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"Wo ist euer Kinderschutz?"

Stephanie zu Guttenberg erhebt schwere Vorwürfe gegen die deutsche Politik und die Justiz: Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch seien Regierung, Gerichte und Polizei viel zu zögerlich und nachsichtig.

Frau zu Guttenberg, in Deutschland wurde in den vergangenen Wochen viel über den Sexualmord an einer Elfjährigen aus Emden diskutiert. Ihre Kinder sind im gleichen Alter wie dieses Mädchen. Reden Sie mit Ihnen darüber?
Ich habe hier in den USA von diesem Fall nur wenig mitbekommen. Aber wenn hier in den Staaten ähnliche Sachen geschehen und meine Kinder das über die Nachrichten hören, muss man mit ihnen darüber reden. Präventive Erziehung ist ganz wichtig. Man muss Kindern ein Rüstzeug an die Hand geben, damit sie sich wehren können und wissen, wo ihre Rechte sind.

Wie meinen Sie das konkret?
Wir müssen unseren Kindern beständig beibringen, dass sie nein sagen können wenn es um sie geht, vor allem um den eigenen Körper. Man muss gebetsmühlenartig wiederholen, dass niemand sie zum Austausch von Zärtlichkeiten zwingen darf. Das fängt schon ganz harmlos dort an, wenn der alte Onkel dem Kind zum Abschied einen Kuss geben will, das Kind ihn aber nicht mag oder findet, dass er übel riecht.

Im Fall Emden war es ja kein Verwandter, sondern ein junger Mann, der sich selber mit seinen pädophilen Neigungen Monate vorher angezeigt hatte. Was kann man Ihrer Ansicht nach aus dem Fall lernen?
Ich glaube leider, es ist ein Beispiel dafür, dass es trotz vieler Anstrengungen immer noch große Ausbildungs- und Wissenslücken bei den Strafverfolgungsbehörden gibt, wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern und Kinderpornographie geht. Ich habe fast das Gefühl, dass da manchmal noch gesagt wird: Ach, lasst dem doch seine Bilder. Aber dabei handelt es sich ja bei jedem Foto um einen realen Fall von sexuellem Missbrauch. Und Leute die sich damit auskennen, wissen, dass der Konsum von Kinderpornografie auch zu konkretem eigenen missbrauchen eines Kindes führen kann.

Und Sie meinen, dass manche Polizisten dies nicht wissen?
Ich meine, dass der Schulung zum Thema sexueller Missbrauch in der Ausbildung zu wenig Gewicht beigemessen wird und dadurch nicht verstanden wird, was Missbrauch für die Opfer bedeutet. Das gilt für Polizisten genauso wie für Staatsanwälte, Richter, Gutachter und Anwälte. Ich unterstelle niemanden Böswilligkeit, aber Fakt ist, dass manche Urteile lächerlich mild sind.

Sie unterstellen manchen Richtern mangelndes Einfühlungsvermögen in die Opfer.
Oft genug werden die Opfer von sexuellem Missbrauch von unserem Rechtssystem im Stich gelassen und der gesetzliche Rahmen von den Richtern nicht genügend ausgeschöpft.

Sie leben seit einigen Monaten mit Ihrer Familie in den USA. Welche Unterschiede erkennen Sie beim Umgang mit dem Thema sexueller Missbrauch von Kindern im Vergleich zu Deutschland?
Das Thema wird viel offensiver angegangenen als bei uns. Ich habe das Gefühl, dass es mehr Organisationen gibt, die ziemlich laut sind und sich um Aufklärung bemühen. In den USA gibt es zudem die besten Aufklärungsseiten für Kinder im Internet. Die sind altersgemäß und ansprechend gemacht. Auch sind sie an den Schulen weiter was Computer und Umgang mit dem Internet angeht.

Was meinen Sie damit konkret?
Ich meine vor allem das Thema: Wie verwende ich das Internet richtig und was kann alles passieren. Es geht darum, die Schüler wirklich heranzuführen an das Netz. Auch mit den negativen Aspekten und dem Aufklärungshinweis: Es gibt Menschen, die dich dort kontaktieren, von denen du das nicht willst. Ich finde wir müssen sicherstellen, dass jedes Kind altersentsprechend immer wieder sowohl zum Thema "sicher surfen im Internet" als auch "sexuelle Gewalt" aufgeklärt werden muss. Dazu gehört dann natürlich auch die Schnittmenge wenn man so will, nämlich sexualisierte Gewalt mittels digitaler Medien. Digitale Medien müssten ein eigenes Unterrichtsfach in der Schule sein und zwar schon bei den Kleinsten.

Sie haben Ihre eigenen Kinder angesprochen. Welche Regeln gelten für die im Internet?
Grundsätzlich sollte es bei jungen Internetnutzern keinen eigenen, internetfähigen Computer im Kinderzimmer geben sowie klare Regeln mit Anwendungszeiten und altersgemäßer Aufklärung über Gefahren. Man muss die Kinder an die Hand nehmen und sich dafür interessieren, was sie im Netz tun, was sie bewegt. Es ist zum Beispiel sinnvoll, sich neben sie zu setzen und sich das ganze mal aus Kindersicht erklären zu lassen. Dabei kann man auch selber immer was lernen.

