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29. Mai 2009, 14:10 Uhr

Das Leben eines Verkleidungskünstlers

Neun Jahre ist es her, dass Thomas Wolf nicht aus einem Hafturlaub zurückkehrte. Seitdem flüchtete der Gewaltverbrecher durch Deutschland, die Niederlande und Belgien. Immer wieder war die Polizei dicht an ihm dran, nun fasste sie ihn auf der Hamburger Reeperbahn. Porträt eines Verkleidungskünstlers, der trotz seines Versteckspiels gern unter Leute ging. Von Tim Farin

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Auf der Hamburger Reeperbahn gefasst: Thomas Wolf war neun Jahre auf der Flucht© BKA

Wer das Verbrechen zum Beruf macht, muss sein dunkles Handwerk verstehen und die Behörden immer wieder täuschen können. Der Serienstraftäter Thomas Wolf, 56, beherrschte diese Strategie scheinbar perfekt. Bis zum Donnerstag, 18.30 Uhr. Vor einer Kneipe auf der Hamburger Reeperbahn fassten Zielfahnder den mutmaßlichen Entführer und Erpresser mit Unterstützung des Mobilen Einsatzkommandos. Die Behörden hatten einen Tipp bekommen.

Wolf galt als einer der meistgesuchten Gewaltverbrecher Deutschlands. Mit einer halben Million Mark entkam er vor acht Jahren aus einer Commerzbank-Filiale im Hamburger Stadtteil Altona. Zuletzt wurde er Ende März diesen Jahres auffällig: Er soll die Ehefrau eines leitenden Bankangestellten aus Wiesbaden entführt haben. Dabei waren 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst worden. Wolf tauchte nach den Verbrechen immer wieder unter und wird für mehrere Überfälle in Deutschland, Belgien und den Niederlanden verantwortlich gemacht.

Im Internet suchten die Fahnder mit einem simulierten Bild nach Hinweisen auf den Täter. "So könnte Thomas Wolf heute aussehen" stand darunter. Es schien, als fehlte jede reale Spur, und aus "kriminaltaktischen Gründen" wollte man beim Landeskriminalamt Hamburg lieber auch gar nicht über die Causa Wolf reden.

Hohe kriminelle Energie

Dabei schien die Fahndung nach dem Bankräuber von Altona im Mai vor neun Jahren eigentlich eine vielversprechende Wende zu nehmen. Am Gründonnerstag, dem 20. April 2000, um 14:05 Uhr hatte sich ein spektakulärer Überfall am Paul-Nevermann-Platz zugetragen. Der Täter weilte unter dem Vorwand eines Beratungsgesprächs in der Bank, als er einen Koffer auf den Boden stellte und dem Mitarbeiter sagte: "Da ist eine Bombe drin." Zwei Bankangestellte mussten dem Räuber 500.000 Mark aus dem Tresor herbeischaffen. Danach zwang der Kriminelle einen Kassierer, den vermeintlichen Bombenkoffer auf die Straße zu tragen und dort zu warten.

Rufe er die Polizei, gehe die Bombe hoch. Es dauerte 30 Minuten, ehe der Kassierer sich letztlich doch traute, die Wache zu alarmieren. Die Bombe war nur eine Attrappe, wie sich nach einer komplizierten Entschärfungsaktion mit Sprengroboter herausstellte - und der Täter war längst verschwunden.

Doch wenige Wochen später stellte sich heraus: Der Bankräuber ist ein einschlägig vorbestrafter Krimineller. Nach dem intelligent ausgeheckten Verbrechen wunderte es die Ermittler umso mehr, dass sie auf der Bombenattrappe einen Fingerabdruck fanden. Beim Abgleich mit dem Automatisierten Fingerabdruck-Identifizierungssystem (Afis) beim Bundeskriminalamt trafen sie auf den Namen Thomas Wolf. Ein Mann, der - damals 47 Jahre alt - schon 15 Jahre in Haft verbracht hatte.

