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Steinwurf auf der A7: Als ein Zwölf-Kilo-Stein die heile Welt der Famlie Ö. zerstörte

Der Mann, der einen riesigen Klotz auf die Autobahn gewuchtet haben soll, steht ab Donnerstag vor Gericht. Warum warf er den Stein auf die Autobahn? Einblicke in die vorige Bewährungsstrafe von Jörg B. und das Leid der Familie Ö.

Von Ingrid Eißele und Isabel Stettin

Unfallstelle auf der A 7

Der 25. September 2016 in den frühen Morgenstunden: Feuerwehr und Polizei sichern die Unfallstelle und die Spuren auf der A 7 bei Giengen

Die Zeichen sind noch nicht verblasst. Mehrere helle Kreise und Striche haben die Polizisten auf den Asphalt der A7 gesprüht, daneben rote Buchstaben, TO 1, TO 2. "TO" steht für Tatobjekt, in diesem Fall für Bruchstücke eines zwölf Kilo schweren Betonbrockens, der im vergangenen September hier, in der Nähe des baden-württembergischen Städtchens Giengen, auf die Fahrbahn knallte. An einem Sonntagmorgen gegen 1.45 Uhr muss er über das Geländer der Brücke gewuchtet worden sein. Vermutlich nur Sekunden bevor der Citroën der Familie Ö. die Stelle des Aufpralls erreichte. Für Serdal Ö., seine Frau Deniz und ihre beiden kleinen Kinder ist seitdem nichts mehr, wie es war.

Serdal Ö. sitzt im Wohnzimmer auf dem schwarzen Ledersofa und spricht über das Leben danach. Auf dem Boden ein gelbes Plüsch-Pokémon, ein Spielzeugauto. An der Wand ein weißer Rahmen mit Fotos vom glücklichen Leben davor.

Inzwischen ist es Ende Januar. Ö.s gebrochenes Becken ist verheilt, er wagt sich wieder ans Steuer, in den nächsten Tagen will der Lagerist zur Arbeit zurückkehren. Er ist froh, dass die ein paar Tage zuvor Anklage erhoben hat gegen den mutmaßlichen Täter. Dass es bald zum Prozess kommen wird. Aber der Schrecken über das, was so plötzlich, so aus dem Nichts geschehen kann – er bleibt.

Am Morgen ist Serdal Ö. bei einem Traumatherapeuten gewesen, wie jeden Mittwoch. Am Nachmittag wird er seine Frau in der Reha besuchen, wie jeden Tag. 20 Kilometer entfernt von Mann und Kindern kämpft Deniz mit ihrem Schicksal: Schädelbasisbruch, Hirnblutung, gebrochene Hals- und Brustwirbel. Anfangs war sie vom Kopf abwärts gelähmt. Ihr rechter Unterschenkel musste amputiert werden. Gerade versucht sie, die ersten Schritte mit einer Prothese zu gehen. Die Ärzte sagen, sie habe noch Glück gehabt.

Serdal Ö. schrie: "Deniz, passt auf!"

Damals, an diesem frühen Sonntagmorgen im September, saß Deniz Ö. auf dem Beifahrersitz. Hinter ihr schliefen Tochter Halimenisa, sechs, und Sohn Yusuf, damals vier, in ihren Kindersitzen. Die Familie war auf dem Heimweg von einer Hochzeitsfeier, direkt hinter ihnen fuhr Serdals Bruder.

Es blieben nur Bruchteile von Sekunden, als Serdal Ö. plötzlich wahrnahm, dass etwas auf der Fahrbahn lag. Er schrie: "Deniz, passt auf!" Dann zerfetzte der Reifen. Das raste die steile Seitenböschung empor, überschlug sich mehrfach, und als Serdal Ö. wieder aufwachte, hing er kopfüber in seinem Gurt. Neben ihm: Deniz, reglos. Die Rückbank: leer. "Wie in Trance" befreite er sich aus dem zerquetschten Wagen, stieg den Hang hinauf durch die Dunkelheit. Und fand seine beiden Kinder, auf beiden Beinen stehend, kaum verletzt, ein Wunder. Sie waren aus dem Fahrzeug geschleudert worden. Serdal Ö. rannte zurück, versuchte, seiner bewusstlosen Frau zu helfen. Trotz seines gebrochenen Beckens, mehrerer Rippenbrüche, seines verletzten Knies. "Ich habe funktioniert wie eine Maschine", sagt er. "Erst als der Rettungswagen kam, bin ich zusammengebrochen."

