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Tim K. erschoss sich selbst

Erschütternde Bilanz des Amoklaufs in Winnenden: Der 17-jährige Tim K. hat in der Albertville-Realschule neun Schüler und drei Lehrer getötet. Auf der Flucht nahm er drei weiteren Menschen das Leben. Schließlich schoss er sich nach einem Feuergefecht in den Kopf. Das schnelle Eintreffen der Polizei an der Schule verhinderte möglicherweise noch mehr Opfer.

Entsetzen und Fassungslosigkeit in der baden-württembergischen Kleinstadt Winnenden: Ein 17-jähriger Amokläufer hat am Mittwochmorgen in der Albertville-Realschule und auf der Flucht 15 Menschen erschossen, ehe er nach einer Verfolgungsjagd von der Polizei im 40 Kilometer entfernten Wendlingen gestellt wurde und sich das Leben nahm. Ein Polizeisprecher korrigierte am Nachmittag frühere Angaben, wonach es insgesamt 17 Opfer gegeben habe, und machte einen Übermittlungsfehler dafür verantwortlich.

Später berichtete die Polizei, wie Tim K. seine Opfer getötet hat. Er schoss nicht wild um sich, sondern richtete mit seiner 9-Milimeter-Pistole acht Schüler per Kopfschuss. Er sei gezielt in eine neunte und eine zehnte Klasse gegangen, habe also 15- und 16-jährige Schüler getötet. In diesen Klassen sei seine Identität bekannt gewesen.

Auch korrigierten die Beamten die Informationen, wonach Tim K. erschossen wurde. Die Polizisten hatten ihn vor einem Autohaus in Wendlingen bei einem Schusswechsel am Bein getroffen. Daraufhin habe er sich mit einem Kopfschuss selbst gerichtet. Zuvor hatte er zwei Polizisten verletzt.

Gekidnappter Autofahrer informierte die Polizei

Tim K. hatte um 9.30 Uhr in schwarzer Militärkleidung seine ehemalige Schule Schule in Winnenden betreten. Nachdem der 17-Jährige neun Schüler und drei Lehrer getötet hatte, flüchtete er zu Fuß in die Innenstadt und schoss auf zwei Passanten, davon wurde einer getötet, der andere verletzt. Anschließend habe der Täter einen Autofahrer gezwungen, ihn in Richtung Wendlingen im Landkreis Esslingen zu fahren, hieß es.

An einer Bundesstraße nahe einer Autobahnauffahrt ließ Tim K. den Angaben zufolge den Wagen und den Fahrer zurück. Dieser informierte die Polizei darüber, dass der Amokläufer zu Fuß in Richtung des nahegelegenen Industriegebietes unterwegs sei. Tim K. drang in ein VW-Autohaus ein und erschoss dort einen Angestellten und einen Kunden. Nachdem er das Gebäude verlassen hatte, kam es zu oben beschriebenem Schusswechsel.

Tim K. stammte aus Weiler zum Stein, das zu Leutenbach gehört. Er hatte nach Polizeiangaben die Realschule mit einem Abschluss verlassen, gerade eine Ausbildung begonnen und sei völlig unauffällig gewesen. Der Vater, Mitglied im Schützenverein, besitze legal mehrere Schusswaffen, eine davon sei bei der Hausdurchsuchung nicht gefunden worden. Die Eltern wurden nach Angaben der Polizei am Nachmittag von Beamten vernommen. Außerdem untersuchte die Spurensicherung das Haus. Die Tatwaffe stammte aus dem Bestand des Vaters. Die Tür zum Waffenschrank war nach Polizeiangaben nicht verschlossen.

Ein ehemaliger Klassenkamerad beschrieb Tim K. als Einzelgänger. "Er saß den ganzen Tag eigentlich nur daheim vor dem Computer", sagte Mario H. dem Sender Hit-Radio Antenne 1. Der 17- Jährige sei ein "zurückhaltender, ruhiger Typ" gewesen. "Ich hätte vor ihm andere, ehemalige Klassenkameraden vermutet, als ich den Namen noch nicht gehört hatte." Seit er elf, zwölf Jahre alt war, habe der Amokläufer "diese Spielzeugwaffen, diese Softair" gehabt, berichtete Mario H. "Manchmal auf dem Spielplatz hat er mit anderen aus der Klasse oder aus der Umgebung aufeinander geschossen."

