. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
15. Februar 2008, 10:42 Uhr

"Männer kämpfen länger"

Wie erklärt man einem Patienten, dass er bald sterben wird? Und was machen Menschen, wenn sie die Gewissheit eines baldigen Todes haben? Im stern.de-Interview spricht Krebsspezialist Wolfgang Hiddemann über die Betreuung der Patienten und verrät, wie unterschiedlich Männer und Frauen mit dem Sterben umgehen.

Viele Menschen können erst in Frieden sterben, wenn familiäre Konflikte bereinigt sind, sagt Krebsspezialist Hiddemann© Juergen Moers/Vario Images

Herr Hiddemann, wie erklären Sie einem Patienten, dass er in ein paar Monaten sterben wird?

So etwas sagen wir keinem Patienten, weil wir das nicht wissen. Ob einer noch ein halbes Jahr zu leben hat, oder fünf Jahre, das können wir nicht prophezeien. Diese Prognosen sind zu 99 Prozent falsch. Wenn die Möglichkeiten der Therapie ausgeschöpft sind, sagen wir dem Patienten, dass er sich an den Gedanken gewöhnen muss, möglicherweise an dieser Krankheit zu sterben, dass wir diesen Weg aber mit ihm gehen, ihm helfen, gut und ohne Schmerzen zu sterben, dass wir aber nicht wissen, wann genau das sein wird.

Kommt dazu der Chefarzt mit ernster Mine und setzt sich an das Bett?

Fast immer ist es so, dass die Patienten danach fragen - allerdings auf Umwegen. Da geht es etwa um die Frage: "Ich habe noch zwei Karten für das Bayern-Spiel in vier Wochen. Soll ich die zurückgeben?". Aus dieser Situation heraus entstehen oft Gespräche, in denen es um Leben und Tod geht. Die führen aber nicht nur wir. An unserer Klinik gibt es eine Psychologin, die speziell für die Betreuung krebskranker Menschen ausgebildet wurde und sich auch um sie kümmert.

Ist das in einem normalen Krankenhausbetrieb eigentlich möglich, etwa in einem Mehrbettzimmer?

Das ist ja nicht unser Alltag. Unser Alltag ist es, zu heilen, den Patienten zu vermitteln, dass sie sich eigentlich auf die Therapien freuen sollten, weil es dann für sie eine gute Chance gibt, wieder gesund zu werden. Aber wir können den Tod nicht ausschließen. Und es ist auch nicht schlimm, wenn der Mitbewohner des Krankenzimmers merkt, dass der Mensch neben ihm sterben wird. Manchmal bietet er von sich aus an, das Zimmer zu verlassen oder der Patient bittet um ein Gespräch unter vier Augen. Das ist alles möglich.

Wie reagieren Menschen auf die Gewissheit, nur noch eine sehr eng begrenzte Zeit zu haben?

Da gibt es verschiedene Phasen, die allerdings nicht immer in einer bestimmten Reihenfolge auftreten. Dazu gehören die quälenden Fragen nach dem "warum gerade ich?". Es kann zu Aggressionen kommen, gegen sich selbst und die Umgebung, am Ende wird alles unwichtig. Da geht es dann nur noch darum, Frieden zu finden, mit sich selbst und der Familie. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen erst dann wirklich loslassen konnten, wenn langjährige familiäre Konflikte bereinigt waren. Das ist eine Erlösung für sie. Alles andere zählt da nicht mehr.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Die gibt es. Männer kämpfen länger, wollen das Ende nicht akzeptieren. Frauen lassen schneller los, wenn es wirklich keine Hoffnung mehr gibt.

Werden Sie manchmal darum gebeten, einen Sterbenden zu erlösen?

Das kommt eigentlich nicht vor. Manchmal sagen Patienten: "Helfen Sie mir, wenn ich es gerne möchte und es mir zu viel wird." Wir antworten dann, dass wir helfen werden, friedlich und ohne Schmerzen zu sterben. Aber aktive oder passive Sterbehilfe gibt es nicht. Die ist dank der modernen Schmerztherapien, die leider oft nicht immer so eingesetzt werden, wie sie eingesetzt werden könnten, auch nicht notwendig. Der ehemalige Präsident der "Gesellschaft für humanes Sterben" ist hier bei uns ganz normal und friedlich eingeschlafen.

Und wenn Angehörige darum bitten, dem Kranken seinen wahren Zustand zu verschweigen, damit er noch ein paar gute Wochen voller Hoffnung hat?

Da wird damit argumentiert, dass er die Wahrheit nicht ertragen kann. Doch in Wirklichkeit sind es meistens die Angehörigen, die mit der Wahrheit nicht umgehen können. Menschen an der Grenze ihres Lebens werden damit überraschend oft gut damit fertig. Es mag komisch klingen. Wir lachen auch gemeinsam. Davon einmal abgesehen. Wenn der Patient merkt, dass wir ihn belügen - und irgendwann registriert er das mit Sicherheit, vertraut er uns nicht mehr. Und damit wäre die Grundlage unserer Arbeit zerstört

Doch sterben will er zu Hause, in seiner vertrauten Umgebung.

