19. März 2009, 16:08 Uhr

Wenn jede Sekunde zählt

Nach dem Amoklauf in Winnenden machen sich Schulleiter Gedanken über mehr Sicherheit in den Schulen. Metalldetektoren wie in den USA sind kein Thema - bessere Möglichkeiten für Lehrer, um sich unmittelbar nach einem Überfall Hilfe zu holen, dagegen schon. Von Ingrid Eißele

Winnenden, Amoklauf, Sicherheit, Schule

Nach dem Amoklauf in der Albertville Realschule wird jetzt über bessere Sicherheitsvorkehrungen diskutiert©

Die Polizei war nach dem Amokalarm schnell zur Stelle. Zwei, drei Minuten, länger dauerte es nicht, bis ein Dreierteam des Polizeireviers Winnenden in der nahe gelegenen Albertville-Realschule eintraf. Doch Tim Kretschmer war noch schneller. Binnen weniger Minuten tötete er neun Kinder und drei Lehrerinnen, verletzte mehrere Schüler und Lehrer, feuerte noch Schüsse auf die Polizisten ab und flüchtete dann durch den Hinterausgang. Nach derzeitigem Stand überfiel er zuerst die neunte Klasse am Ende des Flurs im ersten Stock. Lehrerin und Schüler dieser Klasse hatten keine Chance, vorgewarnt zu werden. Danach ging er an mehreren leeren Klassenräumen vorbei, schoss auf dem Flur zwei Lehrerinnen nieder und betrat dann das Klassenzimmer der Klasse 10d.

Die Schüler der Abschlussklasse waren ebenso ahnungslos wie die 9c - sie hatten zwar draußen Schüsse gehört, wussten aber nicht, was das zu bedeuten hatte: "Läuft da einer Amok oder was?" witzelte ein Junge noch. Da stand Kretschmer schon im Türrahmen. Der "sehr dynamische Tatablauf" (der baden-württembergischen Innenminister Rech) zeigt: Bei einem Amoklauf zählt für die Polizei jede Sekunde. Je früher betroffene Lehrer und Schüler aus dem Klassenzimmer heraus Hilfe anfordern können, desto eher können die benachbarten Klassen gewarnt werden. Aber genau hierfür gibt es noch kaum Vorkehrungen: "Es gibt keine Alarmierungssysteme in den Klassenzimmern", sagt Antje Fröhlich, Rektorin der Realschule in Weinstadt, etwa 12 Kilometer entfernt von Winnenden.

Könnten Alarmknöpfe in den Klassenzimmern helfen?

Die Lehrerin der überfallenen Klasse 9c an der Albertville-Realschule alarmierte mittels Handy die Schulleiterin. Doch bis ein Handy eingeschaltet und die Nummer eingetippt ist, vergeht viel Zeit - erst recht, wenn man sich in der Aufregung möglicherweise vertippt. Manche Lehrer nehmen erst gar kein Mobiltelefon mit ins Klassenzimmer, Schüler sollen ihre Geräte ausschalten oder zu Hause lassen - ob im Klassenzimmer ein Mobiltelefon vorhanden ist, ist also dem Zufall überlassen.

Doch was hätte der Lehrerin in dieser extremen Situation schneller helfen können? Ein Alarmknopf, wie ihn jeder Schalterbeamte in der Bank hat? "Der müsste so gesichert sein, dass ihn nur der Lehrer auslösen kann", sagt Rektorin Fröhlich, "sonst gibt es jeden Tag zigmal Alarm." Praktikabler ist möglicherweise ein einfaches Haustelefon in jedem Klassenzimmer mit einer Direktverbindung zum Sekretariat. Oder eine Gegensprechanlage.

