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Warum Litwinenkos Mörder nichts zu befürchten haben

In London wurde der lang erwartete Untersuchungsbericht zum Mord an Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko präsentiert. Er lässt eigentlich keine Fragen offen. Eigentlich. Für die Täter wird er trotzdem keine Folgen haben.

Von Michael Streck, London

Marina Litwinenko

Marina Litwinenko, Witwe des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko, und ihr Sohn Anatoly bei der Pressekonferenz in London

Marina Litwinenko ist eine tapfere Frau. Sie kämpfte neun Jahre für Gerechtigkeit, unterstützt von ihrem Sohn Anatoly, von Anwälten und Menschenrechtsorganisationen. Am Tag, ehe der lang erwartete Untersuchungsbericht zum Mord an ihrem Mann Alexander endlich veröffentlicht wurde, gab sie der BBC ein Interview, und es war klar, worum ihr es ging: "Closure" heißt es im Englischen, um Abschluss und die Hoffnung auf gerechte Strafe für jene Männer, die vor zehn Jahren nach London reisten und den Kreml-Kritiker und Agenten Litwinenko gleich zweimal mit Polonium vergifteten.

Den ersten Versuch überlebte er, den zweiten nicht. Am 23. November 2006 verstarb er, 43-jährig, in London, ausgemergelt und gezeichnet von jenem Gift, das ihm allen Anschein nach seine Landsleute Dmitri Kowtun und Andrej Lugowoi in den grünen Tee gemischt hatten.

Der Report zum Mord ist 330 Seiten stark

Fast zehn Jahre später nun präsentierte der Richter Sir Robert Owen seinen 330 Seiten starken Report. Es ist, wie nicht anders zu erwarten eine großartige Faktensammlung geworden. Owen, einst Richter am High Court, lässt darin kaum Fragen offen. Er analysiert, er sammelt, er stellt zusammen, das alles ist erdrückend und beklemmend und in der Sache eindeutig.  

Seine Schlussfolgerung aber enthält ein wichtiges Wort: wahrscheinlich.

Wahrscheinlich, heißt es dort, habe Wladimir Putin den Mord gebilligt. Die Vokabel "wahrscheinlich" wirkt in diesem Zusammenhang wie ein sprachlicher Notausgang. Allerdings: Wer konnte etwas anderes erwarten?

Die Erkenntnisse kommen nicht überraschend. Und sie gaben dem Kreml bereits am Tag vor der Veröffentlichung Zeit, die Vorwürfe zu dementieren und als „absurd“ zurückzuweisen. Die Tonlage verschärfte sich sodann noch. Das russische Außenministerium erklärte, der Report diene vor allem dem Ziel, „unser Land zu dämonisieren".

So ging es hin und her zwischen Moskau und London. Die beiden Mörder, Kovtun und Lugowoi, beide längst zurück in Russland, hielten sich allerdings bedeckt. Lugowoi, inzwischen selbst Politiker, schloss sich der offiziellen Sprachregelung an: "absurd".

Das ist es gewiss nicht.

Owens Report zeichnet minutiös nach, wie die beiden Agenten mehrmals nach London reisten, den unliebsamen Dissidenten und Kreml-Kritiker trafen und ihn bereits Mitte Oktober 2006 schon einmal vergiften wollten. Die Dosis reichte nicht, Litwinenko glaubte an eine Lebensmittelvergiftung. Und also kam es zwei Wochen später zu jenem fatalen Treffen in der "Pine"-Bar des Londoner Millenium-Hotels im feinen Stadtteil Mayfair. Litwinenko nahm, wie er sich erinnerte, "drei oder vier" Schlucke grünen Tee, trank nicht einmal aus und hatte obendrein ein schlechtes Gefühl, "weil ich es nicht mag, wenn andere Leute für mich bezahlen". Er verließ das Hotel mit der Ahnung, dass etwas nicht stimmte, wie er noch auf dem Totenbett formulierte, "ich wusste, dass sie mich töten wollten". Seine Ahnung trog ihn nicht.

Eine radioaktive Spur wie der "Krümelpfad" von Hänsel und Gretel

Die Täter, offenkundig beauftragt vom russischen Inlandsgeheimdienst, hinterließen eine radioaktive Spur quer durch London, die Ben Emmerson, Anwalt der Familie, an den "Krümelpfad von Hänsel und Gretel erinnerte". Man fand feine Polonium-Rückstände in Hotels, Flugzeugen und sogar im Stadion des FC Arsenal. Insgesamt wurden an 200 Orten in London radioaktive Spuren nachgewiesen. Der Leichnam war derart verseucht, dass der Sarg mit einer Bleischicht ausgeschlagen werden musste. Bei der späteren Exhumierung trugen die Sachverständigen doppelte Schutzanzüge wegen der immensen Strahlung.

Die Spuren führten auch nach Hamburg, wo Kovtun, ein ehemaliger Soldat, jahrelang wohnte, verheiratet war, von Sozialhilfe lebte, sich mit Gelegenheitsjobs als Kellner im Portugiesenviertel durchschlug und nach Aussagen seiner Lebensgefährtin von einer Karriere als Porno-Star träumte.

Heute ist er ein Geschäftsmann in Russland. Und muss, so wie es scheint, trotz jener 330 Seiten Fakten nichts fürchten.

Denn das ist die Crux des Reports, der Arbeit von mehr als einem Jahr. Die Mörder bleiben frei – und die politischen Folgen eher überschaubar. Die britische Regierung bestellte den russischen Botschafter ein, sie wird die Konten von Lugowoi und Kovtun einfrieren. Ein internationaler Haftbefehl erging von Interpol. Und die britische Innenministerin Theresa May verurteilte wortreich die Taten, kritisierte Russland und nannte die Schlussfolgerung Owens, "zutiefst verstörend".

Die politische Großwetterlage diktiert die Reaktion

Aber jenseits davon wird nicht viel passieren. Die politische Großwetterlage diktiert die Reaktion. Denn London ist vor allem an Entspannung mit Moskau interessiert. Die Russen sind im Kampf gegen den IS ein strategischer Partner in Syrien, und in Zeiten wie diesen wichtiger als noch vor einem Jahr.

Marina Litwinenko, die tapfere Witwe, stand am Donnerstagmorgen vor dem High Court und verlas eine Stellungnahme im Blitzlichtgewitter. Sie bedankte sich bei Robert Owen und bei der britischen Regierung. Sie sagte, dass angesichts der Faktenfülle auf wirtschaftliche Sanktionen hoffe und Reiseverbote für die Schuldigen und Putin.

Und während sie dort stand und sprach, wusste sie schon sehr genau, dass genau das nicht passieren würde.

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