Das ist so eine Frage. Wir empfehlen es nicht, weil wir uns auch in den letzten Stunde und Minuten um ihn kümmern, ihm Schmerzen ersparen können, was in einer normalen Wohnung eigentlich nicht so gut möglich ist. Wir haben hier unsere Palliativ-Station. Patienten, bei denen absehbar ist, dass sie die nächsten Stunden oder Tage nicht überleben, bekommen ein eigenes Zimmer, in dem ein ihnen vertrauter Mensch Tag und Nacht bei ihnen sein kann. Einfach nur dasitzen, ihm die Hand halten, ihm das Gefühl geben: "Ich bin nicht allein." Das ist es, worauf es ankommt. Das ist ein würdiger Abschied und in einem gewissen Sinne auch das Schöne am Sterben.

Zur Person

Zur Person Wolfgang Hiddemann ist Direktor der medizinischen Klinik und Poliklinik III am Klinikum der Universität München-Großhadern. In seiner 120 Betten großen Abteilung liegen viele krebskranke Patienten. Einer der Schwerpunkte des renommierten Onkologen ist es, die "ganzheitliche Betreuung krebskranker Patienten zu fördern". Auf seine Initiative hin wurde der gemeinnützige Verein "Lebensmut - Leben mit Krebs" gegründet, der sich um die psychoonkologische Versorgung von Patienten und Angehörigen bemüht.

Mehr zum Thema ...

Mehr zum Thema ... ... lesen Sie im aktuellen stern.

