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28. März 2008, 18:09 Uhr

Fast entspannt in den Tod

Der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch will künftig als Rechtsanwalt ehrenamtlich passive Sterbehilfe leisten. Dass seine Methode auch bei Hinrichtungen in den USA angewandt, aber wegen Unmenschlichkeit verboten wurde, hat er gehört. Aber Kusch vertraut seinen Ärzten. Von Tonio Postel

Roger Kusch mit seiner Tötungsmaschine© Kay Nietfeld/DPA

In einem kleinen, frisch renovierten Raum mit hellen Holzdielen auf dem Boden und Stuck an der Decke, drängt sich eine beachtliche Anzahl von Fotografen und Journalisten, um einen unverstellten Blick auf einen weiß-blauen Stehtisch zu ergattern. Darauf steht ein etwa 15 Zentimeter langer und zehn Zentimeter hoher grüner Apparat mit zwei schwarzen Schaltern daran. Das Objekt der Begierde sieht unscheinbar aus: Es könnte der Trafo einer Modelleisenbahn sein oder ein neues Designer-Radio. Weit gefehlt. Vielmehr handelt es sich bei dem quietschgrünen Kasten um den so genannten Injektionsautomaten, den der ehemalige Hamburger Justizsenator, Roger Kusch, zusammen mit Ärzten entwickelt hat, um Menschen das Sterben zu erleichtern, und heute, in den Räumen seiner Anwaltskanzlei, einen Steinwurf von Alster und Hotel Atlantic entfernt, in Hamburg der Öffentlichkeit präsentiert.

Man kann also annehmen, dass der adrett in dunkelblauen Anzug und Krawatte gewandete Herr mit der gesunden Gesichtsfarbe und dem freundlichen Auftreten weiß, was er da tut. "Ich bin nicht auf der Suche nach Sterbenden und auch nicht auf Werbetour", stellt Kusch klar. Auch wolle er hier nicht "den Held" spielen, wie er sagt. Er wolle unheilbar kranken, leidenden Menschen lediglich "den Weg in die Schweiz ersparen", wo die Schweizer Sterbehilfeorganisation DIGNITAS assistierten Suizid anbietet.

Aktive Sterbehilfe verboten

In Deutschland ist jede Form der aktiven Sterbehilfe verboten. Allerdings regelt das Strafgesetzbuch dies nicht ausdrücklich. Es handelt sich aus juristischer Sicht dann um Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen oder Körperverletzung - alles strafbare Handlungen. Eine Selbsttötung ist nach deutschem Recht nicht strafbar, weshalb auch die Beihilfe dazu, also die Versorgung mit legal erhältlichen Medikamenten, nicht strafbar sein kann.

Hier setzt Roger Kusch an. Wolle jemand wirklich sterben, müsse der Patient zunächst ein ärztliches Gutachten von einem Arzt von Kuschs Vertrauen vorlegen. Dabei müssten drei entscheidende Punkte geklärt sein: Erstens muss klar sein, dass der Patient unheilbar krank ist. Zweitens muss sichergestellt sein, dass er den Wunsch zu sterben bei vollem Bewusstsein getroffen hat. Drittens muss er sich ausreichend mit alternativen Methoden, beispielsweise der Palliativmedizin, auseinandergesetzt haben. Zudem müsse der Sterbewillige natürlich volljährig sein.

Ich fühle mich moralisch verpflichtet

Nur wenn alle Fragen mit einem Ja beantwortet werden könnten, würde Kusch mit seinem Kasten anrücken. "Und ich akzeptiere ein Nein und gehe nicht, wie DIGNITAS in der Schweiz von einem Arzt zum nächsten, falls einer seine Zusage verweigert." Das Ergebnis des Gutachtens werde er als "verbindlich" respektieren, sagt Kusch und taxiert die inzwischen dicht an ihn herangerückte Medien-Meute mit einem intensiven Blick. "Ich fühle mich den betroffenen Menschen, die sich in letzter Zeit an mich gewandt haben, auch moralisch verpflichtet. Auch weil das sonst niemand anbietet", sagt Kusch.

Reich werden wolle er damit aber nicht. "Ich werde kein Geld verlangen", sagt er. Auch stehe die "Tötungsmaschine" weder zum Verleih noch zum Verkauf. "Das Gerät kann man sich nicht mal eben in den Schrank stellen", sagt Kusch. Obwohl Tüftler sich ein ähnliches Objekt auch selbst basteln könnten und auch die Ingredienzien frei auf dem Markt erhältlich seien. Roger Kusch spricht klar und sachlich, alles was er sagt, wirkt gut überlegt, es liegt keinerlei Schärfe in seinen Ausführungen, für die Kusch gemeinhin bekannt ist, wenn es beispielsweise im Wahlkampf um die rasche Ausweisung krimineller Ausländer ging.

