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Letzter Warnschuss U-Haft

Sie verübten Einbrüche, klauten, randalierten. Nach 40 Straftaten sitzt ein 14-jähriges Zwillingspaar nun erstmals hinter Gittern. Der Fall zeigt, wie schwierig der Umgang mit so jungen Ganoven ist.

Von Malte Arnsperger

  Jugendlicher bei Ladendiebstahl

Jugendlicher bei Ladendiebstahl

  • Malte Arnsperger

Holger und sein Zwillingsbruder Andreas (beide Namen geändert) beschenken sich Anfang Dezember 2012 selber. Wenige Tage nach ihrem 14. Geburtstag steigen sie nachts in ein Pforzheimer Autohaus ein, schnappen sich die Schlüssel von zwei Wagen und fahren los. Der Spaß ist nur von kurzer Dauer, denn nach wenigen Stunden klicken die Handschellen. Für die beiden Jungs ist offenbar weder so ein Einbruch, noch die anschließende Begegnung mit der Polizei etwas Besonderes. Seit Jahren schon sollen sie laut Staatsanwaltschaft in Häuser und Wohnungen eingebrochen sein, in Geschäften geklaut und randaliert haben. Die eine oder andere Prügelei soll auch dabei gewesen sein.

Bis zu ihrem 14. Geburtstag soll jeder der beiden Jungganoven bereits mehr als 40 Straftaten begangen haben. Obwohl das Wort "Straftaten" streng genommen nicht stimmt. Bisher galten Holger und Andreas immer nur als "Straftatverdächtige", denn sie waren stets jünger als 14 Jahre und damit strafunmündig. Die Polizei musste sie immer laufen lassen. Vor Gericht standen sie nie - geschweige denn haben sie jemals ein Gefängnis von innen gesehen.

Erziehungsgedanke im Vordergrund

Doch das hat sich nun geändert. Seit ihrer vorweihnachtlichen Spritztour sitzen die Zwillinge in der Jugendvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Sie dürften dort die jüngsten Häftlinge sein. Denn es ist extrem selten, dass so junge Verdächtige eingesperrt werden. Von mehr als 60.000 Gefängnisinsassen in Deutschland waren 2012 nur 581 jünger als 18 Jahre, gerade einmal zwei waren im Alter von Holger und Andreas. Der Hauptgrund: Im deutschen Jugendstrafrecht steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund, nicht die Bestrafung. Welche Probleme sich daraus ergeben können, zeigt der Fall aus Pforzheim.

Viel erfährt man von den Behörden und den Anwälten nicht über die beiden. Der Persönlichkeitsschutz steht angesichts ihres Alters im Vordergrund. Die Familie soll zerrüttet sein, die Eltern haben sich angeblich kaum um ihre Jungs gekümmert. Diese fehlende Beachtung und die ewige Langeweile zu Hause waren offenbar ein Grund dafür, dass die Zwillinge vor einigen Jahren damit begannen, sich auf wenig sinnvolle Art zu beschäftigen.

Jugendliche Intensivstraftäter

Nach Informationen der "Pforzheimer Zeitung" war im Jahr 2008 ein Mofa die erste Beute der Brüder. Die Polizei will das nicht bestätigen. Nur so viel gibt Polizeisprecherin Maria Logotheti preis: Im März 2011, Holger und Andreas waren gerade mal zwölf Jahre alt, seien sie in Pforzheim bereits als jugendliche Intensivtäter geführt worden. Darunter falle jeder, der mindestens drei Gewalttaten oder zehn andere Straftaten begangen habe. Maria Logotheti: "Die Zwillinge gehören zu den großen Problemfällen in unserer Stadt."

Einsperren kann und will man Holger und Andreas aber (noch) nicht. Die Behörden in Pforzheim versuchen auf andere Weise, die Zwillinge auf den rechten Weg zurückzuführen. Das Jugendamt steht öfter bei der Familie auf der Matte, die Jungs landen nach ihren Taten sogar mehrmals in geschlossenen Heimen. Doch das beeindruckt die Zwillinge wenig. Stets büxen sie nach wenigen Tagen aus, treffen sich und gehen wieder auf Raubzug, oft zu zweit, manchmal dürfen auch Kumpels mitmachen. "Es bedarf dazu schon einer großen kriminellen Energie und sehr geringem Unrechtsbewusstsein", sagt Polizeisprecherin Logotheti.

Wie aus aufmüpfigen Kindern richtige Verbrecher werden

Bernd Holthusen beschäftigt sich seit Jahren mit straffälligen jungen Menschen. "Das Austesten von Grenzen ist zunächst mal völlig normal und jugendtypisch, vor allem bei männlichen Jugendlichen", sagt Holthusen. Der Wissenschaftler vom Deutschen Jugendinstitut in München weiß aber auch, wie aus aufmüpfigen Kindern richtige Verbrecher werden. "Viele von ihnen leben in desolaten Familiensituationen, erleben dort Gewalt. Sie haben Abbrucherfahrungen, haben Scheidungen erlebt oder mussten oft umziehen, die Schule wechseln. Ihnen fehlen der Halt und verlässliche Strukturen, sie können und wollen sich irgendwann auf niemanden mehr einlassen."