Interview: Rupp Doinet
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
c.wiegel (18.02.2008, 19:33 Uhr)
Mein Mitgefül an alle betroffenen,
...aber es ist nicht zu glauben das es heutzutage nicht möglich ist unheilbar erkrankte Menschen zumindest von Ihren Schmerzen zu erlösen. Dabei halte ich eine mögliche Opiat-Sucht für eine hinzunehmende "Kleinigkeit" im Angesicht eines eventuell schmerzhaften Todes. Nochmals allen betroffenen mein aufrichtiges Mitgefühl.
Euridike (18.02.2008, 11:45 Uhr)
Bei aller gewünschter Anonymität
bitte fangt doch an die Namen der unmenschlichen Krankenhäuser öffentlich zu nennen. Wenn man nichts tut ändert sich nichts!
paulali (18.02.2008, 11:28 Uhr)
Hospizhilfe
mein Vater verstarb an Krebs, sein Wunsch war es, zu Hause zu sterben. Die Diagnose wurde im MEHRbettzimmer (!!)mitgeteilt von einer völlig überforderten sehr jungen Ärztin. (meine Eltern warteten stundenlang, sie kam dann spät am Abend)
Er wurde nach einer reihe Chemotheapien und BEstrahlungen "austherapiert" entlassen.
Ok wir haben nicht gefragt, wie ist denn das Sterben aber es kam auch keiner auf die Idee, uns darauf vorzubereiten. Und es ist richtig hart, wenn ein Mensch über viele Tage verstirbt. Wir haben in unserer Not einen Notarzt angerufem, dieser hat sehr gut reagiert, indem er einfach sah, was los war und uns nah gelegen hat, meinen Vater zu Hause zu lassen. Er wäre wahrscheinlich noch im Wagen verstorben. Gottseinfank sind wir an diesen geraten und an keinen , der auf einen Transport bestanden hätte.
Mein Vater konnte dann mit Hilfe einer ambulanten Hospizschwester, die uns in den letzten zwei Tagen seines Lebens unheimlich gut zur Seite stand, verlassen, da wo er es sich gewünscht hat, zur Hause. Sie ermutigte uns auch, meinen vAter noch zu Hause zu lassen, so konnten sich noch Freunde, Nachbarn und verwante verabschieden. Es gibt nämlich einen gestzlichen Rahmen von drei TAgen, man muss einen Verstorbenen nicht uberschnell abtranportieren lassen. Wir haben dann diesen Rahmen ausgeschöpft und dann waren alle soweit . das ist sicher im Krankenhaus nicht möglich.
Also liebe Doktoren, die das hier mitlesen, tut was für Sterbenskranke und deren Angehörige !! denn was wir im Krankenhaus erlebt haben, war menschlich überwiegend ganz schrecklich.
Euridike (18.02.2008, 10:51 Uhr)
@Was-noch
Ihre Erfahrungen sind wirklich schrecklich! So etwas dürfte es wirklich nicht geben, da werden ja Tiere (als "Privatpatienten") besser behandelt. Eigentlich müßte man im Zeichen des Konkurrenzkampfes der Krankenhäuser Schwarze Listen veröffentlichen. In ihnen müßten möglich genau Kategorien angegeben sein, so daß auch individuelle Mißstände zum Ausdruck gebracht werden können. Ihrer Mutter nutzt das nun leider aber nichts mehr. Ich wünsche Ihnen Kraft, das Ganze zu bewältigen! Herzlichst E.
Daisan (18.02.2008, 09:33 Uhr)
@Was_noch
es tut mir leid zu lesen, daß auch heute noch Krebspatienten unangebracht ruppig behandelt und schmerzmedizinisch unterversorgt sind.
Ich kann Ihnen daher nur viel Kraft für die Bewältigung dieser schlimmen und schweren Situation wünschen.
Grüsse
Daisan
Was_noch (18.02.2008, 08:38 Uhr)
Leider...
...habe ich da sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Meine Mutter ist im vergangenen Juni an Brustkrebs verstorben, der bereits Metastasen an den Hirnhäuten gebildet hatte. Außer Assistenzärzten, denen man hinterher rennen muß, um überhaupt eine Info zu bekommen, habe ich keine Hilfe erhalten (obwohl mir die auch keine Hilfe waren "da kann man nix sagen"). Und man hat sie entlassen, obwohl man sicherlich wußte, daß da keine Hoffnung mehr ist - zwei Tage später ist sie bereits verstorben. Die Schmerztherapie war miserabel, im Krankenhaus wurde sie zum Teil sehr ruppig behandelt, obwohl die Diagnose bekannt war. Ein Trost: sie durfte wenigstens zuhause sterben. Ich mußte unvorbereitet, alleine und ohne jegliche Unterstützung hilflos zusehen. Hätte ich nicht vor ihrer Entlassung gefragt, was noch auf mich zukommen kann, ich wäre wahrscheinlich durchgedreht. Das wird mich auch mein ganzes Leben lang verfolgen. Wen interessiert das schon? Hilfe? Nur auf Nachfrage; aber wer denkt in solchen Situationen schon an sich selbst?
Daisan (17.02.2008, 14:05 Uhr)
Ausdrücklich festzuhalten ist die Tatsache, daß auch heute
die mögliche (und für ein würdiges Ende absolut notwendige) Schmerztherapie teilweise immer noch vernachlässigt wird. Da gibt es bei manchen Medizinern auch heute noch Befürchtungen, man könne gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen oder ähnliches.
Gerade bei der Schmerztherapie, so sie denn auch helfen soll, ist eine rechtzeitige und ausreichende Gabe der entsprechend notwendigen Präparate unbedingt erforderlich.
Eigentlich sollte dies heute kein Thema mehr sein. Daß es dennoch der Fall ist, ist ein schwarzer Fleck auf den weißen Kitteln der Mediziner.
Meine Mutter ist im Alter von nicht mal Mitte 40 an einem bösartigen Krebs gestorben. Zwei Chemotherapien und 60 Bestrahlungen waren die unpassenden Antworten der Medizin auf einen hoffnungslosen Krankheitsverlauf. Die Schmerzen, die meine Mutter erleiden mußte, waren barbarisch. Einmal am Tag gab es eine Schmerzstillende Spritze (Opiate). Die Wirkung hielt 7 bis 8 Stunden an, während dieser Zeit konnte sie schlafen, danach voller Schmerz bei vollem Bewußtsein. Dies war Mitte der 80er Jahre. Ein Bewusstsein für eine wirkliche Schmerztherapie war in Deutschland damals noch mehr als unterentwickelt.
Aber auch heute steht es noch nicht zum Besten. Das muß sich ändern.
Wir haben ein Grundgesetz, in dem die Unantastbarkeit der Menschenwürde verankert ist. Und die Befreiung vom Schmerz bei solchen Erkrankungen ist unbedingt unter diesem Aspekt zu betrachten.
Alexandra_die_Erste (17.02.2008, 13:54 Uhr)
Ernste MINE...?!
...doch wohl eher mit ernster MIENE!
Euridike (15.02.2008, 17:21 Uhr)
Wo und wie jemand sterben möchte
ist doch sehr individuell. Die einen sehen im Krankenhaus eine gewisse Sicherheit, die anderen bevorzugen das Hospiz, und wieder andere können sich nicht vorstellen, nicht zu Hause zu sterben. Palliative Maßnahmen können überall gewährleistet werden, wenn man will. Ich denke, man sollte sehr sensibel auf die letzten Wünsche achten.
MEHR ZUM ARTIKEL
Was wäre, wenn? Das Beste kommt zum Schluss

Was macht der Mensch aus seinem Leben, wenn das Ende absehbar ist? Wieviel Kraft bleibt, um die begrenzte Zeit zu nutzen? stern-Reporter haben Menschen getroffen, die mit dem Tod konfrontiert sind. Sie sprachen unter anderem mit Sterbenskranken, Medizinern und Theologen - und bekamen bewegende wie überraschende Antworten. mehr...

stern-Umfrage Was wäre, wenn...

....wir nur noch ein Jahr zu leben hätten? Diese Frage hat der stern den Deutschen gestellt. Demnach würden 57 Prozent "genauso weiter leben wie bisher", nur 36 Prozent wollen "noch mal richtig auf den Putz hauen". Bei den Antworten gibt es jedoch je nach Altersgruppe große Unterschiede. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe