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2. Juli 2008, 08:05 Uhr

Kusch bereit für neuen Todeskandidaten

Ex-Senator Roger Kusch steht nach seiner Sterbehilfe für eine Rentnerin im Kreuzfeuer der Kritik. Die Bundesärztekammer wirft ihm "Anstiftung zum Suizid" vor. Während die Große Koalition über ein Verbot organisierter Sterbehilfe streitet, kündigte Kusch an, seine Dienste wieder anzubieten - und dann offenbar für Geld.

"Volksbildung und Aufklärung": Roger Kusch bestreitet ein gewerbliches Interessen bei seiner Sterbehilfe© Marcus Brandt/DPA

Der frühere Hamburger Justizsenator Roger Kusch steht wegen seiner Sterbehilfe für eine Rentnerin weiterhin massiv unter Beschuss. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, spricht von "unterlassener Hilfeleistung, wenn nicht gar Anstiftung zum Suizid". Kusch sei es nur darum gegangen, "sich selbst in Szene zu setzen", sagte Hoppe den "Ruhr Nachrichten".

Der ehemalige CDU-Politiker Kusch hatte am vergangenen Wochenende einer 79-Jährigen aus Würzburg Hilfe beim Freitod geleistet. Nach Ansicht der Ermittlungsbehörden ließ er sich aus strafrechtlicher Sicht nichts zuschulden kommen. "Es gibt keinen Anfangsverdacht für eine Straftat", teilte die Staatsanwaltschaft Würzburg mit. Sie stufte den Tod als normalen Suizid ohne Fremdbeteiligung ein.

Länder wollen Sterbehilfe unter Strafe stellen

Ärztekammer-Präsident Hoppe forderte als Konsequenz aus dem Fall gesetzliche Schritte. "Organisierte Sterbehilfe muss unter Strafe gestellt werden. Alles andere würde zu einem regelrechten Geschäft mit Sterbehilfe führen." Mehrere unionsgeführte Bundesländer wollen organisierte Sterbehilfe verbieten - und damit auch Vereinen einen Riegel vorschieben, die Selbsttötung erst ermöglichen. Über einen entsprechenden Gesetzentwurf wird der Bundesrat eventuell schon am Freitag abstimmen. Demnach soll "gewerbliche und organisierte Suizidhilfe" mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden.

Im Gegensatz zu unionsgeführten Ländern lehnt das SPD-regierte Rheinland-Pfalz den Gesetzentwurf jedoch als "völlig überzogen und unverhältnismäßig" ab. Er stehe im Widerspruch zur geltenden Straffreiheit von Suizidbeihilfe, sagte eine Sprecherin des Justizministeriums in Mainz.

Streit in Großer Koalition entbrannt

Und auch in der Großen Koalition ist ein Streit über das Verbot organisierter Sterbehilfe entbrannt. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Wolfgang Bosbach, forderte den Koalitionspartner SPD auf, sich einem Verbot gewerbemäßiger Sterbehilfe nicht zu verschließen. "Wir sind uns mit der SPD seit Monaten einig, dass diese Auswüchse nicht hinnehmbar sind", sagte der CDU-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Leider sei trotzdem nichts geschehen, weil die SPD glaube, das geltende Recht reiche aus. Der CDU-Abgeordnete Herbert Hüppe sprach sich in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" ebenfalls dafür aus, "alle juristischen Wege" auszuloten.

Dagegen lehnte der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Joachim Stünker, eine Gesetzesverschärfung ab. "Ich sehe nicht, wie es rechtlich sauber möglich wäre, die grundsätzlich straflose Beihilfe zur Selbsttötung doch unter Strafe zu stellen, sobald sie geschäftsmäßig erfolgt." Der Grünen-Rechtsexperte Jerzy Montag sagte, Kuschs Verhalten sei zwar "widerwärtig". "Aber nicht alles, was widerwärtig ist, muss strafbar sein. Hilfe zur Selbsttötung sollte straffrei bleiben."

