Es ist eine Ironie der Geschichte: Karl-Heinz Kurras, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss, spionierte für die DDR. Das ist ein Nackenschlag für die Alt-68er, aber vor allem ein Weckruf für die Berliner Polizei. Nur deren übler Corpsgeist hatte ihn vor einer Strafe bewahrt. Eine persönliche Betrachtung von Peter Meroth

Gedenkmarsch für Benno Ohnesorg - die Schuldfrage war für die Studenten 1967 eindeutig geklärt© Helmuth Lohmann/AP
Was für eine bittere Ironie der Geschichte. Karl-Heinz Kurras, der Kriminalobermeister, der am 2. Juni 1967 die tödlichen Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg abfeuerte, entpuppt sich nun auch noch als Spitzel der Stasi. Gerade feierten die 68er das Jubiläum ihres Aufruhrs, da zeigt sich, dass der ganze Protest womöglich auf einem Irrtum beruhte. Nicht ein Scherge des US-Imperialismus hatte zur Waffe gegriffen, sondern ein Überzeugungstäter mit Ost-Kontakt. IM seit 1955, seit 1962 sogar zahlendes Mitglied der SED, der sozialistischen Einheitspartei.
Jene Alt-68er, die in der DDR das Arbeiterparadies sahen, müssen sich nun wirklich die Augen reiben. Aber das dürften sie inzwischen gewöhnt sein. Von Wolf Biermanns Ausbürgerung bis zur Aufdeckung des ganzen Spitzelsystems nach der friedlichen Revolution im Osten, hatten sie genügend Chancen, den wahren Charakter des Unterdrückerstaats zu erkennen.
Der reagierte auf seine Art, als Benno Ohnesorg tot war. Das "Ereignis", ließ die Stasi ihren Mitarbeiter wissen, betrachte man "als sehr bedauerlichen Unglücksfall". Kurras, der bis dahin "detaillierte Erkenntnisse" über seine Kollegen, über die Arbeit der Westberliner Polizei, "über Befehle, Dienstpläne und Einsatzpläne" geliefert hatte, wurde angewiesen, die Arbeit einzustellen und alles Material zu vernichten. Die SED-Bürokraten distanzierten sich auf ihre unnachahmlich spießige Weise: In das Partei-Mitgliedsbuch des Todesschützen wurden fortan keine Beitragsmarken mehr geklebt.
Wie aber fühlen sich jene Kollegen der Westberliner Polizei, die nach den verhängnisvollen Schüssen zu Karl-Heinz Kurras gehalten haben? In drei Prozessen kam der Kriminalobermeister mit einer abenteuerlichen Notwehr-Version davon, weil seine Darstellung des Geschehens nicht widerlegt werden konnte. 58 Zeugen sollen es gewesen sein, die das Gericht einvernahm, viele aus den Reihen der Polizei. Und niemand konnte oder wollte etwas gesehen haben. Nichts von den Schüssen und auch nichts von den Schlägen, die zu den 13 großen Blutergüssen führten, die bei der Obduktion an Ohnesorgs Körper festgestellt wurden. Bis Ende der 60er Jahre wurde die Westberliner Polizei nach militärischem Muster ausgebildet und geführt. Es war der Corps-Geist dieser Truppe, der Kurras 1971 die Rückkehr in den Polizeidienst ermöglichte. Er kam in den Innendienst, blieb bis zu seiner Pensionierung 1987 in der Funkleitzentrale.
Vielleicht setzt bei den Kollegen, die erkennen müssen, dass sie einen Verräter gedeckt haben, jetzt ein Prozess des Nachdenkens ein. Vielleicht findet die Berliner Polizei heute die Kraft zu einer demokratischen Aufarbeitung jener Zeit. Es könnten noch manche Überraschungen zutage gefördert werden. Als ich vor Jahren meine Stasi-Akte anforderte, war ich weniger erstaunt über die Spitzelberichte aus der DDR, in denen ich mal als "das Subjekt", mal als "das Objekt" bezeichnet wurde, das mal mit aufrührerischen Schriften an der Grenze geschnappt wurde, mal mit einer verdächtigen Dose chinesischer Champignons. Verblüfft war ich, wie genau der Ost-Geheimdienst über meine Westberliner Polizeiakte informiert war. In der Ost-Akte konnte ich zum Beispiel minutiös nachlesen, was die West-Polizei mit mir anstellte, nachdem ich einmal beim Flugblatt-Verteilen festgenommen worden war.
Die Polizisten, die sich die Gelegenheit nicht hatten entgehen lassen, mich zusammenzuschlagen, deckten sich mit ihren Aussagen gegenseitig. Viele Studenten machten damals ähnliche Erfahrungen. Wer dagegen vorgehen wollte, stieß auf eine Mauer des Schweigens. Gegen diese eingeschworene Gemeinschaft kam keiner an. Kritische Fragen wurden nicht zugelassen. Wie wir nun wissen, profitierten auch die Spitzel davon.