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Amerikas gefährliche Rassisten

Laxe Waffengesetze und die Angst der Weißen vor ihrem Niedergang führen in den USA immer wieder zu Tötungsdelikten mit rassistischen Motiven. Wer sind diese gefährlichen Mörder?

Von Tobias Ochsenbein

Trayvon Martin wollte sich nur ein paar Süßigkeiten kaufen. Auf dem Nachhauseweg am Abend des 26. Februars 2012 nahm der 17-jährige eine Abkürzung durch eine bewachte Wohnanlage in Sanford bei Orlando, Florida. Trayvon war schwarz, er versteckte seinen Kopf unter einem Kapuzenpulli. Für George Zimmermann von der Bürgerwache im Quartier Grund genug, sofort die Polizei zu verständigen. Der Junge stehe wohl unter Drogen und verstecke seine Hände in den Taschen, sagte er der Polizei. "Diese Arschlöcher entkommen immer". Trayvon telefonierte zum Tatzeitpunkt mit seiner Freundin. Diese wird später sagen, dass sie durchs Telefon hörte, wie ihr Freund angeschrien und geschlagen wurde. Dann hörte sie den Schuss in die Brust, den Trayvon tödlich verletzte - und schließlich Stille.

Am vergangenen Sonntag hat erneut ein Blutbad im US-Bundesstaat Wisconsin weltweit Schock und Entsetzen ausgelöst. Auch in diesem Fall hatte der Täter wahrscheinlich rassistische Motive, als er sechs Menschen in einem Sikh-Tempel erschoss. Die Behörden gehen von "heimischem Terrorismus" aus. Medien identifizierten den Schützen als den 40 Jahre alten Ex-Soldaten Wade Michael Page, der 1998 wegen wiederholten Ungehorsams aus dem Militär entlassen worden sei. Nach "CNN"-Berichten war der Schütze Mitglied einer Neonazi-Band. Er habe mit seiner Freundin zusammengelebt, sei verschlossen und „widerborstig“ gewesen, hieß es unter Berufung auf Nachbarn. Vertreter einer Bürgerrechtsorganisation bezeichneten Page als bekannten Extremisten, der glaubte, die weiße Rasse sei anderen überlegen. Er soll eine Gruppe solcher Eiferer angeführt haben. Die Behörden wollten diese Berichte weder bestätigen noch dementieren. Augenzeugen wollten beim Täter eine Tätowierung gesehen haben, die an „9/11“ erinnert habe.

Lizenz zum Töten

Die beiden Fälle offenbaren zweierlei aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Outlaws wie Zimmermann oder Page, die ihre Waffe zücken und scheinbar wahllos Leute erschießen, um ihren Hass auf Fremde zu stillen, berufen sich auf ein Gesetz, dass an den Wilden Westen erinnert: Waffenträger müssen keine weiße Weste haben, und genau das macht das Gesetz so unglaublich bedrohlich: Auch Ex-Häftlinge und Vorbestrafte, die als gefährlich und gewalttätig gelten, können eine Waffe haben. "Stand your Ground" oder "John-Wayne-Gesetz" heisst das Gesetz und kommt einem Blankocheck zum Töten gleich - für jeden, der sich bedroht fühlt. Eingeführt 2005 von Jeb Bush, dem jüngeren Bruder des damaligen US-Präsidenten George W. Bush, mit Hilfe der Waffenlobby National Rifle Association (NRA).

Andererseits zeigen die Fälle auch, dass sich viele Weiße wie Page und Zimmermann offenbar von anderen Ethnien bedroht fühlen. Ein Bericht des US-Zensus vom August 2008 besagt: Im Jahr 2042 werden die Weißen in den USA zum ersten Mal eine Minderheit stellen. Schwarze, Asiaten und vor allem die rasant wachsende ethnische Gruppe der Hispanics werden in Zukunft in Amerika in der Mehrheit sein. Das typisch amerikanische Urbild - weiß, protestantisch, patriotisch und angelsächsisch - wird spätestens dann ausgedient haben. "Joe the Plumber" stirbt aus. Genau in diesem amerikanischen Schmelztiegel gibt es mehr Bruchlinien und Trennendes als man von außen gemeinhin wahrnimmt. Gemeinsam mit dem Waffenarsenal in privaten Händen ist dieser Rassismus Brennholz für einen gewalttätigen Flächenbrand.

Das letzte Aufbäumen?

Denn hier scheint es sich nicht bloß um eine Identitätskrise einzelner weißen Rassisten zu handeln. Vielmehr zeigt es die Angst vor einem Statusverlust, die anscheinend immer mehr Weiße dazu treibt, sich mit nationalistischen Gruppen zu solidarisieren, "Stormfront", "Nationalist Coalition", "American Renaissance" oder dem Ku-Klux-Klan. Gruppierungen allesamt, die als Sammelbecken für Rechtskonservative und Neonazis dienen, und die einen rasanten Mitgliederanstieg verzeichnen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die jüdische Anti-Diffamierungs-Liga, die den Ku-Klux-Klan aufmerksam beobachtet, spricht von einem "Erwachen", einem "Aufrüsten", einem "Widerstand von rechts".

Vielleicht sind die Taten dieser weißen Rassisten ein letztes Aufbäumen. Ein letzter Versuch, die alte Zeit zurück zu bekommen. Die Zeit, in der vermeintlich alles besser war für einen Weißen in Amerika.

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