Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Das Ableben des Hasen

Zwei Kaninchen sterben auf der Bühne einer Berliner Galerie und werden später verspeist. Ohne Töten kein "Kaninchen an Apricot" lautet die Botschaft der Performance. Die Botschaft zweier Gerichte lautet: Tiere dürfen nicht getötet werden - auch nicht um der Kunst willen. Es wird nicht das letzte Urteil sein.

"Es geht um Kunst. Da muss man sich vielleicht auch bilden!", hält Falk Richwien dem Staatsanwalt entgegen. Der zitiert den Künstler seit drei Jahren wegen des Verstoßes gegen das Natur- und Tierschutzrecht auf die Anklagebank. Der schmale 46-Jährige mit dem kleinen Kinn-Bärtchen und dem rötlich-strähnigen Haar, das er gern mit einem Hut bedeckt, hat zwei Kaninchen töten lassen und das als Kunst deklariert.

Berlin-Mitte, Hackesche Höfe im Februar 2006, gegen 22 Uhr. Eine Hinterhofgalerie namens "Monsterkeller" lädt zur Performance. Zwanzig, dreißig Schaulustige interessieren sich für das Spektakel unter dem Titel "Das Ableben des Hasen", welches in den Stadtmagazinen kundgetan wurde. Unter ihnen befindet sich der Reporter Jens Reinhard*.

Im Hinterzimmer der Galerie warten bereits zwei weiße Kaninchen in einem Karton auf ihre Hinrichtung. Der Künstler nimmt das erste Tier und überreicht es dem Bio-Fleischer Robert Nussbaum*. Der schlägt dem Kaninchen mit einem Knüppel ins Genick. Es soll dadurch betäubt werden. Die in einen schwarzen Ledermantel gehüllte Peggy Bundschuh* präsentiert das zuckende Tier auf einem silbernen Tablett. Dann greift der Metzger das Kaninchen, hält dessen Pfoten fest, während die "Protagonistin" ihm den Hals umdreht.

Geköpfte Kaninchen für die Kunst

Auf einem Holzklotz schneidet sie dem Tier den Kopf ab. Falk Richwien bindet diesen an einen Nylonfaden und legt ihn in ein mit Formaldehyd gefülltes Glas. Dem zweiten Kaninchen ergeht es kurz danach nicht besser. Während der gesamten Performance wird kein Wort gesprochen. Erst im Anschluss kann Reporter Jens Reinhard seine Sinnfragen an den Künstler stellen.

Dessen Antworten klingen mystisch. Falk Richwien sagt, dass man die "spirituell überhöhte Reflexion ins Gleichgewicht bringen, dass man die geistige Ebene überhöht betrachten müsse und dass wir nicht so göttlich sind, wie wir zu glauben scheinen." Die Boulevardzeitung vereinfacht seine Antworten und schreibt, der Künstler wolle beweisen, dass wir alle vom Raubtier abstammen.

Jens Reinhard fragte den Künstler auch, ob er Angst vor den Konsequenzen seiner Show habe. Richwien antwortete: "Ich bin kein ängstlicher Mensch." Anschließend wurde der Kaninchenskandal von Berlins Boulevardpresse ausgeschlachtet. Die Zeitungsberichte bildeten den Anstoß zu einem mehrjährigen juristischen Tauziehen, das wohl erst vom Verfassungsgericht beendet wird.

Noch im Februar 2006 zeigte Claudia Hämmerling, Mitglied des Abgeordnetenhauses für Bündnis 90/Die Grünen Falk Richwien, Robert Nußbaum und Peggy Bundschuh an. Sie war nicht die einzige: "Die Akte strotzt vor Anzeigen", sagt Richwiens Verteidiger.

"Kunstfreiheit ist nicht schrankenlos"

Ein Jahr später verurteilte das Amtsgericht Tiergarten die drei Performer zu Geldstrafen: Der Künstler soll 2400 Euro (80 Tagessätze), der Fleischer 1000 Euro (50 Tagessätze) und die "Protagonistin" 600 Euro (20 Tagessätze) zahlen. "Kunstfreiheit ist nicht schrankenlos und findet seine Grenzen, wenn Dritte verletzt werden", urteilte der Richter. Er stellte nicht in Frage, dass prominente Künstler des "Wiener Aktionismus" in den sechziger und siebziger Jahren Tiere für die Kunst getötet hätten. "Das mag so gewesen sein, damals hatten wir noch nicht den Paragrafen 20a." Der wurde im Juli 2002 ins Grundgesetz aufgenommen und erklärt den Tierschutz zum Staatsziel. "Unsere Einstellung gegenüber Tieren hat sich geändert", argumentierte der Richter. Mit dem neuen Paragrafen habe man "solche Sachen wie hier verhindern wollen."

Peggy Bundschuh nahm ihr Urteil an. Ihre Mitstreiter dagegen zogen vor das Berliner Landgericht. Ob man nicht das Verfahren wegen geringer Schuld einstellen könne, lautet der erste Vorschlag, den Richwiens Verteidiger dort macht. Doch diesem muss neben dem Richter auch der Staatsanwalt zustimmen. Und der schüttelt den Kopf.

