Mein Nachbar, der Entführer

8. Mai 2013, 16:47 Uhr

Bis zu den Elternhäusern waren es nur wenige hundert Meter Luftlinie, doch für die drei entführten Frauen in Cleveland waren sie unerreichbar. Die Karte zeigt die ganze Tragik des Falls. Von N. Kruse, M. Schmidt, A. Berger, B. Adam

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Endlich wiedervereint! Amanda Berry (M.) mit ihrer Schwester Beth nach zehnjähriger Trennung. Das Mädchen ist US-Presseberichten zufolge die Tochter von Amanda Berry, die sie in Gefangenschaft bekam.©

Ein Sprichwort sagt: Hinterher ist man immer schlauer. Hinterher weiß man, was man hätte tun können, sollen und auch müssen, um es besser zu machen. Manchmal nutzt das Hinzugelernte nichts mehr und niemandem. Dafür wirft es Fragen auf, auch unangenehme und schmerzhafte. Angel Arroyo quält sich gerade mit solchen Fragen herum. "Was haben wir gesehen? Haben wir wirklich konsequent genug gesucht, wie wir es dachten?", fragt der Pastor in einem BBC-Interview. Zusammen mit den "Guardian Angels", einer Bürgerinitiative für mehr Sicherheit auf öffentlichen Plätzen, engagiert er sich im Kampf gegen die ausufernde Kriminalität auf den Straßen von Cleveland. Patroullien und Anti-Gewalt-Märsche führten immer wieder über die Seymour Avenue. "Wir sind mindestens drei bis fünf Mal im Monat an dem Haus vorbeigelaufen", sagt er. "Sie war die ganze Zeit direkt vor unserer Nase."

Mit "sie" meint der Pastor Gina DeJesus, eine der drei Frauen, die ein Jahrzehnt lang im Haus mit der Nummer 2207 in der Seymour Avenue gefangen gehalten worden waren und am Montag auf spektakuläre Weise die Freiheit zurückerlangten. Arroyo hatte der Familie De Jesus jahrelang geholfen, die Vermisste zu suchen.

Nicht nur er, sondern die ganze USA fragen nun: Wie konnte das geschehen? Warum hat niemand etwas bemerkt? Haben wir - die Polizei, die Bürger, die Stadt - wirklich alles getan, Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight aus ihrem Verlies zu befreien? In die Fragen mischen sich Vorwürfe gegen die Ermittler, Nachbarn und - wie im Falle des Pastors - die eigene Person.

"Ich dachte, das Haus war unbewohnt"

Zehn Jahre lang war nach den drei Frauen gesucht worden. Wahrscheinlich waren sie während der gesamten Zeit in dem Gebäude in der Seymour Avenue. Und niemand hat etwas gemerkt? Amanda Berry bekam nach Angaben der Polizei ein Baby während ihrer Gefangenschaft. Das Mädchen ist inzwischen sechs Jahre alt. Und niemand hat etwas mitbekommen?

Der eine Nachbar will Sonderbares beobachtet haben, der andere hielt das Holzhaus für unbewohnt. Und wenn es Hinweise auf mysteriöse Vorgänge in der Bleibe von Ariel C. (52) gab, so endeten Ermittlungen im Nichts. Erst als Amanda Berry am Montag fliehen konnte, hörte der Spuk auf.

"Ich dachte, das Haus war unbewohnt. Ich dachte, er (der Verdächtige - die Red.) hat wahrscheinlich ein anderes Anwesen und kommt nur vorbei, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist.", sagte Juan Perez dem TV-Sender NBC. Perez wohnt gleich neben dem mutmaßlichen Entführer. "Ich wusste gar nicht, dass dort jemand lebte."

Eine andere Nachbarin, Elsie Cintron, die ebenfalls nur zwei Türen weiter lebt, berichtete der BBC über ein Erlebnis ihrer Enkelin. Sie will vor Jahren eine "nackte Frau kriechend im Garten hinter dem Haus" gesehen haben sowie ein junges Mädchen hinter einem Dachgeschossfenster. Das sei der Polizei gemeldet worden, die nicht reagiert habe, sagte Cintron.

Kurz geklopft

Eine ähnlich haarsträubende Geschichte meldet die Agentur Reuters. Israel Lugo informierte nach eigener Aussage die Polizei im November 2011, nachdem seine Schwester ein um Hilfe rufendes Mädchen mit einem Baby in dem Haus gesehen habe. "Die Polizei kam und klopfte mehrmals an die Tür, aber verschwand wieder, nachdem niemand antwortete."

Monate später habe seine Schwester beobachtet, wie Ariel C., ein als Schulbusfahrer gefeuerter Arbeitsloser, große Mengen Lebensmittel in seine Bleibe geschafft habe. Inzwischen erzählt Lugo sogar, er habe den mutmaßlichen Entführer und die sechsjährige Tochter von Amanda Berry in einem Park im Gras spielen sehen. "Ich fragte ihn, wessen Kind das sei, und er erklärte mir, es sei die Tochter seiner Freundin."

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