Klar ist: Der Lehrer kann bei einem Überfall das Klassenzimmer nicht verlassen. Er würde seine Klasse allein lassen und begäbe sich selbst auf den Fluren in Todesgefahr. Das Gebot der Stunde: Rein ins Klassenzimmer, Tür zuschließen, mit Möbeln verstellen, weg von der Tür, flach auf den Boden legen, diese Regeln sind vielen Lehrern bekannt, in einigen Bundesländern gibt es seit dem Amoklauf von Erfurt immerhin Krisenpläne. Im Rems-Murr-Kreis, wo Tim Kretschmer lebte, wurden die Schulleiter erst voriges Jahr von der Polizei geschult. Doch an der technischen Ausstattung der Schulen ließe sich einiges verbessern, besonders im Klassenzimmer. Manchen Schulleitern wird es angst und bange, wenn sie an die Qualität ihrer Türen denken, die sich mit einem Fußtritt öffnen lassen.

Diskutiert wird jetzt auch die nächste Stufe des Alarms, die Warnung aus dem Rektorat: Achtung Amokläufer! Dieser Alarm muss sich eindeutig vom Feueralarm unterscheiden. Denn bei Feueralarm lautet die Anordnung: raus aus dem Klassenzimmer. Bei Amok dagegen: rein ins Klassenzimmer. Im Rems-Murr-Kreis empfahl die Polizei vergangenes Jahr den Lehrern jeder Schule, individuelle Warncodes abzumachen. Beispielsweise eine verschlüsselte Durchsage in allen Klassenzimmern ("Frau Koma kommt") oder ein bestimmtes Klingelzeichen der Pausenglocke, das Lehrer erkennen können.

Krisenübungen sollen Routine werden

Doch das beste Sicherheitskonzept nützt nichts, wenn es im Notfall nicht präsent ist. "Wir müssen jetzt explizit einen Krisenalarm einführen, so wie wir zweimal pro Jahr Feueralarm üben", sagt Ulrich Scheufele, Rektor der Grund- und Hauptschule in Altingen bei Tübingen. In welcher Form, ist noch unklar. Denn Amok "ist eine fürchterliche Form der Gewalt" und die Auseinandersetzung mit dem Thema in der eigenen Schule ängstige Kinder vielleicht. Aber "als Schulleiter muss man abwägen. Die Lebensgefahr im Fall der Fälle abzuwenden, ist der höhere Wert. Außerdem: Wenn so eine Krisenübung zur jährlichen Routine wird, kann sie von Kindern gut verarbeitet werden." Die Albertville-Realschule hatte nach Aussagen von Schülern keine Lautsprecher-Durchsage. Die Schulleiterin warnte die Nachbarkklassen über ein speziell vereinbartes Klingelzeichen, "über ein Sondersignal der Pausenglocke", so der Sprecher des Stuttgarter Regierungspräsidiums. Die Lehrer in den übrigen Klassenräumen wurden gewarnt und konnten ihre Schüler einschließen. Für die Schüler in der 10d m das Klingelzeichen zu spät. Vielleicht nur einige Sekunden.