So darf der Künstler sich erneut erklären. Dies tut er wesentlich verständlicher als vor drei Jahren gegenüber dem Reporter. Er könne nicht verstehen, warum er sich strafbar gemacht habe, sagt Richwien. Kunst solle bilden, sie sei spirituell und arbeite mit Emotionen. "Ich habe, um eine Aussage zu machen, die wachrüttelt, gemeinsam mit einem Fleischer zwei Kaninchen geschlachtet und später mit zwölf Leuten verspeist. Ich habe versucht, etwas bewusst zu machen und darum das Bewusstsein gequält - das Bewusstsein der vor sich hin fressenden Konsumenten. Diesen Vorgang grausam zu nennen ist naiv, denn er findet tagtäglich in unseren Schlachthöfen statt - er wird nur verdrängt."

Der Künstler verteidigt sich: "Ich habe mir die Aktion mit den Kaninchen nicht mal eben ausgedacht, nach dem Motto: Ich möchte etwas Schockierendes zeigen und dann werde ich berühmt." Die Tötung der Kaninchen sei für ihn nicht lustig gewesen. "Ich habe es nicht genossen. Es hat mir und den Zuschauern großen Respekt vor dem Leben gegeben." Für Richwien beruht das Urteil auf einer Reihe von Missverständnissen: "Möglicherweise ist durch die effekthascherischen Berichte der Eindruck entstanden, dass es nur um eine grausame Tötung ging."

Verspeisen der Kaninchen war geplant

Dabei sei von Anfang an auch das Verspeisen der Kaninchen geplant gewesen. Das erfolgte jedoch aus diversen Gründen nicht am Tag ihrer Tötung. Erst eine Woche später verzehrte eine zwölfköpfige Gesellschaft "Kaninchen an Apricot". Der Künstler erklärt dazu: "Wir haben Kaninchen gegessen, die wir gekannt haben. Wir möchten uns an sie und an das Leben erinnern, das sie für uns ausgehaucht haben. Darum habe ich die Köpfe konserviert, wie ein Jäger, wie ein Reliquiensammler." "Hase in Formol" hieß das Kunstprodukt, welches man im Monsterkeller für 9800 Euro erwerben konnte - so lange, bis das Beweismittel spurlos verschwand. "Die Galerie war stark unter Druck gesetzt worden", erinnert sich Richwien.

Der graubärtige Fleischer, der 1975 eine Bio-Metzgerei eröffnete, erklärt vor Gericht, er habe Zivilcourage zeigen wollen. Es sei ihm darum gegangen, die Verdrängungsmechanismen der Fleischkonsumenten zu verdeutlichen. "Das Töten ist das, was der Kunde nicht sieht. Er sieht nur den schönen Schein. Den Prozess, der dazu notwendig ist, sieht er nicht", sagt der 57-Jährige.

Peggy Bundschuh ist zum zweiten Prozess als Zeugin geladen. Auf Stiletto-Absätzen stakst die große, gepiercte Frau mit den raspelkurzen Haaren in den Gerichtssaal. Die sächselnde Friseurin, die als Beruf "Herr-schtei-list" angibt, sei von Richwien gefragt worden, ob sie sich an der Aktion beteiligen möchte. "Dem Verbraucher sollte vor Augen geführt werden, wie das Fleisch auf den Teller gelangt, dass es kein abgepacktes Stück auf der Fleischtheke ist", sagt Bundschuh.

Sie habe gedacht, dass die Veranstaltung von der Kunstfreiheit gedeckt sei. Schockiert war sie durch den Medienrummel, den Richwien und Nussbaum im Gegensatz zu ihr gewollt und befeuert hätten. In der Presse sei man komplett missverstanden worden. "Es ging dann mehr Richtung Kunstaktion", interpretiert die 30-Jährige die mystischen Aussagen, mit denen der Künstler in der Boulevardpresse zitiert wurde. Im Nachhinein habe sie den Sinn des Ganzen bezweifelt. "Mir tut die Aktion sehr leid."

"Es ging um das Töten"

Der Staatsanwalt hält an der Geldstrafe fest: "Es ging um das Töten - nicht um das Verspeisen und nicht um Kunst." Richwien habe mit seiner Inszenierung Geld verdienen wollen.

Nussbaums Verteidiger glaubt, dass die Tierschützer mächtig Druck auf den Staatsanwalt ausüben. Nur deshalb sei sein Mandant überhaupt angeklagt worden. Der Anwalt fordert den Freispruch.

Richwiens Verteidiger appelliert noch immer an die "elegante Lösung" und meint die Einstellung des Verfahrens. Die sei schließlich auch Helmut Kohl mit seinen schwarzen Kassen gewährt worden. "Die Androhung, dass wir die nächste und übernächste Instanz in Anspruch nehmen werden, ist ernst gemeint", sagt der Anwalt.

So fallen beim Urteil nur die vorerst letzten Worte in dieser Angelegenheit. Der Richter findet die Idee des Künstlers nachvollziehbar. Aber sie hätte anders dargelegt werden können - ohne den Tod zweier Tiere. Darum sollen Nussbaum und Richwien nun immer noch eine Geldstrafe von 50 beziehungsweise 80 Tagessätzen zahlen.

Für den Künstler ergibt das aber in der Summe nur noch 800 Euro - damit widerspricht dieser Richter seinem Vorgänger. Der hatte gemeint, Richwien sei aufgrund seiner Gesundheit und Intelligenz in der Lage, eine Tätigkeit auszuüben, die ihm mindestens 9000 Euro statt der angegebenen 4000 Euro jährlich einbringen würde. Das sieht der Richter der zweiten Instanz anders: "Künstler dürfen Künstler sein. Ich kann Sie nicht dazu zwingen, etwas anderes zu machen."

* Namen von der Redaktion geändert

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools