 54 Stunden nach den schweren Erdstößen ein zehnjähriger Junge aus den Überresten eines Hauses in der Provinz Van geborgen. Serhat Gül sei sofort in ein Krankenhaus gebracht worden, hieß es in Fernsehberichten. Zuvor seien bereits sein Bruder und sein Vater aus den Überresten des siebenstöckigen Hauses in Sicherheit gebracht worden.

Die Retter konzentrierten sich auf die am schlimmsten getroffene Stadt Ercis mit rund 100.000 Einwohnern und die Provinzhauptstadt Van, wo eine Million Menschen leben. Fast 2300 Gebäude waren wegen des Bebens eingestürzt. Inzwischen schwindet jedoch die Hoffnung von Stunde zu Stunde, weitere Überlebende unter den Tonnen von Schutt und Steinen zu finden.

Zu den Geretteten gehörte der 18-jährige Mesut Özan Yilmaz. "Ich habe meinen Kopf auf den Fuß eines toten Mannes gelegt", schilderte der unverletzt gebliebene Mann im Sender CNN seine 32 Stunden in den Trümmern eines Teehauses. Die mit ihm verschütteten Menschen hätten versucht, sich Platz in der Enge zu schaffen. Die Rettungsmannschaften wühlten sich mit schwerem Gerät wie Presslufthämmern, aber auch Schaufeln und Äxten und bloßen Händen durch die Trümmer aus Stahl und Beton. Immer wieder forderten erschöpfte Helfer zur Ruhe auf, weil sie Rufe Verschütteter gehört haben wollten.

Gefangenenaufstand in Van

In einem Gefängnis in der stark betroffenen Stadt Van kam es unterdessen zu einem Aufstand. Häftlinge revoltierten dort nach einem heftigen Nachbeben gegen ihre Wärter. Die Gefangenen hätten ein Feuer gelegt und die Wachmannschaften mit Messern und Scheren angegriffen, berichteten türkische Medien. Die Insassen protestierten demnach dagegen, dass sie ihre Zellen trotz eines Bebens der Stärke 5,4 nicht verlassen durften. Mehrere Schließer seien verletzt worden. Die Behörden brachten zusätzliche Sicherheitskräfte in das Gefängnis, aus dem bei dem schweren Beben am Sonntag etwa 200 Gefangene durch ein Loch in einer Mauer entkommen waren.

Armee gibt Hilfslieferungen Geleitschutz

Tausende Menschen mussten die zweite Nacht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in Zelten oder um kleine Feuer geschart im Freien verbringen, während ein Nachbeben die Region Van erschütterte. Die Regierung sicherte die Lieferung weiterer Zelte und Decken zu, nachdem die Opfer in der mehrheitlich von der kurdischen Minderheit bewohnten Region zu langsame Hilfen beklagt hatten. Inzwischen hat der türkische Rote Halbmond mit Geleitschutz der Armee weitere Zelte für Erdbebenopfer in die osttürkische Stadt Ercis gebracht. Der Konvoi sei von Tausenden Menschen erwartet worden, die sich in einer etwa einen Kilometer langen Schlange vor einer Wache der Gendarmerie aufgestellt hätten, berichtete ein Korrespondent der Nachrichtenagentur DPA.

"Ich warte seit mehr als 13 Stunden auf ein Zelt. Meine Familie besteht aus zehn Personen", sagte der 19-jährige Cemal Alam, ein Einwohner der bei dem Erdbeben schwer zerstörten Stadt. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt hatten in den beiden Nächten zuvor viele Menschen im Freien übernachten müssen.

Türkei benötigt Wiederaufbauhilfe

Die türkische Regierung sucht die Hilfe anderer Staaten für den Wiederaufbau. Für die Zeit nach den Rettungsarbeiten seien Zelte, Wohncontainer und Fertighäuser nötig, berichteten türkische Medien am Mittwoch unter Berufung auf Diplomaten. Die türkischen Botschaften sollten nun Gespräche mit den Staaten führen, die Hilfsangebote gemacht hatten. Die Türkei will auch mit internationalen Organisationen über Hilfen verhandeln.

Das Beben vom Sonntag mit der Stärke 7,2 war das schwerste in der Türkei seit einem Jahrzehnt. Die Hilfsorganisation Roter Halbmond bereitete sich darauf vor, Notunterkünfte für 40.000 Menschen bereitzustellen. Eine genaue Zahl der Obdachlosen gibt es bislang nicht.

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