 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Malt (20.03.2009, 14:32 Uhr)
Günstigste Vorbeugung?
Ich frage mich, ob es vielleicht Sinn machen würde, dass man in den Klassen, z.B. Montags in der ersten Stunde, einfach eine allgemeine Gesprächsrunde einführt und sich über Ereignisse in der Schule, oder auch in der Welt, austauscht... zusammne mit dem Lehrkörper. Dabei könnte der Lehrer recht einfach herausfinden, wer in der Klasse eher zurückhaltend ist, ob etwas in der Klasse nicht stimmt etc... zudem würde es, meiner Ansicht nach, das Gemeinschaftsgefühl stärken, was vielleicht auch gegen Mobbing und Ausgrenzung helfen könnte. Wäre, so denke ich, eine gut investierte Stunde pro Woche. Zudem würde es vielelciht die Sozialkompetenz der Schüler stärken.
krautundrueben (20.03.2009, 13:44 Uhr)
typisch
"...die Auseinandersetzung mit dem Thema in der eigenen Schule ängstige Kinder vielleicht. Aber "als Schulleiter muss man abwägen." Es sind genau solche Sätze, die davon abhalten wirklich Lösungen zu präsentieren.
Deutsche Schulen sind und bleiben schlecht ausgestattet und hinken Jahre hinterher wenn es um das Thema Sicherheit und Zukunfstechnologien geht. Das war schon immer so.
"Metalldetektoren wie in den USA sind kein Thema.." Ich habe noch nie Metalldetektoren hier an den Schulen gesehen. Die gibt es vielleicht in Ballungsgebieten mit extremen sozialen Situationen aber lasst ruhig weiter Leute Artikel schreiben, die keine Ahnung haben.
Dafür sind in den USA alle Aussentüren zum Schulgebäude während des Unterrichts verschlossen, bis auf den Haupteingang damit man sieht wer ein und aus geht. Besucher müssen sich auch anmelden und an es gibt Videoüberwachung, damit das Sekretariat sieht was im Gebäude los ist. Mehrmals im Jahr gibt es eine Notfallübung damit die Kinder (auch schon ganz Kleine) lernen wie sie sich in einem solchen Fall zu verhalten haben. Und ganz wichtig, jedes Klassenzimmer hat ein Telefon!!! Ist genauso selbstverständlich wie Computer. An jeder Schule gibt es auch sogenannte Councelor, die mit den Klassen aber auch mit Einzelpersonen reden. Sie bieten auch Kurse während der Schulzeit an, z.B. für Kinder deren soziale Kompetenzen nicht so stark ausgeprägt sind oder die in Problemsituationen stecken.
Ich finde das sind sehr gute und einfach durchzuführende Möglichkeiten um die Sicherheit an Schulen zu erhöhen.
Mauro (20.03.2009, 13:29 Uhr)
Sicherheit
An Schulen wird man nie eine Sicherheit zustande bekommen.
______
Wie will man an einer Schule mit über 1000 Schülern verhindern, dass der Attentäter nicht früh um kurz vor acht mit den Schülermassen das Gebäude betritt?
Oder wie will man die Pausenhöfe, die meist von der Straße aus zu bertreten sind Kugelsicher machen?
In fast jeder Klasse fehlen Schüler - klopft jetzt der zu spät kommende Schüler - oder der Amokläufer?
______
Schulen abschotten?
Geht leider nicht.
_________
Einen Alarmknopf nur für Lehrer - auf wen wird denn vermutlich zu erst geschossen?
____________
Mir fällt kein effektiver Schutz ein - leider!
Da sind die oftmals gescholtenen Schülerhandys am schnellsten griffbereit!
endbenutzer (20.03.2009, 12:49 Uhr)
@h3rr4s:
"...Was ist, wenn es brennt und die Feuerwehr durch die Tür will? Wie sollen die Rettungskräfte der Polizei durch die verschlossenen Türen kommen?.."
Wie wäre es mit einem Generalschlüssel für die Feuerwehr? Ich denke das könnte man organisieren.
h3rr4s (20.03.2009, 12:35 Uhr)
@endbenutzer
Was ist, wenn es brennt und die Feuerwehr durch die Tür will? Wie sollen die Rettungskräfte der Polizei durch die verschlossenen Türen kommen? Wie im Artikel erwähnt, ist jede Sekunde wichtig! Demnach würde es sehr wohl etwas bringen, wenn Alarmknöpfe, etc. installiert würden.
endbenutzer (20.03.2009, 11:55 Uhr)
Ach Halt!
Ich hab ja vergessen, dass so etwas natürlich Geld kostet und wir gar keins haben, weil es schon die Banken einkassiert haben.
endbenutzer (20.03.2009, 11:53 Uhr)
Außerdem...
...bringen Alarmknöpfe oder Handynotrufe wohl nichts, wenn ein Attentäter direkt das Feuer eröffnet. Es gibt nur eine Lösung: Jeder potentielle Täter muss daran gehindert werden, die Schule bzw. den Klassenraum zu betreten. Vielleicht würde das auch dazu beitragen, dass der Täter sein Handeln nochmals überdenkt..
endbenutzer (20.03.2009, 11:49 Uhr)
Einfache Lösungen
Wieso ist es nicht möglich, während des regulären Unterrichts die Eingänge der Schule abzuschließen? Ebenso könnten die Klassenräume mit Türen ausgestattet werden, die nur von innen zu öffnen sind. Will ein Schüler z.B. während des Unterrichts zur Toilette, müsste er eben nach seiner Rückkehr anklopfen. Diese Türen müssten natürlich stabil und nicht aus Glas sein.
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