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26. Juni 2009, 07:40 Uhr

Die tote Dame im Maisfeld

Es ist eine mysteriöse Geschichte: Ein Jäger findet eine Leiche. Lange weiß niemand, dass es sich bei der älteren Dame um eine vermögende Kaffee-Erbin handelt. Die mutmaßliche Täterin sagt: Ihre Bekannte wollte sterben. Deshalb habe sie zugedrückt und sie erwürgt. Aber war es wirklich Töten auf Verlangen? Von Kuno Kruse

Kaffee-Erbin, Verena Jansen, Maisfeld, Sterbehilfe, Stade

Spurensuche: Am 30. Juli 2008 sichern Polizisten den Fundort einer Frauenleiche in einem Feld zwischen Hamburg und Bremen© DPA

Wie die alte Dame da am Obststand auf die Schale sah. So gern, sagte sie, würde sie mal wieder Erdbeeren essen. Aber wie bezahlen? Sie tat Adelheid B. leid. Und das hier, auf dem Wochenmarkt von Blankenese, wo die Wohlhabenden von Hamburg einkaufen. Adelheid B. schenkte ihr die Erdbeeren.

So waren sich die beiden Frauen vor zwei Jahren das erste Mal begegnet. Die adrette Heidi, wie sie von ihren Freunden genannt wird, Anfang 50, schlank, allen zugewandt, verheiratet mit einem Ingenieur, der Sohn hat gerade Abitur gemacht. Eine moderne Hausfrau, von der die Freundinnen und Nachbarinnen aus der Reihenhaussiedlung sagen, dass sie im Leben steht. Und Verena Jansen, 75, allein lebend, klug, belesen, aber ein bisschen bizarr. Und sehr ungepflegt. Eine Frau, die irgendwie neben dem Leben steht.

Von ihrer letzten Begegnung erinnert Adelheid B. "immer nur diesen Hals". Den hatte sie Verena Jansen im vergangenen Juli zugedrückt, fest und lange, sodass das Zungenbein brach und die alte Frau erstickte. Deshalb steht sie seit März vor dem Landgericht Stade, in dieser Woche soll das Urteil fallen.

Folgenschwerer Pakt

Es geschah zwischen Maisfeldern auf einem grasbewachsenen Weg in der Nähe des Kakerbecker Hexenberges im Landkreis Stade. Eine Landschaft, in die man Ausflüge macht. Die beiden Frauen hatten eine Decke und Seidenkissen mitgenommen, wie zu einem Picknick, und ein weißes Laken. Mit dem wollte Verena Jansen zugedeckt werden, wenn sie für immer eingeschlafen sei. Sie wollte sterben, hatte sie gesagt, ihren toten Bruder wiedersehen. Und Adelheid B. sollte ihr dabei helfen. Es war ein Pakt.

Doch nach ein, zwei Schluck des bitteren, in Wasser aufgelösten Tablettencocktails fiel der alten Frau das Glas aus der Hand. Der Suizidversuch war gescheitert. Adelheid B., so erzählt sie es, sagte: "Lassen Sie uns ins Krankenhaus fahren, den Magen auspumpen." Aber Verena Jansen geriet in Panik, fürchtete, man würde sie in die Psychiatrie sperren, entmündigen. Die Nervenklinik war schon lange ihr Albtraum.

"Nimm den schwarzen Stein, erschlag mich!" - "Ich kann das nicht." - "Dann erwürg mich. Wer A sagt, muss auch B sagen." So schildert Adelheid B. die letzten Sätze dieser verhängnisvollen Bekanntschaft der 1. Großen Strafkammer des Stader Landgerichts.

Wer ist das Opfer?

Sie kniete neben der alten Frau, drückte zu, und es dauerte lange. Das schloss der Gerichtsmediziner Professor Klaus Püschel aus Verletzungen und Blutergüssen der Leiche. Aber er hat nicht die Spur einer Abwehr entdeckt, nicht an den Armen, nicht unter den Fingernägeln. "Nichts spricht für einen Kampf."

Nun müssen die Richter entscheiden: War es Totschlag? Das wird mit mindestens fünf Jahren Haft bestraft. Oder Töten auf Verlangen? Dann wären fünf Jahre die Höchststrafe, sechs Monate die Mindeststrafe.