Kusch will es wieder tun

Kusch selbst kündigte an, erneut Sterbehilfe leisten zu wollen. "Ja, ich werde es wieder tun", sagte der Rechtsanwalt der "Bild"-Zeitung. Er schloss nicht aus, beim nächsten Mal Honorar zu verlangen. Für eine Rechtsberatung Sterbewilliger fielen "selbstverständlich Gebühren" an. Beim Freitod der 79-Jährigen hat der Ex-Senator, der 2007 den Verein "Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V." ins Leben gerufen hatte, nach eigenen Angaben kein Geld genommen. In einem Gespräch mit dem Konstanzer "Südkurier" verneinte er gewerbliche Interessen bei seiner umstrittenen Tätigkeit. Sein Verein diene der "Volksbildung und Aufklärung".

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
giangastone (02.07.2008, 19:55 Uhr)
Lifestyle - Deadstyle
Deutschland ist beim §218 gekippt, es wird auch bei der Sterbehilfe kippen. Das ist nun mal "moderner" lifestyle. Moralische und ethische Bedenken sind Rumgegacker in einer mentalen Übergangssituation. Ist die neue Zeit erst mal da, dürfen wir endlich in einer glücklicheren, weil von ungewollten Kindern, Behinderten und lebensmüden, vereinsamten Alten "befreiten" Gesellschaft leben. Machen wir uns nichts vor: Ärzten wird diese Dienstleistungen irgendwann via Krankenschein honoriert. Rosige Aussichten...
sportartmakler (02.07.2008, 16:59 Uhr)
sterbehilfe ja, aber ohne profitmöglichkeit
leider wird dieses thema mehr als totgeschwiegen, als das es kaum anders eine höhere aufmerksamkeit erlangen konnte. dafür meinen dank an herrn kusch. es ist mir auch völlig egal, dass diese dame nicht wirklich in die kategorie der schwerstkranken zählt, hat sie sich doch ihren entschluß sicherlich sehr lange überlegt. das muß man respektieren und nicht mit irgend welchen zwangsangeboten / therapien dem menschen nach seinen eigenen vorstellungen ?helfen?.
@captncrunch: volle zustimmung zum statement von herrlich. was issn ihr problem wenn sie sich nicht anders auszudrücken wissen? hat der etwa ne andere meinung?...geht ja gar nicht.
Asiat (02.07.2008, 16:36 Uhr)
Thema wichtig, Aufhaenger billig
Kusch sollte besser von der Bildflaeche verschwinden, sich auf seine Pension freuen, wenn sie nicht gekuerzt wird, und sein Leben fuer sein Alter vorplanen. Geeignet scheint mir Hochseeangeln, wenn das dann nicht mehr klappt, kippt er einfach ueber Bord.
Im Ernst - die Frage nach notwendiger Hilfe zum Sterben ist wichtig, wenn irgendwann nichts mehr funktioniert und der ansich nicht mehr vorhandene Mensch mit Lust immer wieder "re-animiert" wird, weil das Kasse macht. Meine Tante "durfte" erst mit 97 sterben, und das nach 5 Jahren, in denen sie nichts mehr mitgekriegt hat.
Dass dieses Thema jetzt durch Kusch wieder hoch kocht, kann man ihm vielleicht sogar danken - es muss bloss in die richtigen Bahnen gelenkt werden.
Herr_Lich (02.07.2008, 11:37 Uhr)
Richtiges Thema, falsche Person.
Auf mich macht Kusch nicht gerade den Eindruck, als wäre Nächstenliebe sein Motiv bei dieser Aktion....eher ein ausgeprägter Geschäftssinn. Die Reaktion der Politik macht aber deutlich, daß Kusch mit diesem Thema ins Schwarze getroffen hat.
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Plötzlich schreckt das ganze Politikervolk hoch und heckt einen, mit der heißen Nadel gestrickten, Gesetztesentwurf aus, der mit dem Thema Sterbehilfe ein für allemal Schluß machen soll. Für Politiker ist dieses Thema eine direkte Bedrohung, weil sie wissen, daß ihnen schon die Diskussion darüber politisch schaden könnte.
