Die Opfer der Lebensmüden

20. November 2012, 18:00 Uhr

Es gibt Selbstmörder, die wählen einen Freitod, der auch andere Menschen aus dem Leben reißt. Unbeteiligte sterben, Rettungskräfte kämpfen mit psychischen Folgen. Von Malte Arnsperger

Suizid, Selbsmord, A1, Autobahn, Unfall, Unbeteiligte, Erhängen, Zug

Ein junger Mann wollte sich auf der A1 das Leben nehmen - er verletzte auch Unbeteiligte©

Der Entschluss, sich das Leben zu nehmen, kam bei Richard W. (Name geändert) ganz spontan. Am Sonntag wollte er eigentlich eine Bekannte in Dortmund besuchen. Mitten auf der Autobahn wendete der 24-Jährige seinen Wagen. Ein älteres Ehepaar, das mit seinen Enkelkindern unterwegs war, stieß frontal auf das Auto des Lebensmüden. Alle fünf Personen erlitten Verletzungen, die nicht lebensgefährlich sind.

Vor wenigen Wochen hatte eine Mutter bei ihrem Suizid auf der Autobahn A73 ihre zwei Kinder sowie eine weitere Person mit in den Tod gerissen. In beiden Fällen waren die Rettungskräfte stundenlang damit beschäftigt, Verletze oder Tote zu bergen und zu betreuen. Sie sind - wie so oft in solchen Fällen - die letzten Opfer eines Selbstmörders.

Selbstmord - diesen Ausdruck mögen Psychologen und Wissenschaftler gar nicht gerne. Denn anders als ein Mord sei ein Suizid ja kein Kapitalverbrechen, sondern meist der traurige Endpunkt einer psychischen Erkrankung, argumentieren sie. Sie verwenden deshalb den distanzierteren Ausdruck der "Selbsttötung". Aber bei Ereignissen wie den Unfällen auf der A1 und der A73 liegt der Gedanke an einen Mordversuch nahe, und so gibt auch der Münchner Suizidforscher Karl-Heinz Ladwig zu: "Es fällt schwer, die Distanz in der Ausdrucksweise zu wahren angesichts der vielen weiteren Betroffenen."

Die häufigste Suizidmethode ist Erhängen

Jedes Jahr nehmen sich rund 10.000 Menschen in Deutschland das Leben. Erhängen ist dabei die häufigste Methode, rund 50 Prozent der Suizidenten legen sich einen Strick um den Hals. Sicher ein furchtbarer Anblick für die Menschen, meist Angehörige, die den Leichnam finden. Suizidforscher ordnen diese Selbsttötungsvariante zwar den "harten Methoden" zu, im Gegensatz zu den "weichen", wie etwa dem Vergiften. Aber ähnlich wie beim Gifttod müssen nach einer Strangulation meist keine Rettungskräfte alarmiert werden, es kommen keine unbeteiligten Personen zu Schaden. Genau das passiert aber, wenn sich Menschen vor Züge werfen oder, wie der 24-Jährige auf der A1, absichtlich einen Autounfall verursachen. Mehr als sechs Prozent der Lebensmüden in Deutschland wählen laut einer Statistik von 2006 den Freitod, in dem sie sich vor den Zug werfen oder im Auto umkommen. Und jedes Mal müssen dann Feuerwehr, Polizei und Notärzte ihre Arbeit tun.

Der Münchner Seelsorger Andreas Müller-Cyran betreut seit vielen Jahren solche Ersthelfer psychologisch und ist einer der Vorreiter auf diesem Gebiet. Im Einsatz vor Ort, meint er, spiele es für die Retter keine Rolle, ob ein Autounfall auf glatte Straßen zurückzuführen ist oder ob ein Suizid dahinter steckt. "Sie konzentrieren sich voll auf ihre Arbeit. Meist ist es zunächst auch noch völlig unklar, warum der Unfall passiert ist." Aber sobald die Leichen geborgen und die Verletzten versorgt sind, wollen laut Müller-Cyran auch die Helfer die Hintergründe für ihren Einsatz erfahren. "Es ist für sie wichtig, die Zusammenhänge zu verstehen und so eine gewisse Stimmigkeit zu bekommen. Das ist bei einem Suizid viel schwerer. Deshalb ist der Umgang damit für die Helfer viel belastender, die Verarbeitung kann Monate dauern." In einer solchen Situation reagieren viele Rettungskräfte mit Ärger und Wut auf den Suizidenten, sagt der Münchner Seelsorger. "Und dann fallen natürlich verbitterte Worte wie: 'Das hätte der ja auch anders machen können.'"

700 bis 1000 Menschen werfen sich jährlich vor den Zug

Das könnte auch von Lokführern oder Straßenbahnfahrern stammen. Jedes Jahr lassen sich bundesweit zwischen 700 und 1000 Menschen von einem Zug überrollen und machen so einen völlig Unbeteiligten zum Werkzeug ihres Plans. Nachdem sich Fußballnationaltorwart Robert Enke 2009 auf diese Art das Leben genommen hatte, untersuchte der Epidemiologe Ladwig mit einem Team aus Wissenschaftlern ähnliche Taten. "Es hat sich gezeigt, dass die Lokführer sehr leiden, weil sie es waren, die den Zug über den Körper gefahren haben. Zudem wurden ihnen in einigen Fällen von Fahrgästen sogar eine Mitschuld gegeben. Sie haben sich deshalb auch als Opfer gefühlt, und viele haben eine Wut auf den Suizidenten entwickelt."

Die Wut von Lokführern, Ersthelfern, und natürlich der Opfer und deren Angehörigen kann Ladwig gut verstehen, die Frage "hätte der nicht anders handeln können" verneint er. "Viele Suizide geschehen im Affekt und sind impulsgesteuerte Verzweiflungstaten. Da steckt eine enorme Aggression dahinter. Diese Menschen wollen ihre Enttäuschung über das Leben nochmal allen zeigen. In einer solchen Situation kann man von dem Lebensmüden kein vernünftiges Denken erwarten." Trotzdem weist er daraufhin, dass sich Menschen, die über einen Suizid nachdenken, immer an Krisentelefone oder an Notfallzentren wenden können.

Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) hält es für erforderlich, diese Unterstützung auszuweiten. In einem kürzlich vorgelegten Gesetzesentwurf schlägt die DGHS unter anderem eine "ausreichende Anzahl wohnortnaher Beratungsstellen" vor. "Denn nur, wenn man Menschen, die über Selbsttötung nachdenken, ernst nimmt und ohne Tabu kompetent berät, können Affekt-Suizide vermieden werden", meint DGHS-Präsidentin Elke Baezner. „Wenn wir erreichen können, die Schwellenangst der Betroffenen vor einer Beratung abzubauen und so die Gefährdeten überhaupt erreichen, besteht eine reelle Chance, Paniksuizide mit all ihren Gefahren für den Betroffenen wie auch für unbeteiligte Dritte zu vermeiden."

Ob der 24-jährige Lebensmüde von der A1 so eine Beratung gesucht oder gar bereits gefunden hatte, ist noch unklar. Klar ist: Wegen ihm brauchen nun die vier Opfer Hilfe.

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