Im Gerichtssaal ist Verena Jansen das Opfer. Im Leben könnte aber auch die Angeklagte Adelheid B. das Opfer einer ungeheuerlichen Zumutung geworden sein. Denn was als spektakulärer Mordfall Schlagzeilen machte, ist vielleicht nur die unglückselige Begegnung zweier Verirrter in einer Zeit, als das Töten auf Verlangen zum Medienthema wurde.

Wohnen im Müll

"Was kann ich mir schon für fünf Euro kaufen?", fragte Verena Jansen, als die Frauen sich das zweite Mal trafen. Das war vor Nikolaus 2007, in der Jahreszeit, in der man im Norden Grünkohl isst, und weil Adelheid B. gerade welchen kochte und festgestellt hatte, dass sie nicht weit voneinander entfernt wohnten, brachte sie der Dame eine Portion vorbei.

"Ich war erschüttert", sagt sie. Eine Wohnung im Hamburger Treppenviertel, aus der man weit über die Elbe sieht. Feinste Lage. Und drinnen: Dreck und Müll. Kein Bett. Die Küche in unzumutbarem Zustand. Also brachte sie nun häufiger Essen vorbei, dann regelmäßig montags, mittwochs und freitags. Einmal war ihr aufgefallen, dass bereits eine andere Mahlzeit in der Küche stand. Wer hatte die gebracht?

Einem Gast einen Tee zuzubereiten konnte Verena Jansen hilflos machen. So erlebte es der Nachbar, der die skurrile Intellektuelle mit dem Schalk in den rehbraunen Augen sehr mochte. "Sie war voller schwarzen Humors, und immer setzte sie noch einen drauf." Passanten sahen die alte Dame schon mal nackt auf dem Balkon tanzen, bunt wie ein Hippie lief sie durch Blankenese und liebte es, Menschen zu verwirren.

Eins-zu-eins-Beziehungen

Weihnachten und zu ihrem Geburtstag war sie bei der Nachbarsfamilie. "Sie war so fröhlich, wenn sie bei uns auf der Terrasse saß, etwas durchgeknallt, aber so liebevoll", erzählen sie heute. Frau Jansen habe fest versprochen, ihre Wohnung so aufzuräumen, dass man auch einmal bei ihr feiern könnte. Das wurde Programm. Der Nachbar brachte jede Woche einen Müllsack, und sie versprach, ihn zu füllen. Sie schaffte es nicht immer. Verena Jansen war ein Messi.

Zwischendurch, als die Nachbarsfamilie erfahren hatte, dass Frau Jansen wohlhabend war, gab es eine Verstimmung. Die Nachbarin fühlte sich ausgenutzt: "Und ich hatte ihr Essen gebracht, weil ich dachte, sie hat nichts."

In all dieser Zeit hatten die Nachbarn nie etwas von Adelheid B. gehört. Und Adelheid B. nie etwas über die Nachbarn. "Eins-zu-eins-Beziehung", nennt das der psychiatrische Gutachter Jörg Schmitz. Keiner sollte von dem anderen wissen. Jedem schien die Frau, die auf der Straße Leute ansprach, einsam zu sein.

Geheimer Reichtum

Aber sie hatte sogar eine sehr gute Freundin, die über die "faule" Nachlässigkeit, "wie sie geniale Menschen häufig haben", hinwegsah, auch über die schrill gefärbten Haare und die merkwürdigen Männer. Die Freundin sagt: "Verena Jansen war eine Frau von Format." Sie rezitierte Shakespeare auf Englisch, auch seine Sonette, sie sprach fünf Sprachen sicher, und für die Oper zog sie sich gut an. "Aber sie provozierte. Die gute Gesellschaft fürchtete sich vor ihrer scharfen Intelligenz. Die Damen waren überfordert", sagt die Freundin, die auch Verena Jansens Schwermut erlebte. Aber sie habe gern gelebt, ohne Limit.

"Ganz Hamburg war früher in Verena verliebt", sagt der alte Polospieler Pit Krug. "Eine begnadete Reiterin." Und eine gute Partie: hanseatischer Kaufmannsadel, Jansen-Kaffee, ein Traditionsbetrieb, wurde an Arko verkauft.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 26/2009

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