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Sterbehilfe wird in Deutschland auch weiterhin ein Tabuthema bleiben, weil die Politik zu feige ist, sich diesem Thema zu stellen. Sie unterbinden eine dringend notwendige, offene Diskussion und nennen das im Zweifelsfall auch noch ihre christliche Pflicht. Ihnen ist es lieber daß sich in Deutschland auch weiterhin jährlich rund 10000 Menschen vor Zügen werfen, von Häusern springen, usw. Daß tausende von Menschen auch weiterhin unter menschenunwürdigen Umständen dahinsiechen, unfähig ein selbstbestimmtes Leben zu führen, weil sie sich nicht mehr bewegen können, oder unter ständigen qualvollen Schmerzen leiden.
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Für diese Menschen wäre der Tod eine Erlösung von seelischen und körperlichen Qualen. Diese Erlösung wird ihnen von den Politikern verweigert, weil sie es vorziehen, für sie unangenehme Themen zu unterdrücken, statt sich um eine angemessene Lösung zu bemühen. Damit machen sich die Politiker für das tägliche Leiden vieler tausend Menschen verantwortlich und geben Leuten wie Kusch erst die Möglichkeit sich daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln.
Asteriskina (02.07.2008, 11:15 Uhr)
Business-Plan für den Tod
Mal jenseits aller Debatten pro und contra: Woher bekommt Kusch die Medikamente? Er ist weder Arzt noch Apotheker. Hat sich schon eine Todes-Kaste gebildet, die einen neuen Geschäftsmarkt erobern will?
Ich sehe mit großem Interesse einem Handeln der Justiz und Politiker entgegen. Handeln sie in diesem Fall nicht unverzüglich, stellen sie sich als Instanz selbst in Frage.
Dragono (02.07.2008, 11:05 Uhr)
Ich hoffe...
... dass wenn ich alt bin es noch mehr Menschen wie Herrn Kusch gibt, die mir hilft meinen Leben nach meinen Vorstellungen ein würdevolles Ende zu bereiten.
botoxia (02.07.2008, 10:46 Uhr)
Eine Patientenverfügung
ist nichts anderes, als anderen Menschen zu gestatten, über das eigene Leben zu entscheiden, wenn man selbst durch unglückliche Umstände dazu nicht mehr in der Lage ist. Andererseits ist aber Selbstmord verboten, schließlich kommt man zur Strafe in die geschlossene Psychiatrie, wenn man doch überlebt.
wintersaint (02.07.2008, 10:45 Uhr)
Medienkampagne
Ich würde mir wünschen, dass das Thema etwas differenzierter betrachtet würde. Verurteilungen lassen sich in allen Beiträgen zu diesem Thema lesen. Ich denke nicht, dass es die Aufgabe der Medien ist, durch eine Verleumdungskampagne dafür zu sorgen, dass überstürtzt Stimmungen und Gesetze! geschaffen werden, die hinterher mehr Schaden als nützen. Sicher ist das Handeln des Herrn Kusch nicht frei von Egoismus, aber behandelt ein Arzt nur für den Idealismus und bäckt der Bäcker die Brötchen kostenlos? Die Motivation warum jemand eine Tat tut ist nicht zwingend für die Beurteilung der Tat an sich notwendig. Sicherlich war es ultradumm von dem Kerl eine Suizidbegleitung durchzuführen an Stelle einer Sterbehilfe für einen unheilbar Kranken. Aber dieser Kerl sollte nicht dafür sorgen können, dass wirklich leidenden Menschen eine leichtere Art zu gehen vorenthalten wird. Nicht jede Sau die durchs Dorf getrieben wird muss mit neuen Gesetzen bedacht werden.
provocateur (02.07.2008, 10:42 Uhr)
Berufung...
...Wenn Kusch sich dazu berufen fühlt, möge er nach seinem Gewissen Sterbehilfe leisten. Dafür Geld zu nehmen, das geht gar nicht! Das ist keine Dienstleistung, die man mit Geld aufwiegen kann.
JosefG (02.07.2008, 10:41 Uhr)
Big Business
Klar, dass der Chef der Beutelschneider und Schröpfer vor Wut schäumt. Geht es doch hier um einen Milliarden-Zukunftsmarkt. Und es werden in den nächsten Jahren, wenn erstmal die Babyboomer ins Pflegealter kommen, immer mehr werden, die man mit Magensonde und Infusionen am Sterben hindern kann.
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