Unerträgliche Selbstinszenierung

Kuschs Gegner werfen ihm eine "unerträgliche Selbstinszenierung" vor. "Es ist unerträglich, wie dieser Mann die Ängste der Menschen vor dem Tod missbraucht, um sich selbst zu inszenieren", lässt Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Ärztekammer Hamburg, via Pressemeldung verbreiten. Montgomery ist überzeugt: "Wir brauchen keine Tötungsmaschine, sondern eine Sterbebegleitung und palliativmedizinische Betreuung, die den Menschen am Ende ihres Lebens Schmerzen und Ängste nimmt." Der oberste Gerichtshof in den USA habe Hinrichtungen nach Kuschs Methode gerade wegen Unmenschlichkeit gestoppt, heißt es. Dies bezeuge Kuschs "Skrupellosigkeit", schreibt Montgomery.

Roger Kusch schreitet inzwischen zur Tat, er steht am Stehtisch und führt die Tötungsmaschine vor, die Meute rückt noch etwas näher, Kameras klackern im Sekundentakt. Weil er den Markennamen des Herstellers nach einem Streit nicht mehr zeigen darf, klebt an der Seite schwarzes Band. Der Tötungsvorgang findet in zwei Etappen statt. Zunächst wird dem Patienten ein Kurznarkotikum injiziert, "100 Milligramm führen bereits zum Herzstillstand", sagt Kusch, danach kommt noch eine Ration Kaliumchlorid, "um sicher zu gehen", sagt Kusch. Das Narkotikum wird heute durch Leitungswasser, das Kaliumchlorid durch Möhrensaft symbolisiert. Kusch zieht die Substanzen mühsam in große Arztspritzen, installiert diese dann auf einer Vorrichtung auf dem grünen Kasten und schaltet den Strom ein. In Wirklichkeit muss der Patient nun einen Knopf betätigen. Und nur er, denn täte dies ein anderer, wäre es aktive Sterbehilfe. Ein grünes und ein rotes Lämpchen glimmen auf. Im Ernstfall sind es jeweils 40 Milliliter pro Spritze, die in höchstens vier Minuten den Tod bedeuten. Langsam werden die Substanzen durch einen Schlauch in ein Reagenzglas geleitet, wo sie sich heute zu einem blassen, orangen Gemisch vermengen. Ein dröhnendes Brummen macht auf die erfolgreiche Beendigung des Prozesses, im Ernstfall den Tod, aufmerksam.

Tod ohne Schmerzen

Die Medienmannschaft ist baff, Kusch sieht zufrieden aus. "Bevor der Patient den Knopf drückt, hat er ja noch Zeit sich das zu überlegen. Wenn er nicht will, entfernen wir alles." Zudem laufe das Ganze schmerzfrei ab: "Schon zehn Milliliter Kaliumchlorid führen zu einem schnellen Tod ohne Schmerzen." Zwar habe er in Internetforen von Verbrennungsgefühlen in den Venen gelesen, aber das könne er nach einem Gespräch mit seinen Ärzten nicht bestätigen.

Roger Kusch weiß, dass er nach der Durchführung mit einem Strafverfahren rechnen muss. "Weil ich von der Sache und der Straffreiheit überzeugt bin, mache ich es ja auch selbst und schicke keinen anderen vor." Um ganz sicher zu gehen, wolle er aber bei dem Vorgang eine Videokamera mitlaufen lassen, welche die Rechtmäßigkeit dokumentieren soll. Wie viele Sterbewillige sich bisher gemeldet haben, weiß er nicht exakt, "so zwischen fünf und 50". Die Fragerunde neigt sich dem Ende zu, als eine junge Frau mit einem Mikrofon in der Hand die Stirn in Falten zieht: "Herr Kusch, halten Sie die häufige Sterbebegleitung denn auch menschlich aus?", fragt sie. Kusch zögert zum ersten Mal an diesem Vormittag für einen Moment. Dann sagt er: "Äähhmm, ich hoffe es!"

