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26. Mai 2009, 11:55 Uhr

Der lange Weg zum Selbst

Bin ich so, wie ich sein soll? Diese Frage begleitet viele Menschen ihr Leben lang. Wer seine Zweifel überwinden will, muss lernen, sich zu hinterfragen. Der Weg zur Zufriedenheit ist oft schmerzlich. Sechs Prominente, die solche Krisen durchgemacht haben, erzählen, wie sie es geschafft haben. Von Bernd Volland

Selbstbild, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Zufriedenheit

Heinz Strunk hielt sich nie für witzig, aber heute lebt er davon, dass Menschen seinen Humor schätzen, der sich aus Selbst- und Weltenzweifel speist© Robert Fischer

Ein Mann steht vor Gericht. Der Mann ist berühmt, er ist Sänger, fast jeder im Land kennt ihn. Wenn er Klavier spielt, sieht es aus, als wäre der Flügel ein wilder Hengst, auf dem er reitet, und den nur er bändigen kann. Ihm rinnt der Schweiß von der Stirn, wenn er singt, und sein Gesicht ist dann ein einziger kraftstrotzender Muskel. Seine Lieder handeln oft von Stärke und Aufrichtigkeit, sie sind nachdenklich, und der Mann gilt als klug.

Die Polizei hat Kokain in seiner Wohnung entdeckt. Die Menge, die er kaufte, war so groß, dass die Staatsanwaltschaft sagt, er müsse ins Gefängnis. Nun muss er beweisen, dass er unzurechnungsfähig war. Der Prozess ist öffentlich, und die Reporter schreiben mit. Der Mann spricht selbst, Entlastungszeugen treten auf: Er habe sich nicht mehr gewaschen und habe gestunken. Die Reporter schreiben mit. Er habe Zwerge gesehen, die ihm das weiße Pulver vom Teller klauten, und den Satan habe er erblickt. Er habe hessisch gesprochen. Eine Zeitung titelt: "Konstantin Wecker: Mein verpfuschtes Leben".

Er steht wie nackt vor allen.

Eine Szene wie aus dem Katalog der Albträume. Die Entblößung, das Versagen - eine Horrorvision. Alles, was seine Würde auszumachen scheint, bricht zusammen. Wecker ist pleite, fast täglich steht der Gerichtsvollzieher vor seiner Tür. Aber nicht nur das. Seine Glaubwürdigkeit scheint ruiniert. Vor allem aber: Sein Selbstbild zerbröckelt.

Bangen um den eigenen Wert

Das ist das wahrhaft Bedrohliche hinter jeder großen Krise. Sie gefährdet unsere Existenz. Und es geht dabei nicht nur um die Sorge, uns nicht mehr selbstständig ernähren zu können. Es geht immer auch um die Frage nach unserem "Wert". Jede Krise ist auch und vor allem eine Bedrohung unseres Selbstwertgefühls.

Dieses Gefühl ist ein mächtiger Antrieb. Es reguliert unser Verhalten: Wir wollen so sein, dass wir "gut sind", wir wollen uns "selbst wertschätzen". Der Opel-Arbeiter, der sich jahrzehntelang für einen Leistungsträger hielt und nun fürchtet, tatenlos in der Arbeitsagentur herumhängen zu müssen, bangt um seinen Wert. Der Ratiopharm-Milliardär Adolf Merckle legte sich vor den Zug, weil mit dem Absturz seines Wirtschaftsimperiums all das nichtig wurde, woraus er jahrzehntelang seine Identität geschöpft hatte.

Das Bedürfnis, wertvoll zu sein, auch liebenswert, ist eine Grundlage unseres Lebens. Bereits Babys reagieren freudig auf das liebevolle Lächeln ihrer Eltern. Schon die ersten Lebenserfahrungen prägen ein Grundgefühl für uns selbst. Je positiver dieses Gefühl, unser Selbstwertgefühl, später ist, desto mehr trauen wir uns zu.