Schon Ende der 70er Jahre zu Freiheitsstrafe verurteilt

Wolfs kriminelle Energie hatte schon früh in seinem Leben Aufmerksamkeit erregt. Er beging Diebstähle, Gewalttaten, verstieß gegen Waffengesetze und raubte. Schon Ende der 70er Jahre wurde Wolf zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 21 Jahren verurteilt.

1988 gelang ihm dann eine erste Flucht aus der Haft. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gütersloh sägte der 1,85 Meter große und athletische Typ die Gitter seiner Zelle durch. In Freiheit ging er weiter seinem gewerbsmäßigen Verbrechen nach. Im März 1990 marschierte er in eine Bank im hessischen Kelsterbach, stellte eine Tasche auf den Schaltertresen und legte einen Zettel daneben: "Kein Alarm. Wenn Polizei erscheint, schieße ich sofort. Du kriegst den ersten Bauchschuss", drohte er dem Bank-Angestellten.

Nachdem er den Zielfahndern ein zweites Mal ins Netz gegangen war, gelang Wolf Anfang 2000 die erneute Flucht aus dem Justiz-Gewahrsam. Er sollte noch sechs Jahre Resthaft verbüßen, doch er genoss stattdessen die Freiheit eines Haft-Urlaubs in vollen Zügen. Er kam nicht mehr zurück in die JVA Moers-Kapellen, sondern tauchte im selben Frühling als vermeintlicher Kunde in der Bank in Altona auf.

Wolf gab sich gerne als Brite aus

Neben seinem rheinisch gefärbten Deutsch spricht er wohl auch akzentfreies Englisch und gab sich gerne als Brite aus. Im Internet hatte das Landeskriminalamt Hamburg 14 Identitäten aufgelistet, die sich Wolf während der Flucht gegeben hatte, darunter die Namen Paul Gathercole und Gerd Günther Schimanski. Die Liste mit faulen Identitäten verlängerten die Ermittler immer wieder, konstant schien sich Wolf aber als "Tom" und "Tommy" zu verkaufen.

Ende April 2003 schlug Wolf wieder zu. In der Innenstadt des niederländischen Eindhoven betrat ein etwa 50 Jahre alter, formell gekleideter Mann die Filiale der ABN-Amro-Bank. Er zückte eine Pistole und nötigte eine Angestellte, seinen Koffer mit Geld zu füllen. Ansonsten sprenge er das Geschäft. Mit der Mitarbeiterin als Geisel entkam Wolf zum Bahnhof, stieg dort in ein Auto und flüchtete mit 25.000 Euro.

Wolf führte in der Fluchtzeit wohl weiter sein Leben des Vollkriminellen, der in Bars neben dem Ausgang Platz nahm, Whisky trank und seinen Körper beim Bodybuilding stählte. Er gilt als geselliger Typ. Auf der Hamburger Amüsiermeile, zwischen Hunderten Vergnügungswilliger, war seine dunkle Reise zu Ende.

Die Flucht des Thomas Wolf Thomas Wolf hatte auf der Flucht mehrere Spuren hinterlassen: 23. März: In einem Berliner Parkhaus werden zwei Autokennzeichen- Paare gestohlen. Eines davon (AP-FY 43) wird später an Wolfs Fluchtauto gefunden, das andere darin (M-XA 8036). 27. März: Thomas Wolf entführt die Frau eines leitenden Bankmanagers aus Wiesbaden, hat sie rund neun Stunden in seiner Gewalt und fesselt sie an einen Baum. Nach der Geldübergabe am Abend an der Autobahn Wiesbaden-Frankfurt bei Hofheim-Diedenbergen verliert sich zunächst die Spur des Täters. 3. April: Die Belohnung für Hinweise zur Ergreifung Wolfs und seiner Beute wird auf 100.000 Euro erhöht. 8. April: In der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst" wird erstmals nach Wolf gefahndet. 13. bis 16. April: Wolf hält sich in München auf, kauft in Supermärkten ein und erwirbt am 14. April in einem Fachgeschäft ein dunkelblaues Fahrrad der Marke "Winora". 22. und 23. April: Wolf versucht unter anderem über das Internet in Berlin eine Wohnung zu mieten. 27. April: Wolf parkt sein Fluchtauto, einen silbernen Golf Variant, in einem Parkhaus in Bremen und geht ins Hallenbad Huchting. Schwimmen gehört zu seinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen. 1. Mai: Wolf wird in einem Waldstück im Kreis Oldenburg in Niedersachsen von Jägern aufgeschreckt. Er hat sich in einem Hochsitz versteckt und flüchtet Hals über Kopf. In seinem im Morast festgefahrenen Fluchtauto steckt noch der Zündschlüssel. 12. Mai: Zeugen wollen Wolf in Friedrichsdorf-Köppern im Taunus erkannt haben. Die Polizei durchkämmt den Wald. Anschließend verliert sich Wolfs Spur wieder.