Von Tonio Postel
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
AxelR. (31.03.2008, 16:01 Uhr)
zum Leben zwingen?
Ist es nicht weitaus unmenschlicher und grausamer, Menschen zum Leben zu zwingen, die nicht mehr wollen?
Da der Tod sowieso unausweichlich ist, und in keinem Fall verhindert werden kann, ist eine mögliche Vorverlegung des Todeszeitpunktes durch einen Willensakt des Betroffenen durchaus menschlich.
Diese Entscheidung sollte jeder selbst treffen dürfen - alles andere wäre heuchlerisch und arrogant.
Euridike (30.03.2008, 12:26 Uhr)
@seelenflieger
Wenn "mauri" im Augenblick persönlich betroffen ist von dieser Thematik, dann verstehe ich seine Emotionalität ganz gut.
Aber ich muss Ihnen dennoch widersprechen. "Ich glaube einfach, dass mehr Leute einen Schaden von einer aktiven Sterbehilfe hätten, als es Leuten nützen würde, auch wenn dies bedeutet, dass es im Einzelfall zu individuellen schweren Schicksalsschlägen kommen könnte. Aber nochmals der Hinweis: Es geht hier um die aktive, nicht um die passive Sterbehilfe" - Das sagt sich so leich, Seelenflieger, das mit den individuellen schweren Schicksalsschlägen, die im Einzelfall hingenommen werden müßten. Um das Dogma eines Verbots von aktiver Sterbehilfe zu erhalten, sollen einzelne zum Opfer werden?
Ihre Vermutung, dass aktive Sterbehilfe mehr Menschen schaden als helfen würde, kann ich nur vor dem historischen Hintergrund der Euthanasie in Deutschland verstehen.
Nun sind wir aber im Bewußtsein ein halbes Jahrhundert weiter (auch dank der Sterbeforschung von Kübler-Ross etc.).
Für mich persönlich muss ein Mensch für sich selbst verantwortlich sein dürfen. Und das heißt auch: das andere ihm bei seinem Wunsch zu sterben helfen können. Unter streng definierten und kontrollierten Bedingungen. Alles andere ist für mich unhuman.
seelenflieger (29.03.2008, 21:45 Uhr)
Komplexe Thematik
@mauri: Ich muss Ihnen leider attestieren, dass Ihnen jeglicher Zugang zur Komplexität der Thematik fehlt. Das verstehen Sie nicht? Sind Sie in Ihrem letzten Beitrag auf irgendeinen meiner Denkanstöße eingegangen? NEIN. Haben Sie irgendein neues Argument angeführt? NEIN. Im Gegenteil, Sie fangen sogar schon an, aktive und passive Sterbehilfe zu verwechseln. Und weil Ihnen das Pulver ausgegangen ist, haben Sie sich selbst mit folgender Aussage disqualifiziert: "...nur wer betroffen ist, kann hier wirklich mitreden".
Wenn ich ein "Dummschwätzer" bin, wer hat Sie eigentlich zum Sprachrohr aller sterbenskranken Menschen auserkoren?
Ich stehe Ihnen als Projektionsfläche für Ihre aufgestauten Aggressionen, deren Ursache zu erkunden sicherlich lohnend für Sie wäre, nicht mehr zur Verfügung.
mauri (29.03.2008, 19:51 Uhr)
Seelenflieger
Beleidigt, womit? Dass ich schrieb, dass du Quatsch verzapfst? es ist so, je mehr du schreibst !! wie ich schon zum Ausdruck brachte, nur wer betroffen ist, kann hier wirklich mitreden.
Was soll das wenn du mir unterstellst, dass ich nicht weiß wie Palliativmedizin vor 20 Jahren war ? ich weiß ansatzmäßig wie es derzeit ist, weil meine Frau palliativ therapiert wird.
Und inwieweit bist du in der Lage dich in einen Arzt zu versetzen, der der Zitat.“ vielleicht ein Problem damit haben könnte, letztendlich den Tod eines Patienten herbeizuführen.“ ? Bist du Arzt? Inwieweit bist du in der Lage?
Mit deinem Zitat:
„Einerseits müssen aufgrund der hochen Brisanz der Thematik klare - wenn nicht sogar glasklare - Grenzen gezogen werden. Diese Grenzen können aber nicht gezogen werden, weil es eine äußerst individuelle Angelegenheit darstellt. Kann man aber keine klaren Grenzen ziehen, sollte man m.E. gar keine ziehen.“ Beweist du, dass du einfach ein Schwätzer bist, dem ich zurufen möchte: „ sic tacuisses“( so jetzt darfst du beleidigt sein )
Wie du sagst, das Thema geht um passive Sterbehilfe, warum sprichst du dann dauernd über die aktive, bei der mehr Leute Schaden nehmen würden.