Unser "Kern"

Ist es schlecht, leiden wir. Sind antriebslos, weil wir nicht glauben, etwas bewegen zu können. Fühlen uns schuldig, weil wir denken, Erwartungen nicht zu erfüllen. Oder schämen uns, weil wir in unserer "Schlechtheit" entblößt wurden. All diese Empfindungen hängen mit diesem Gefühl zusammen: So wie wir sind, sind wir nichts wert. Mancher in Weckers Situation nimmt sich das Leben.

Wecker sagt: "Für mich war das eine entscheidende Erfahrung." Er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und machte eine Entziehungskur. Er überlebte. Und erfuhr Bedeutendes: "Man glaubt, man sei vernichtet, und dann fühlt man: Ich bin immer noch da. Es gibt mich trotzdem. Noch immer ist da etwas in mir, das unabhängig ist von dem, was mir gerade widerfährt, ein Kern."

Der "Kern", das "wahre Selbst" unser "eigentliches Wesen" - wie immer wir es auch nennen: Wie wir damit umgehen, bestimmt unser Selbstwertgefühl.

Der Weg zu einem gesunden Selbstwert ist oft ein Leidensweg über Hindernisse. Es beginnt bereits mit dieser Frage: Was ist das Selbst, das wir bewerten? Wie sieht er aus, unser "Kern"?

Das große "Unbewusste"

Wir werden sie nie genau beantworten können. Der Mensch, sagt die Hirnforschung, wird von seinen Emotionen beherrscht, die im Gehirn entstehen. Was wir Geist oder Verstand nennen, vermittelt lediglich zwischen dem, was uns im Verborgenen ausmacht und antreibt, und unseren erlernten Mustern sowie den Anforderungen der Umwelt. Oder wie Sigmund Freud bereits 1917 schrieb: Wir sind "nicht Herr im eigenen Hause". Im "Unbewussten" liege zum größten Teil das, was uns ausmacht.

Damit steht das erste Hindernis auf dem Weg zum gesunden Selbstwert: Wir werden nie ganz "begreifen", wie unser "Kern" aussieht. Wir können nur versuchen, uns so viel wie möglich von ihm bewusst zu machen.

Das zweite Hindernis ist die Frage: Woran bemessen wir unseren "Wert"? Was ist der Maßstab? Freud, dessen Theorien mit den Erkenntnissen der Hirnforschung in Teilen ein spätes Comeback erleben, hat hier einen anschaulichen Begriff eingeführt: Das "Ich-Ideal", "an dem das Ich sich misst, dem es nachstrebt, dessen Ansprüche auf immer weitergehende Vervollkommnung es zu erfüllen bemüht ist".

Verzerrtes Idealbid

Schon als Kinder lernen wir, ob das, was wir tun, bei anderen positive Gefühle für uns erzeugt. Wir erleben, wie andere sich verhalten - und nehmen es als Vorbild. Alle schönen und schmerzlichen Erfahrungen, alle Vorbilder, die uns gerade in der Familie begegnen, prägen ein Idealbild von uns selbst: So soll ich sein! Und so soll ich nicht sein!

Diesem Ideal hecheln wir hinterher, und je weniger wir es erreichen, desto schlechter fühlen wir uns. Das Fatale: Die Erwartungen an uns selbst sind oft unrealistisch hoch gesteckt. Und sie müssen keineswegs unserem "wahren Kern" gerecht werden. Denn bevor überhaupt jemand beginnt, an uns herumzuerziehen, ist ein großer Teil unserer Persönlichkeit bereits angelegt: durch Gene, die Erfahrungen im Mutterleib, sogar durch die Umstände der Geburt. Und was, wenn das anerzogene Idealbild von uns verlangt, anders zu sein, als es unserem Wesen entspricht?

Wir kämpfen mit uns selbst. Konstantin Wecker sagt, in seinen Liedern habe er vieles von dem besungen, was ihm fehlte. Aber er konnte es nie leben. Er sang von Liebe, aber sprang von Affäre zu Affäre. Sang von Ruhe und Stille, aber gab den nie rastenden Kraftprotz. Sang von Melancholie, aber Schwachsein und Schwermut waren Phänomene, die er an anderen mit Befremden betrachtete. "Ich war ein präpotentes Kerlchen. Meine Lieder waren meist klüger als ich."