Wie solche kriminelle Karrieren im Jugendalter völlig außer Kontrolle geraten können, weiß auch die Münchner Polizei. Ende der 90er Jahre trieb hier Muhlis A., genannt Mehmet, sein Unwesen. Noch als Kind beging er mehr als 60 Straftaten, von Diebstahl über Erpressung bis hin zu Körperverletzung. Als Jugendlicher prügelte er einen Schüler krankenhausreif und griff später sogar seine Eltern an. Auch als Reaktion auf den Fall Mehmet setzt die Münchner Polizei auf den sogenannten "personenorientierten Ermittlungsansatz bei minderjährigen Intensivtätern".

Die Wurzel des Problems freilegen

Ein Polizeisprecher erklärt: "Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher mehrfach auffällig wird, bleibt die Behandlung des Falles, außer bei Mord, beim Fachkommissariat für Jugendkriminalität." Nur so könne man auch strafunmündige Täter wirklich im Auge behalten. Großen Wert lege die Münchner Polizei darauf, "an die Wurzel des Problems zu kommen", sagt der Sprecher. "Wir schauen uns dazu auch das familiäre Umfeld und den Freundeskreis an und geben den Eltern in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ein schriftliches Beratungsangebot, welches ihnen Unterstützung ermöglicht." Offensichtlich mit Erfolg: Insgesamt sind, wie auch im Rest der Bundesrepublik, in den vergangenen drei Jahren die Taten durch Kinder zurückgegangen. In München sank die Anzahl von 1679 auf 1427, deutschlandweit von gut 91.000 auf 85.000.

In Pforzheim gibt es für solche Jugendlichen seit Anfang 2012 das Haus des Jugendrechts, in dem Vertreter der Staatsanwaltschaft, Polizei und des Jugendamtes zusammenarbeiten. Holger und Andreas wurden dort bald zum Thema einer großen Fallkonferenz. Was genau dabei besprochen, und welche Maßnahmen beschlossen wurden, geben die Behörden nicht bekannt. Aber Staatsanwalt Christoph Reichert sagt: "Die Polizei hat ihnen in den vergangenen Monaten immer wieder klar die rote Karte gezeigt und ihnen gesagt, dass es ernst wird, wenn sie über 14 Jahre alt sind."

Wegsperren bringt wenig

Auch das lässt die Brüder kalt, wie sich spätestens im Dezember zeigte. Staatsanwalt Reichert: "Es ist erschreckend, wie wenig sich diese Jungs beeindrucken ließen. Niemand hat sie erreicht. Wir hatten keine Wahl mehr, als sie nun in U-Haft zu stecken, obwohl die letzte Tat an sich nicht so spektakulär war." So richtig wohl ist dem Staatsanwalt nicht dabei. "Man tut Jugendlichen eigentlich keinen Gefallen damit, wenn mit 14 der große Hammer kommt."

Damit spricht der Staatsanwalt dem Jugendexperten Holthusen aus der Seele. Der hält ebenfalls sehr wenig davon, Jugendliche so früh einzusperren. "Damit erreicht man nichts. Wegsperren verlagert das Problem nur und es führt eher zu größerer Straffälligkeit. Die Rückfallquoten liegen bei 60 bis 70 Prozent." Aber auch ihm ist klar: "Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher immer wieder auffällig wird und es nie Konsequenzen gibt, dann tritt irgendwann ein unerwünschter Lerneffekt ein. Diese Spirale muss man unterbrechen." Holthusen rät dazu, so individuell wie möglich auf die Problemkids einzugehen. Denn jedes Kind, jeder Jugendliche habe bestimmte Träume und Wünsche. "Dort muss man sie abholen und ihnen eine Perspektive außerhalb der Kriminalität aufzeigen. Man darf ihr Verhalten nicht entschuldigen, aber man muss versuchen, sie zu verstehen. Nur so kann man junge Straftäter langfristig auf den rechten Weg zurückbringen."

Gang zum Richter als Abschreckung

Das will auch Rainer Wendt, Chef der Polizeigewerkschaft. Er fordert, das Strafmündigkeitsalter von 14 auf 12 Jahre zu senken. Es gehe ihm nicht darum, die jungen Täter hinter Gitter zu bringen. Aber allein der Gang vor den Richter sei meist schon beeindruckend genug. "Kinder wie diese Zwillinge machen doch bislang die Erfahrung: So richtig passiert mir nichts, da kommt nur der liebe Onkel von Jugendamt."

Der Gang vor den Richter steht Holger und Andreas, die alle Taten zugegeben haben, noch bevor. Schon im Februar wird gegen sie verhandelt: Anklageerhebung und Terminsuche im Schnellverfahren. Lob dafür kommt von den Verteidigern der Zwillinge: "Staatsanwaltschaft und Jugendgericht haben hier sehr gut und zügig gehandelt", sagt Anwalt Mathias Bürkle. Und er gibt zu: "Auch wenn die Haft hart ist für die beiden Jungs: Vielleicht musste es mal sein. Aber eine langfristige Lösung ist das natürlich nicht."

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