Von Tim Farin
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
confused (30.05.2009, 09:07 Uhr)
@soondecember - StefanAugsburg
zur Info - die Haftanstalt Moers - Kapellen wo Wolf 2000 einsass und floh, ist eine offene Vollzugsanstalt, dort sitzen "leichte Fälle" und welche die schon Langzeitstrafen abgesessen haben und wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden und als nicht Fluchtgefährdet gelten. Sprich, die Gefangenen dort sitzen nicht in Zellen sondern leben auf einem grossen Gelände in Mehrfamilienhäusern in meist 4 Bett Zimmern, Gemeinschaftsküche,Dusche und keine Verschlossenen Türen und kein Gitter vor den Fenstern.
Um dem ganzen Gelände ist ein hoher Maschendrahtzaun sonst nichts. Sie dürfen täglich raus aus der Anstalt um arbeiten zu gehen und nach 16 Uhr auch so raus in die Stadt für ein paar Stunden zum Einkaufen etc. Sie besitzen dort Geld und können auch am We nach Hause fahren sich frei bewegen. Wiegesagt offener Vollzug zur Wiedereingliederung daher war es ein leichtes für Ihn dort zu fliehen.
you_me_2 (30.05.2009, 08:22 Uhr)
Was für ein
..unspektakuläres Ende für einen "hochgefährlichen" Schwerverbrecher.
Enfach so beim Spazierengehen vor 'ner Kneipe festgenommen, dazu noch unbewaffnet.
Da lohnt sich ja noch nicht 'mal die filmsche Umsetzung des Ganzen, kein Showdown mit Schießerei auf der Reeperbahn und der Bösewicht muss dann doch tatsächlich vor ein ganz normales Gericht und der himmlische Richter bleibt ihm auf absehbare Zeit auch erspart.
balldurian (29.05.2009, 19:17 Uhr)
Nur glück ...
... dass der kassierer beim festhalten der bombenattrappe keinen krampf bekam, wäre bestimmt 'ne körperverletzung und 5 jahre mehr knast draus gemacht worden.
Und man gut, dass der unverkrampfte bankangestellte ordentlich genährt und getränkt war. Wäre der gute mann mit sicherem griff noch verdurstet wär' doch wirklich schlimm gewesen.
Reines schlottern in den hosenbeinen zu unterstützen scheint ja straffrei, gabs sogar für 300 mio. bei der KFW noch gratis. Setzt wohl auch erst nach drei tagen ein, bis dahin kommt meist der filialleiter vorbei der den bombenkoffer mal kurz weiterhält ...
Juris1 (29.05.2009, 17:09 Uhr)
Millionen Kosten für die Suche
Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Millionen Euro die ständige Suche nach diesem Räuber den Steuerzahler gekostet hat.
Hätte er nicht die Frau eines Bank-Managers als Geisel genommen, wäre die Sache sicherlich nicht so groß aufgebauscht worden.
Nun, er hat ein paar Banken überfallen - das haben andere auch getan. - Aber diesem Ganoven ein ganzes Heer Zivilfahnder und Personenfahnder und sogar ein SEK hinterherzuschicken, halte ich dann doch ein wenig übertrieben.-
Die Kosten stehen wohl in keinem vernünftigem Verhältnis zur Festnahme.
Vielleicht wollten da auch ein paar Polizisten mal wieder Räuber und Gendarmen im Großen spielen.
Dr.Tonklin (29.05.2009, 16:34 Uhr)
@soondecember: Leben ohne Papiere