Über das Motiv des Amokläufers kann bisher nur gerätselt werden. Ob er sich möglicherweise von dem Amoklauf im US-Bundesstaat Alabama, wo in der Nacht zu Mittwoch elf Menschen getötet wurden, beeinflussen ließ, ist unklar.

"Ein Tag der Trauer für ganz Deutschland"

Politiker reagierten entsetzt. Bundespräsident Horst Köhler sagte in einer ersten Reaktion: "Mit Entsetzen und Trauer haben meine Frau und ich von dem Amoklauf in Winnenden erfahren. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und Freunden. Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief verbunden." Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sprach von einer "grauenvollen und in keiner Form erklärbaren Tat". Er drückte den betroffenen Eltern und Mitschülern sein Mitgefühl aus: "Betroffen ist ganz Baden-Württemberg." Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich fassungslos: "Es ist ein Tag der Trauer für ganz Deutschland."

Rund 1000 Einsatzkräfte hatten nach dem Amoklauf versucht, den Täter zu finden sowie Schüler und Passanten in Sicherheit zu bringen. Die Realschule, die von 580 Schülern besucht wird, wurde evakuiert, das Gebiet weiträumig abgesperrt. Auch Teile der Innenstadt wurden abgesperrt. Die Polizei forderte Autofahrer auf, keine Anhalter mitzunehmen.

"Die ganze Stadt gleicht einer Festung", schilderte ein Augenzeuge die Situation. "Es herrscht blankes Entsetzen." Auf dem angrenzenden Gelände einer psychiatrischen Klinik fielen ebenfalls Schüsse. "Ich habe sechs bis sieben Schüsse gehört. Ich darf meine Station nicht mehr verlassen", sagte eine Sprecherin der Klinik. Auch andere Augenzeugen berichteten von Schüssen und Schreien. Eine Schülerin sagte, sie habe zunächst an einen üblen Scherz gedacht. Dann habe sie gesehen, wie andere aus dem Fenster gesprungen seien. Dann sei sie auch losgerannt.

Schnelles Eintreffen der Polizei verhinderte offenbar weitere Opfer

Nach Angaben von Innenminister Heribert Rech (CDU) bot sich den beiden Interventionsteams der Polizei in Winnenden Augenblicke nach dem Notruf ein "grauenvolles Bild" in der Schule. Sie hätten in dem Gebäude die neun toten Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren und drei toten Lehrerinnen, darunter eine junge Referendarin, aufgefunden. Rech erklärte, dass bereits zwei Minuten nach dem ersten Notruf Beamte an der Schule gewesen seien. Damit habe man möglicherweise noch mehr Opfer verhindert. Dafür spreche auch die Flucht des Täters bei Eintreffen der Polizei sowie die große Menge der zurückgelassenen Munition.

Landespolizeipräsident Erwin Hetger sagte: "Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt." Die Realschule ist zusammen mit einem Gymnasium in einem Schulzentrum mit insgesamt 1000 Schülern untergebracht. Die Schüler werden nach Angaben des baden-württembergischen Innenministeriums medizinisch und psychologisch betreut.

Auch Stunden nach dem Amoklauf war die Albertville- Realschule weiter abgeriegelt. Gerichtsmediziner und Experten der Kriminaltechnik untersuchten den Tatort und sicherten die Spuren. "In der Schule werden Tatortaufnahmen gemacht", erklärte Hetger. "Ich war selbst drinnen. Das kannst du nicht verkraften. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd."

Die Bluttat ruft Erinnerungen an den Amoklauf von Erfurt wach: Am 26. April 2002 hatte ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums innerhalb weniger Minuten 16 Menschen und dann sich selbst erschossen. Die Stadt Erfurt und das Land boten Baden-Württemberg Hilfe bei der Betreuung von Schülern oder der Angehörigen von Opfern an. Es könnten kurzfristig speziell geschulte Notfallpsychologen entsandt werden, erklärte Kultusminister Bernward Müller (CDU).

Infohotline des Regierungspräsidiums Stuttgart für betroffene Eltern:

0711 / 90440149

mad/DPA/AP/AP/DPA
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