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Immer Ärger mit der SM-Haube

Ob Kneipenschlägerei oder Ehekrach: Die Prozesse am Amtsgericht Berlin spiegeln das pure Leben wider. In der neuen stern.de-Kolumne "Icke muss vor Jericht" berichtet Uta Eisenhardt jede Woche über Prozesse mit dem gewissen Etwas. Heute geht's um eine eigenartige Gesellschaftskritik mit Lederhaube, Peitsche und Kondomen.

Moabit hat aufgerüstet: Absperrgitter stehen vor dem Verhandlungssaal, drei Beamte regeln den Einlass. Die im Internet verbreitete Drohung hat auch die Berliner Justiz gelesen: "Hübschen Sie sich bei Bedarf auf, bewaffnen Sie sich mit Schminke, BH's und anderen beliebten Vermummungsaccessoires" stand da auf der Homepage des "Transgenialen CSD", einer aufmüpfigen Schwester der etablierten Christopher-Street-Day-Umzüge.

Herren in schrillen Kleidern und mit bunten Plüschfelltaschen

Fröhlich schwatzend und erwartungsfroh sitzen die Schwulen und Lesben im Gerichtssaal, der bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Die Zuschauer, darunter einige Herren in schrillen Kleidern und mit bunten Plüschfelltaschen, zeigen wenig Respekt vor der deutschen Justiz. Das spürt auch der Richter. Dies ist keine Spaßveranstaltung, sagt er und droht Ordnungsgelder an.

Angeklagt ist Samira Furenga*. Er soll sich im letzten Sommer während des "Transgenialen CSD" mit einer schwarzen Sturmhaube vermummt und damit gegen das Versammlungsgesetz verstoßen haben. Das Gericht bot ihm einen so genannten Strafbefehl an: Gegen Zahlung einer Geldstrafe von 300 Euro würde das Verfahren eingestellt. Doch Furenga lehnte ab, es muss verhandelt werden.

"Für mich ist mein Name offiziell, für die Behörden inoffiziell"

Im lilaschillernden Kleid, mit hochhackigen Schuhen und einer Perlenkette sitzt der 45-jährige Hannoveraner vor dem Richter. Nur halbherzig hat er seine langen Haare nach oben gesteckt. Wirr rahmt die Hälfte der Strähnen ein geschminktes, bartschattiges, nachdenkliches Gesicht. Gegen das kühle, alte Gerichtsgemäuer schützt ein schäbiger, plüschfellbesetzter Damenmantel. Wie er denn heiße, will der Richter wissen. "Samira" antwortet der Angeklagte. Ob das sein offizieller Name sei? "Für mich ist er offiziell, für die Behörden inoffiziell." Also gut, der Richter ist tolerant und verhandelt fortan gegen Frau Samira Furenga. Welchen Beruf üben Sie aus? Sie sei Künstlerin. In welchem Bereich? Beim Film, aber derzeit arbeite sie nicht. Ob sie Kinder habe? Noch nicht, lautet die selbstbewusste Antwort.

Gründlich hat sich Samira auf ihren Solo-Auftritt vorbereitet, hat eine Rede geschrieben, an die sie sich dann doch nicht hält: "Weil mich das so maßlos aufregt." Mehrfach hätte die Polizei an jenem verregneten Junitag "Stress gemacht". Eine Teilnehmerin wurde festgenommen, weil sie sich einen Büstenhalter über das Gesicht gezogen und damit vermummt hatte. Wie blöd muss man eigentlich sein, um eine Frau im BH auf dem CSD fest zu nehmen?, will Samira, die als Moderatorin an der Demonstration teilnahm, gedacht haben.

In solchen Momenten kommen die Requisiten einer politisch bewegten Tunte zum Einsatz, die sie stets bei sich führt, um "gesellschaftliche Missstände anzuprangern". Zu diesen gehören Peitsche, Kondom, Trillerpfeife, Perücke und eben auch eine Sturmhaube, die in der Szene "Hassi" genannt wird. "Damit können wir sofort auf jede Situation reagieren und sie persiflieren", erklärt Samira dem Gericht. Sie zog sich also damals ihre Haube über den Kopf. Für dieses "lächerliche drei Minuten-Häubchen im Gesicht" wurde sie angezeigt.

Performance und keine Straftat

"Das ist wie ein Pawlowscher Reflex bei der Polizei, sobald ein Sturmhäubchen rumflattert, stürzen sie sich drauf", doziert die Angeklagte. Es ginge hier um eine Performance und nicht um eine Straftat. Im übrigen sei so eine Sturmhaube völlig unbequem, die möchte man nicht den ganzen Tag aufsetzen. "Ich unterstelle der Polizei nicht Humorlosigkeit, sondern Böswilligkeit", ruft sie. Samira hat noch mehr zu sagen, nämlich über den schwulen Bürgermeister, der Berlin als arm aber sexy bezeichnet. "Für uns ist das nicht so lustig, denn wir müssen bei Aldi einkaufen."

Vorsichtig unterbricht sie der Richter. Ob sie sich nicht noch zur Anklage äußern wolle? "Da müssen Sie sich etwas gedulden", sagt Samira streng. "Ich habe hier auch Zeit investiert, da müssen Sie schon warten!" Sie möchte nämlich den Polizisten noch wünschen, das sie eines Tages in der Rosa Hölle schmoren, "wo unsereins sie dann peitscht". Samira jedenfalls "würde uns freisprechen" und die Polizisten in die Kreuzberger "Rattenbar" zum Teetrinken einladen. "Putzen vielleicht hinterher", tönt es aus dem Publikum.

Der Herr trat stundenlang unvermummt auf

Die Zuschauer sind zufrieden mit Samiras Vortrag und klatschen wie bei einer Theaterpremiere. Sie jubeln nochmals, als sie das Urteil vernehmen: Einhellig fordern Staatsanwalt und Verteidigerin den Freispruch, den der Richter dann verkündet. Zweifel an der Anklage seien angebracht, sagt der Staatsanwalt, schließlich trat der Herr stundenlang unvermummt als Moderator auf.

Nach diesen Worten verlässt der Polizeibeamte, der die Vermummung bezeugen wollte und auf dessen Aussage der Richter dann doch verzichtete, den Gerichtssaal. So kann er nicht mehr hören, wie der Richter Frau Furenga bescheinigt, die Vermummung habe im Einklang mit dem Demonstrationszweck gestanden und widerspräche nicht dem Versammlungsgesetz. Die Sitzung wird geschlossen, "Ist ja lächerlich!" ruft ein Zuschauer beim Auszug aus dem Verhandlungssaal, vor dem sich die Sympathisanten sammeln. Einige Lesben ziehen sich die mitgebrachten Büstenhalter ins Gesicht. Zufrieden zieht die Schar ins nächste Cafe und hinterlässt auf den Fluren des Moabiter Kriminalgerichts etliche bunte Federn, die aus ihren Boas heraus fielen. Wie liegengebliebenes Konfetti zeugen sie von einer lustigen Veranstaltung.

* Name geändert

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