seelenflieger (29.03.2008, 17:52 Uhr)
Grenzziehung
@Euridike: Die Fragen, die ich skizzenhaft genannt habe, waren lediglich gedankliches Brainstorming. Ich würde Ihnen zustimmen, dass Schmerzen natürlich etwas äußerst Individuelles sind. Das (in meinen Augen nicht lösbare) Grundproblem, wie ich es sehe, stellt sich wie folgt dar: Einerseits müssen aufgrund der hochen Brisanz der Thematik klare - wenn nicht sogar glasklare - Grenzen gezogen werden. Diese Grenzen können aber nicht gezogen werden, weil es eine äußerst individuelle Angelegenheit darstellt. Kann man aber keine klaren Grenzen ziehen, sollte man m.E. gar keine ziehen. Ich glaube einfach, dass mehr Leute einen Schaden von einer aktiven Sterbehilfe hätten, als es Leuten nützen würde, auch wenn dies bedeutet, dass es im Einzelfall zu individuellen schweren Schicksalsschlägen kommen könnte. Aber nochmals der Hinweis: Es geht hier um die aktive, nicht um die passive Sterbehilfe!
@mauri: Auf Beleidungen gehe ich nicht ein. Mein Kommentar zum Selbstmord war bezogen auf die vorangegangenen Beiträge, in denen salob gesagt wurde, dass "Selbstmord ein Recht" wäre (ohne auf die oftmals dahinterstehende Ursache Bezug zu nehmen). Es tut mir Leid, wenn ihre persönliche Situation so trostlos ist, dass sie sich nicht vorstellen können, dass es z.B. vor zwanzig Jahren wesentlich schlimmer ausgesehen hat in der Palliativmedizin. Und es tut mir auch Leid, dass sie sich nicht in einen Arzt hineinversetzen können, der vielleicht ein Problem damit haben könnte, letztendlich den Tod eines Patienten herbeizuführen.
Euridike (29.03.2008, 16:58 Uhr)
An der Argumentation von "seelenflieger" ist schon was dran.
Die Gefahr, dass SterbeHILFE zur SterbePFLICHT wird, besteht. Je mehr eine Gesellschaft glaubt, sich Alte und Kranke finanziell nicht mehr leisten zu können (zu wollen), desto größer ist die Gefahr, dass man Kranke und Alte in einen frühzeitigen Tod "komplimentiert".
Was Seelenfliger aber in der Argumentation zu kurz kommen läßt ist die persönliche Not von Todkranken etc.. Wie kann man es wagen nach einem objektiven Kriterium für den empfundenen Schmerz des Einzelnen zu fragen? Das kann es doch nicht geben, und wir alle wissen, dass die palliative Medizin bei allem Fortschritt auch Grenzen hat.
Der Ausweg aus allem muss eine sehr individuell definierte Möglichkeit sein, über sich selbst zu bestimmen. Darüber muss man nachdenken, ohne die Argumente von Seelenflieger zu vergessen!
mauri (29.03.2008, 16:44 Uhr)
es ist nicht zum aushalten
„Seelenflieger“
Dein Zitat:
„Das Recht auf Selbstbestimmung findet im Recht auf Freitod seinen Ausdruck? So einen Blödsinn habe ich wirklich schon lange nicht mehr gelesen. Ein Selbstmord ist nicht Ausdruck irgendeiner nebulösen Selbstbestimmung, sondern Symptom einer defizitären Gesellschaft. Wer das nicht erkennt, bei dem ist es mit dem eigenständigen und selbstkritischen Denken nicht weither“
mein Lieber, du bist ganz schön eingebildet und selbstkritisch bist du schon gar nicht, sonst würdest du nicht einen solchen Quatsch verbreiten.
Du hast keine Ahnung, was es heißt in einer aussichtslosen Krankheitssituation zu sein. Meiner Frau und mir haben die Ärzte klar gesagt, dass sie auf keinen Fall geheilt werden kann, dass wenig Zeit bleibt, aber dass man sorgen werde, dass sie keine Schmerzen haben werde, wenn es in die Endphase geht. Wie lange sich das Ganze hinziehen wird und wie sich das dann in der Endphase darstellen wird wissen wir nicht. Sie wird sicher nicht in dieser Klinik sein, wenn sie sterben wird, denn Kliniken nehmen einen nicht zum Sterben auf. Wer aber hält sich dann an das Versprechen gebunden, welches andere gegeben haben?
Dass man in solchen Situationen auch über Selbstmord oder Hilfe zu solchem nachdenkt hat nichts mit einer “defizitären Gesellschaft“ zu tun sondern mit dem Wunsch würdevoll zu sterben oder dem geliebten Partner die Chance dazu zugeben.
