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14. März 2009, 08:46 Uhr

"Jetzt hauen sie wieder auf uns drauf"

In Erfurt war der Amokläufer selbst im Schützenverein, in Winnenden war der Vater Sportschütze. Über ihn ist Tim K. an die Waffe gekommen, mit der er das Massaker anrichtete. Jetzt wird ein schärferes Waffenrecht diskutiert - zum Leidwesen der Schützenvereine, die Angst um ihr Hobby haben. Ein Vereinsbesuch. Von Lenz Jacobsen, Köln

Amoklauf, Winnenden, Schützenverein, Waffenrecht

Bei der St. Stephanus Schützenbruderschaft schießen die Freizeit-Schützen mit Luftgewehren© Lenz Jacobsen

Eigentlich ist Training an diesem Abend, doch so richtig Lust zu schießen hat gerade kaum einer. Es gibt Redebedarf. Acht Männer haben sich im Keller des Pfarrheims Heilig Kreuz in Köln-Weidenpesch versammelt, mit einer Flasche Kölsch in ihren Händen sitzen sie auf braunen Holzstühlen an braunen Tischen, hinter sich eine riesige Vitrine mit Pokalen. Das hier ist der harte Kern der St. Stephanus Schützenbruderschaft Köln-Weidenpesch 1877 und das Pfarrheim ist ihr Vereinsheim.

Wie im ganzen Land gibt es hier nur ein Thema: den Amoklauf von Winnenden. Und doch sind diese Männer in besonderer Weise betroffen. Sie fürchten um ihr Hobby, das Schießen. Weil - wie schon in Erfurt - der Vater des Amokläufers im Schützenverein war und seine Waffen anscheinend nicht sicher genug weggeschlossen hatte, werden die Freizeit-Schützen nun von allen Seiten angegriffen. Politiker fordern eine Verschärfung des Waffenrechts, wollen Waffen in Privatbesitz gar komplett verbieten oder strenger kontrollieren als bisher. "Ich hab nur gehört dass der Vater im Schützenverein war, da war mir klar: Jetzt wird wieder auf uns Schützen draufgehauen", sagt Joachim Ollig, 2. Brudermeister des Vereins, und alle nicken zustimmend.

"Ganz schöne Schikane"

Man kennt das hier schon. Nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002 war schon einmal eine Welle der Kritik über die deutschen Schützenvereine hereingebrochen. Mit der Folge, dass das Waffenrecht deutlich verschärft wurde. Zum Leidwesen der Schützen: "Jetzt gibt's wirklich für alles Vorschriften, das ist manchmal ganz schöne Schikane", mault einer. Dann erzählen die Schützen, wie sie ihre Schießstände umbauen mussten, damit sie den neuen Regeln entsprachen, erzählen, dass das Gesetz ihnen vorschreibt aus was für einem Holz die Vögel sein müssen, auf die sie im Sommer beim Schützenfest schießen, wie alt die Druckluftkartuschen für ihre Luftgewehre sein dürfen, in was für einem Schrank sie ihre Waffen aufbewahren müssen, und man merkt: Es reicht ihnen. Die aktuellen Regelungen sind für sie schon Arbeit genug.

Ein strengeres Gesetz könnte Amokläufe auch nicht verhindern, sagt einer, "Banküberfälle sind ja auch seit Jahren verboten und passieren trotzdem immer wieder." Und überhaupt, "von Gesetzgebung halte ich wenig", Amokläufe zu verhindern sei mehr eine Sache der Erziehung.