Die Rückkehr zu sich

Schon lange vor dem Zusammenbruch habe er gespürt, dass er nicht "bei sich" sei. In der Untersuchungshaft habe er dann Szenen der Vergangenheit in regelrechten Filmsequenzen vor sich gesehen, der Wecker in Streitereien, jähzornig, ein Mensch, der vermeintliche Schwächen mit aggressiver Rechthaberei und drogenbefeuerten Allmachtsgefühlen leugnete. "Ich bekam Angst vor mir selbst." Eine heilende Erfahrung. "Man muss die eigenen Schattenseiten erkennen und akzeptieren, weil sie nun mal da sind, nur dann kann man mit ihnen umgehen, ohne von ihnen unbewusst gelenkt zu werden."

Denn was in uns angelegt ist, hört nicht auf zu wirken, nur weil wir es nicht wahrhaben können. Unterdrückte Emotionen können uns krank machen, depressiv, oder zu Drogen greifen lassen.

Wecker sagt heute, sein Leben sei stetiger geworden. Er ist verheiratet und zweifacher Vater. Er meditiere und genieße jetzt die schwachen, ruhigen Momente. "Ich tauge nicht zum Depressiven, aber ich weiß heute, dass auch ich eine melancholische Ader habe, und ich kann sie auskosten", sagt er. "Und ich habe weniger Angst vor dem Scheitern. Scheitern erweitert unser Leben."

Leid als Antrieb

Die "Krise" kann in der Tat eine "Chance" sein, so abgedroschen und zynisch sich diese Formulierung anhören mag, wenn man den Job oder den Lebenspartner verloren hat. Oft ist das Leid als Antrieb nötig, um uns zu hinterfragen: Was will eigentlich ICH? Was ist MIR wichtig? Denn unser anerzogenes Idealbild ist zäh. Wir haben es verinnerlicht, es steuert uns weitgehend automatisch, bei Abweichungen droht als Strafe das quälende Gefühl, "nicht gut zu sein". Manchmal finden wir erst den Mut, uns zu hinterfragen, wenn unser Leidensdruck stärker ist als die Drohung des inneren Regelwerks. Wecker sagt: "Ich hatte damals richtiggehend die Sehnsucht, dass von außen etwas kommt, das mich herausreißt."

Dass etwas geschieht.

Denn darauf kommt es an. "Für viele ist es bereits lehrreich, wenn sie sich in einer Therapie öffnen und erleben, dass sie gar nicht herabgewürdigt werden", erklärt die Züricher Psychologieprofessorin Verena Kast. "Zu spüren, es ist gar nicht so schrecklich, wenn ich nicht so bin, wie ich immer glaubte, sein zu müssen, ist geradezu erlösend."

Der Mensch braucht neue Erlebnisse, um sich dauerhaft zu ändern. Das Idealbild ist durch Erfahrungen mit Menschen entstanden. Und so sind es gerade Erfahrungen, die es ermöglichen, etwas an ihm zu korrigieren. Und neue Seiten an sich zu erkennen.

Humor hilft

Heinz Strunk sagt, das Entdecken ungeahnter Qualitäten habe ihm das Leben gerettet. "Wenn ich in Harburg geblieben wäre, in irgendeinem Taxifahrerjob, wäre ich am Herzinfarkt gestorben oder hätte mich umgebracht." Strunk ist Humorist geworden. Sein Roman "Fleisch ist mein Gemüse" wurde ein Bestseller. In ihm verwertete er mit bitterem Witz die Geschichte seiner tristen Jugend im Hamburger Vorort Harburg. Depressive Mutter, Pickel, Angst vor Mädchen und später zwölf Jahre in einer Band, die mit nachgespielter "Partymucke" ein anspruchsarmes, aber promillereiches Publikum bespaßte.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 22/2009

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