Solange man nicht in einer solchen Lage ist sollte man nicht den Moralisten spielen.
Bis hier waren das meine Gedanken auf deinen vorherigen Beitrag, aber im nächsten setzt du dem noch eins drauf , was in dem Satz gipfelt:
„Die palliative Medizin hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und jeder, der schon einmal in einem Hospitz war, weiß, dass auch der letzte Lebensabschnitt durchaus noch reich an Erfahrungen sein kann.“
Das ist doch nicht mehr erträglich:…. reich an Erfahrungen!!! Diese Erfahrungen möchte ich dir nicht wünschen
seelenflieger (29.03.2008, 15:51 Uhr)
Kirche im Dorf stehen lassen
Nochmals im Klartext: Es ist absurd zu behaupten, "die Kirche" wäre daran Schuld, dass wir in Deutschland keine aktive Sterbehilfe haben. Die katholische Lehre verbietet auch Scheidung und Abtreibung und trotzdem wird in Deutschland munter geschieden und abgetrieben.
Problematisch m.E. ist v. a. die praktische Umsetzung einer aktiven Sterbehilfe, denn:
- Wann sind Schmerzen "unerträglich", um eine begleitete Selbsttötung zu rechtfertigen? Bezieht man nur physische oder auch psychische Schmerzen (wie z.B. in einigen Staaten der USA) ein? Legt man einen objektiven oder einen subjektiven Standard fest?
- Wann ist ein Mensch "totkrank"? Wenn er nur noch sechs Monate, vier Wochen oder drei Tage zu leben hat? Und wer bestimmt, wie lange ein Mensch noch zu leben hat?
- Kann ein Mensch, der unerträgliche Schmerzen erleidet überhaupt noch eine "selbstbestimmte" Entscheidung treffen? Was ist, wenn die Person geistig behindert ist oder vielleicht etwas "senil" ist?
- In Amerika legen Ärzte mit Hinweis auf den Hippokratischen Eid keinen Zugang für eine tödliche Injektion bei einer Hinrichtung. Schadet eine aktive Sterbehilfe nicht das Ansehen des Arztberufs? Und: Wenn man Ärzten freistellt, ob sie bei einer Selbsttötung Beihilfe leisten, sind die Ärzte, die damit keine Gewissensprobleme haben, noch objektiv?
Schließlich sei noch bemerkt, dass die Fälle in denen eine aktive Sterbehilfe wirklich indiziert erscheint, doch eher Ausnahmefälle darstellen. Die palliative Medizin hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und jeder, der schon einmal in einem Hospitz war, weiß, dass auch der letzte Lebensabschnitt durchaus noch reich an Erfahrungen sein kann.
Meine größte Sorge bei einer aktiven Sterbehilfe ist, dass es eines Tages darauf hinausläuft: "Komm Oma, 80 Jahre ist doch ein schönes Alter, und Dein Krebs wäre zwar behandelbar, aber komm, willst Du es uns wirklich antun, dass wir dich danach pflegen müssen?"
DaIstDoch (29.03.2008, 15:20 Uhr)
Denken vor Schreiben!
Reality
Denken vor Schreiben! Bei einem misslungenen Selbsttötungsversuch wäre eine Bestrafung also möglich. Also ist das Gesetz, die Selbsttötung straffrei zu lassen, sinnvoll.
Meines Wissens nach war die Selbsttötung im „Dritten Reich“ strafbar.
leguanjoe (29.03.2008, 14:37 Uhr)
Freiheit und Selbstbestimmung
Der Kirche geht es nur um Kontrolle und Macht die zum Glück in unserer Zeit und in unserem Land nur noch sehr begrenzt ist. Es wird leider immer Menschen geben die aufgrund von Intoleranz, Angst vor dem Tod religiösen Märchen und fehlgeleiteten dogmatischen Moralvorstellungen anderen Ihre Lebensweise aufzwingen wollen. Diese Menschen denken genaun wie Bush das, die Welt in Schwarz und Weiß zu trennen ist, von Grau haben sie noch nichts gehört. Eher würden sie einen Menschen leiden lassen wenn es ihren Vorstellungen entspricht als ihn endlich zu erlösen und selbst gewählt in den Tod zu gehen. Das ist einfach nur Grausam und unmenschlich. Ihr könnt ja unter Schmerzen totkrank dahinsiechen aber last doch anderen leidenen Menschen die freie wahl mit Würde aus dem Leben zu gehen. Es gibt Dinge die sind Schlimmer als der Tod, dass sollte jedem logisch denkenden Menschen eigentlich klar sein.
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