Nur Wut und Unverständnis

Für den Vater von Tim K. haben die Schützen hier nur Wut und Unverständnis übrig: "Wozu braucht denn einer fünfzehn Waffen?", fragen sie empört. "Und 4000 Schuss Munition? Da kann er mir aber nicht erzählen dass er die wegen des Mengenrabatts gekauft hat." Die Weidenpescher Schützen haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihren Waffen - zumindest nach eigener Auskunft. Von den rund 20 Mitgliedern der Bruderschaft, die regelmäßig auf den Schießstand kommen, besitzen nur vier oder fünf überhaupt eine eigene Waffe, meist ein Kleinkaliber-Gewehr. Eine Waffe mit einem größeren Kaliber, wie eine Beretta, der Tatwaffe von Tim K., hat hier niemand. "Uns geht es ja hier nicht ums Rumballern", erklärt sich der Bruderschaftsvorsitzende Stefan Mies. Manchmal würden sich Männer bei ihm melden und sagen, sie würden gerne so schnell wie möglich mit scharfen Waffen schießen. "Die schicke ich dann gleich wieder weg, die sind hier total falsch."

Amoklauf, Winnenden, Schützenverein, Waffenrecht

Die Gewehre der Schützenbruderschaft lagern ordnungsgemäß in einem Waffenschrank© Lenz Jacobsen

Der Schießstand der Bruderschaft im Keller des Pfarrheims ist nur für Druckluftwaffen ausgelegt, scharf geschossen wird hier gar nicht. Zwölf Luftgewehre und vier Kleinkaliber-Gewehre lagern in dem großen grünen Stahlschrank auf dem Schießstand. Die Munition ist noch einmal extra abgeschlossen, ebenso die Schlösser, die man braucht, um die Kleinkaliber-Waffen überhaupt laden und benutzen zu können. "Alles vorschriftsmäßig", sagt Matthias Dick, der Oberschiessmeister des Vereins.

"Nicht gut für die Kinder"

So harmlos die Schützen von Köln-Weidenpesch das reale Schießen auf Scheiben finden, so sehr verteufeln sie das virtuelle Ballern. "Diese Killerspiele, da sollte man mal lieber was gegen tun", erregt sich Ralf Nievelstein, der Jugendwart der Bruderschaft. "Früher hat man jeden Horrorfilm verboten und heute ist dieses schreckliche Geballer erlaubt. Das ist doch nicht gut für die Kinder." Die Runde nickt zustimmend.

Ein bisschen ist es wohl auch der Neid auf den Erfolg der Freizeitbeschäftigung Computerspiele, der hinter dieser Kritik steckt. Denn die Schützenvereine haben Nachwuchsprobleme. "Unsere Jugendabteilung - das sind alles unsere eigenen Kinder", sagt Jugendwart Nievelstein. Die Bruderschaft sorgt sich um den Erhalt ihrer Tradition. Denn darum, das wird an diesem Abend klar, geht es hier eigentlich: Tradition und Heimatverbundenheit. Alle acht Männer, die hier im düster-spießigen Ambiente des Pfarrheims sitzen, sind Ur-Weidenpescher, ihre Familien sind hier tief verwurzelt. "Man ist da so reingeboren worden", sagt Joachim Ollig. An den Wänden hängen Jubiläumsplakate und Plaketten, 132 Jahre ist der Verein mittlerweile alt. An den Wänden reihen sich hunderte Pokale auf, am Schießstand hängen die traditionellen grünen Jacken der Bruderschaft. Man engagiert sich im Karnevalsleben, in der Gemeinde, in der Nachbarschaft. Die St. Stephanus Schützenbruderschaft Köln-Weidenpesch 1877, das ist urdeutsche Vereinskultur. Das Schießen, sagt zumindest ihr Chef Stefan Mies, "ist da gar nicht die Hauptsache".

Sie fürchten, dass eine Verschärfung der Waffengesetze ihre Traditionen noch stärker bedrohen würde. Ab dem Alter von 12 Jahren darf der Schützennachwuchs bisher unter Aufsicht mit dem Luftgewehr schießen. "Das wird dann auch Zeit, sonst wird denen das langweilig hier", sagt Jugendwart Nievelstein. "Noch dürfen wir sie dann schießen lassen", sagt er sorgenvoll, "aber wer weiß, was jetzt kommt."

Von Lenz Jacobsen, Köln
 
 
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