Ein Leben ohne amtliche Papiere ist heutzutage scheinbar viel schwerer, wenn nicht sogar unmöglich - vielleicht in der Theorie, aber in der Praxis sieht das dann doch noch anders aus. Man möchte gar nicht glauben, wie weit man mit harmlosen Ausreden oder unglaublichen Geschichten kommt, alles was dazu nötig ist, ist ein bißchen Fantasie des Täters und Nachlässigkeit der Behörden. Zustände wie in 1984 sind zwar möglich, aber Beispiele wie Wolf oder illegale Einwanderer, die jahrelang unbehelligt in Deutschland leben, zeigen doch, wie undicht das Raster immer noch ist. Zum Glück ;)
Zwischenruf (29.05.2009, 16:01 Uhr)
@ quakenderfrosch
könntest du dein gebrabbel so umformulieren, damit es ein normalbüger auch erahnen kann, was du eigentlich sagen wolltest?
quakenderfrosch (29.05.2009, 15:13 Uhr)
Bei der Verhaftung bestimmt schwerstens bewaffnet .
Was ein echter Gewaltverbrecher ist läuft doch hoffentlich nie ohne zwei Kalaschnikovs, mehreren umgehängten Patronengurten und einigen Handgranaten in den Innentaschen über die Reeperbahn ? Dazu kommt noch die Bombenattrappe am versteckten Lösegeld - wer den Koffer findet soll bereits lange vor jeder Explosion Böses ahnen .
In den Zeitungen ist leider nichts darüber zu lesen - nur die Fahndungsplakate weisen in fett unterstrichenen roten Druckbuchstaben immer und überall auf die allerschwerste Bewaffnung hin.
Oder hatte der vielleicht gar keine Knarre oder, noch gefährlicher, seine Nagelfeile in der Tasche ?
Seltsam genug, wenn die Hamburger Präzisionsschützen aller sonst gängigen Praxis zum Trotz, schon nach einigen Warnschüssen entnervt zusammenpacken und abziehen . Ein bewaffnetes Opfer hätte es sicherlich nicht überlebt .
StefanAugsburg (29.05.2009, 14:50 Uhr)
Freigang für Ausbrecher ... ha ha
Viel netter wäre es doch zu wissen, weshalb die Haftanstaltsleitung einem bekannten Ausbrecher überhaupt Freigang bzw. Hafturlaub gewährt, das würde mich interessieren. Aber ich nehme an, daß diese Antwort auf diese Frage nicht an die Öffentlichkeit gelangen wird, denn soviel Blödheit gehört dann doch eher gestraft .... :-)
soondecember (15.06.2008, 14:09 Uhr)
schöne Haftbedingungen mit Urlaub
Also die Flucht aus der Haft, wenn er noch 6 Jahre abzusitzen hat und doch schon Urlaub machen darf, na so komfortabel kann man fast nirgends auf der Welt fliehen....was lesen wir andernorts, spetakuläre Entführungen mit Hubschrauber oder so.. in der deutschen JVA geht man in den Urlaub..vielleicht Mallorca und dann Afrika ? wie Humphrey Bogart in der Cocktailbar nahe am Strand.
Aber was beeindruckendes hat dieses Leben schon, man braucht doch viele Fähigkeiten um so durchzukommen, seit dem illegalem Untergrundleben der RAF ist die bürokratische Registrierung eines Menschen in der Industriegesellschaft um Grössenordnungen perfektioniert worden, ohne Papiere zu leben, ist schon sehr viel schwerer geworden. Jedenfalls hierzulande.
Vielleicht ist er ja Touristenführer irgendwo in der Welt, abseits der perfekten industriegesellschaftlichen Organisation.
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