Bilder im Haus der Familie Ö.

Im Haus der Familie Ö. hängen Bilder aus besseren Tagen. Oben: Hochzeitsfotos und alte Porträts von Serdal und Deniz Ö., daneben die Kinder. Unten: Deniz Ö. und ihre Eltern


Wer tut so etwas? Und warum? Seit die Ö.s erfahren haben, dass der Stein, der sie aus ihrem alten Leben riss, nicht zufällig auf der Autobahn lag, quält sie diese Frage. Noch in der Unglücksnacht bildete die Kriminalpolizei Ulm die Sonderkomission "Crash" mit 20 Beamten. Und ihnen gelang, was längst nicht immer gelingt in derartigen Fällen: Sie fanden einen Verdächtigen. Sie stellten fest, dass der Quader von einem nahe gelegenen Flugplatzgelände stammte, auf dem unter einer Schutzfolie eine ganze Palette voller großer Betonsteine abgestellt war. Und sie entdeckten an der Schutzfolie und an den Betonbrocken von der Fahrbahn Spuren einer DNA, die sich auch in der Datenbank des Landeskriminalamts fand. Es war die DNA eines Mannes, der nur fünf Kilometer vom Tatort entfernt wohnte. Die verlor keine Zeit.

Am frühen Mittwochabend, nur vier Tage nach der Tat, umzingelten 35 Beamte das Grundstück am Rand einer Kleingartensiedlung, auf dem Jörg B. hauste. Ein Fluchtversuch scheiterte, der heute 37-Jährige wurde verhaftet – und gab zu, den Stein auf die Autobahn geworfen zu haben. Es sei "halt so passiert", sagte er. Und es war nicht sein Verteidiger, sondern der Staatsanwalt, der versicherte, dem Verdächtigen sei bei seiner Festnahme "nicht gegenwärtig" gewesen, weshalb die Polizei überhaupt bei ihm war.

Jörg B. ist krank, das haben inzwischen verschiedene Ärzte so festgestellt. In den Jahren vor dem Steinwurf lebte er sowohl in einem Schwesternwohnheim, das auch andere Mieter aufnimmt, als auch in der Gartenhaussiedlung auf einer Parzelle ganz am Rand, fast schon im Wald. In einer einfachen Hütte ohne Wasseranschluss und Strom. Oder in einem Zelt davor. Ein Sonderling mit langen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Einer, der immer mal wieder mit der Polizei zu tun hatte. Dem man Beleidigung vorwarf, Diebstahl und Sachbeschädigung.

Das letzte Gutachten über Jörg B. stammt aus dem Jahr 2013

Das letzte Gutachten über Jörg B. stammt aus dem Jahr 2013. Damals stand er wegen einer gewichtigeren Sache vor Gericht. Es ging um illegalen Waffenbesitz – und einen Vorfall, der viel über Jörg B. und seine innere Welt erzählt.

Es war ein Julinachmittag des Jahres 2012, als der Polizist und Jagdpächter Fritz B. mit seinen Hunden im Wald bei Heidenheim spazieren ging. Ein Radfahrer fiel ihm auf, der "energisch" an ihm vorbeifuhr. Kurze Zeit später hörte er mehrere Schüsse. Er entdeckte den Radfahrer, der mit einem Metallrohr, etwa 20 Zentimeter lang, auf eine Scheibe an einem Baumstamm zielte. Fritz B. fragte den Mann, was das solle. Der Schütze drehte sich zu ihm um und sagte mit ruhiger Stimme: "Entweder du gehst und vergisst das hier. Oder ich leg dich um."


Fritz B. ging – und verständigte die zuständigen Kollegen der Polizei. Kurz darauf wurde Jörg B. festgenommen, wobei er einem Beamten gegen das Schienbein trat. In seiner Tasche wurden zwei selbst gebaute Schusswaffen gefunden.

Wie gefährlich ist dieser Mann?

Der folgende Prozess sollte vor allem eine wichtige Frage klären: Wie gefährlich ist dieser Mann? Jörg B. erklärte, er habe ein Recht darauf, Waffen zu besitzen, um sich zu verteidigen, er denke "amerikanisch". Er sprach gern und ausführlich über seine Erfindungen. Zum Beispiel den Fahrradanhänger, den man zum Zelt umfunktionieren könne. Vergleiche mit Albert Einstein und Leonardo da Vinci erschienen ihm angemessen.