Sie sind auch für strengere Haftstrafen, wie etwa in den USA?
Da gehen die hier natürlich sehr weit, gerade was das Strafmaß angeht. Wo sie bei uns aber meiner Ansicht nach oft viel zu locker sind. Denn man muss einfach sehen, was sexueller Missbrauch mit Kindern macht. Die bleiben verletzte Seelen, bis an ihr Lebensende.

Die USA gehen beim Kampf gegen Sexualstraftäter noch weiter und stellen deren Adressen ins Internet. Sind diese modernen Pranger der richtige Weg?
Grundsätzlich verstehe ich jeden, der Kinder hat und der wissen will, ob der neue Nachbar ein vorbestrafter Sexualstraftäter ist. Ich gehöre da sicher dazu. Aber auf der anderen Seite gibt es richtige und wichtige Persönlichkeits- und Freiheitsrechte für jemanden, der seine Strafe abgesessen hat. Und eine solche Datenbank kann falsche Sicherheit vermitteln. Schließlich werden viele Taten doch gar nicht erst angezeigt. Etwa, weil sie in der Familie geschehen, weil die Täter geschützt werden, weil die Betroffenen noch nicht die Kraft haben. Ich glaube also, dass eine solche Datenbank nur teilweise weiterhilft.

Was könnten weitere Maßnahmen sein?
Es darf nicht passieren, dass ein vorbestrafter Sexualstraftäter neben einer Kita einziehen darf. In Deutschland gab es ja ähnliche Fälle. Aber Aufklärung ist enorm wichtig.Nicht nur Kinder, sondern vor allem deren erwachsenes Umfeld müssen über Missbrauch, Täterstrategien und so weiter aufgeklärt sein, um Kindern in Not helfen und unterstützen zu können.

Sie waren als Moderatorin an der RTLII-Sendung "Tatort Internet" im Jahr 2010 beteiligt. Die Sendung wurde unter anderem wegen der fehlenden Persönlichkeitsschutzes der Verdächtigen kritisiert. Würden Sie es wieder so machen?
Ich stehe nach wie vor hinter der Idee einer Fernsehsendung, die über die Gefahren im Internet und das Cybergrooming aufklärt. Und warum auf so einem Sender? Erstens weil uns andere Sender abgelehnt haben wegen der Sorge um die Quote. Und zweitens wollten wir kein Orchideenpublikum nachts um zwölf Uhr erreichen. Sondern genau die Menschen, die zu einer breiten Masse gehören und die sonst vielleicht solche Inhalte nicht erreichen.

Aber war die effektheischende Aufmachung dem Thema angemessen?
Ja, man mag über die Musik und die reißerische Aufmache streiten. Aber es ging doch darum:Wie bekommen wir viele Menschen dazu, hinzugucken? Und es hat dazu geführt, dass Leute hinschauen. Ich habe sehr viele Rückmeldungen von Jugendbetreuern bekommen, die mir gesagt haben: Super dass ihr dieses Thema angefasst habt. Ich und wir alle haben zwar viel Prügel eingesteckt, aber ich würde es nochmal über mich ergehen lassen, weil das Thema viel zu wichtig ist.

Und wie kümmern Sie jetzt in den USA um dieses Thema?
Mein Engagement ist nach wie vor groß, ich reise regelmäßig nach Deutschland, ich halte Vorträge, mache die Öffentlichkeit auf das Thema Aufmerksam, putze Klinken für Spenden.

Genau deswegen gab es Kritik an Innocence in Danger. Es sei eine Organisation, die sich auf einen sehr kleinen Bereich des sexuellen Missbrauchs konzentriert, die kaum mit ihren Projekten auffalle aber durch Ihr Engagement trotzdem viel Aufmerksamkeit bekomme.
Da weiß ich gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich finde es extrem wichtig, dass dem Thema Aufmerksamkeit gewidmet wird.Wir sind eine der wenigen Organisationen in Deutschland, die Expertise zu dem Thema sexueller Missbrauch im Internet haben. Ich finde es eher ein Trauerspiel, dass es in diesem Bereich so wenige andere Initiativen gibt.

Solche Anstrengungen wären ja auch Aufgabe der Bundesregierung. Wie bewerten Sie deren Arbeit bei diesem Thema?
Es passiert mir gerade im Bereich Prävention von sexuellem Missbrauch, insbesondere in den neuen Medien, viel zu wenig. Wenn es Skandale gibt, werden runde Tische und Gremien gegründet, aber es verläuft dann sehr schnell im Sande. Es gibt zwar die Stelle des unabhängigen Missbrauchsbeauftragen der Bundesregierung. Aber die Empfehlungen von Christine Bergmann und des Runden Tisches zur Prävention wurden doch alle noch nicht mal begonnen umzusetzen. Da stelle ich mir schon die Frage: Wo ist denn da wirklich konkret euer Kinderschutz?

Wäre das nicht ein Thema für eine Familienministerin zu Guttenberg?
Kinderschutz ist ein Thema, für dass ich mich seit langem in einer Nicht-Regierungs-Organisation sehr engagiere. Ich habe nicht vor, in die aktive Politik zu gehen.

Malte Arnsperger
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