Unfallwrack auf der A 7

Das Wrack des Autos von Familie Ö. nach dem schrecklichen Unfall im September 2016


Ein psychiatrischer Gutachter bescheinigte B. schließlich eine "atypische undifferenzierte Schizophrenie". Der Angeklagte leide an einer "feindseligen destruktiven Wahnhaftigkeit", er empfinde eine "existenzielle Bedrohung" und baue sich darum "Hilfswaffen, um sich gegen die böse Welt zu verteidigen". Doch es gehe ihm nicht darum, "andere anzugreifen oder zu gefährden". Solange er sich nicht in die Enge getrieben fühle. Für eine Unterbringung in der Psychiatrie sah der Gutachter durchaus Voraussetzungen gegeben – sie erschien ihm aber nicht zwingend.

Jörg B., so viel wurde im Prozess 2013 deutlich, musste als Grenzfall gelten. Einerseits begegnete er der Welt voller Misstrauen. Er lehnte ihre Regeln ab. Und bis zu diesem Zeitpunkt hatte er auch ihre Hilfsangebote abgelehnt – obwohl gerade Schizophrenie als sehr gut behandelbar gilt.

Andererseits: Ein Richter darf einen psychisch Kranken nur dann in die Psychiatrie zwingen, wenn er ihn für gefährlich hält. Bei Jörg B. konnte der Richter jedoch keine eindeutige "Drittgefährdung" erkennen. Schließlich habe er sich bei seinen Schießübungen tief in den Wald zurückgezogen, den Jäger zwar bedroht, aber nicht auf ihn geschossen.

Leise Zweifel der Richter: Es bleibe ein "Restrisiko"

Das Gericht beschloss, Jörg B. eine Chance zu geben, und verhängte eine Bewährungsstrafe. Auch in der Hoffnung auf den Einfluss der Mutter, die seine gesetzliche Betreuerin war. Jörg B. zog sich in seine Hütte zurück, begleitet von leisen Zweifeln des Richters: Es bleibe "ein Restrisiko".

In der Zeit danach war Jörg B. viel mit seinem Fahrrad unterwegs, Förster sichteten ihn in Revieren, weit entfernt von der Gartenhaussiedlung. Manchmal waren Schüsse aus dem tiefen Wald zu hören. Zu seiner Familie hatte B. oft wochenlang keinen Kontakt. Und manch anderer Kontakt zur Welt verlief unerfreulich.

Ein Nachbar aus der Siedlung erzählt, B. habe ihn beschimpft, als er es ablehnte, dessen Holzabfälle mit den eigenen zu verbrennen. Und im Wohnheim empfanden ihn Nachbarinnen als bedrohlich. "Psycho" hätten sie ihn genannt, sagt eine junge Frau. Er habe sie beim Telefonieren belauscht und sie angeschrien. Sie sei in ein Auto geflüchtet, er habe es dann sogar beschädigt. Sie habe Jörg B. angezeigt, das Verfahren sei aber eingestellt worden. "Die Polizei sagte uns, es brauche mehr Speck, auf gut Deutsch: Er muss mich erst schlagen."

Er will diesen Mann sehen, ein einziges Mal

Wenn nun vor dem Landgericht im schwäbischen Ellwangen der Prozess beginnt, wird Serdal Ö. als Nebenkläger dabei sein. Der Staatsanwalt hat Jörg B. wegen vierfachen Mordversuchs, gefährlicher Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr angeklagt. Ö. hat erfahren, dass der Mann, der sein altes Leben zerstört hat, ein kranker Mann sein soll. Wenn er zu seiner Frau Deniz fährt, spricht er kaum darüber. "Ich weiß nicht, wie es bei ihr da drinnen aussieht. Sie will nur auf die Beine kommen", sagt Serdal Ö. Sie müssen die Wohnung behindertengerecht umbauen. Vielleicht geht das auch nicht, und sie müssen ausziehen aus dem Haus, das nahezu abbezahlt ist. Serdal Ö. sagt, dass er wütend sei auf den mutmaßlichen Täter, aber ihn nicht hasse, diesen kranken Mann. Und dass ohnehin alles, was einem Menschen geschehe, schon geschrieben stehe im "Buch seines Lebens". Serdal Ö. sinnt nicht auf Rache. Er will diesen Mann aber sehen, ein einziges Mal. "Um zu begreifen, was das für ein Mensch ist, der so etwas machen kann."

Holzhütte des mutmaßlichen Steinewerfers

Eine Holzhütte am Waldrand, ohne Wasseranschluss und Strom: Hier lebte der mutmaßliche Täter, nur fünf Kilometer entfernt vom Unfallort an der A 7


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