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Das Dreckloch

Der Salzstock Asse löst sich langsam auf. In ihm liegt nicht nur atomarer Abfall, sondern auch Arsen und Blei. Das "Versuchsendlager" wird zu Deutschlands gefährlichster Deponie.

Von Wolfgang Metzner

Man sieht nichts. Man spürt nichts. Man ahnt nicht, was man unter den Füßen hat, wenn man zwischen Buchen und Wiesen die Wanderwege an dem sanften Höhenzug bei Wolfenbüttel hochsteigt. Weit oben, halb versteckt in einer Senke, ein ehrwürdiger Förderturm und alte Backsteingebäude, wie aus einem Industriemuseum. Darunter liegt eine Zeitbombe, die lautlos tickt.

490 Meter rauscht der Förderkorb in dem dunklen Schacht in die Tiefe, zehn Meter pro Sekunde. Am Ziel, im Zwielicht einer Wandnische, bewacht die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, den Eingang zu einer monströsen Unterwelt: 14 Geschosse aus kilometerlangen Tunneln und kirchengroßen Kammern. Irgendwo hier, in verschlossenen, lichtlosen Hohlräumen, verrotten 126.000 Fässer mit radioaktiven Abfällen, während Wasser an Stalaktiten von der Decke tropft.

"Atommüll hätte niemals hier eingelagert werden dürfen", sagt Wolfram König, Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, "jeden Tag fangen wir hier unten zwölf Kubikmeter Wasser auf, die aus dem Deckgebirge einsickern." König, neben dem ein Strahl wie aus einem Badewannenhahn in ein Becken plätschert, ist seit Jahresbeginn für die "Asse II" zuständig, nachdem der frühere Betreiber die Probleme in dem "Versuchsendlager" jahrelang verharmlost und die Flüssigkeit einfach verklappt hatte. Seine Behörde soll jetzt das marode Bergwerk sanieren, und König ist inzwischen sicher, dass er "eines der größten Umweltprobleme Deutschlands" geerbt hat: Das Desaster um das strahlende Dreckloch hat noch dramatischere Dimensionen, als bisher bekannt war (siehe stern Nr. 8/2008). "Keiner kann sagen, ob nicht morgen oder übermorgen unaufhaltbare Wassermengen zutreten", sagt König, "dann könnten ganze Pfeiler und Kammerdecken zusammenbrechen." Und immer wieder kommen neue Skandale um die Altlast ans Licht.

Einzementiertes Arsen

Denn in dem ehemaligen Salzbergwerk sind nicht bloß schwach- und mittelaktive Nuklearabfälle untergebracht worden. In der Asse schlummert auch das Gift Arsen. Als die Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften AG im Jahr 1967 Pflanzenschutzmittel loswerden wollte, fand sie einen willigen Abnehmer in der Münchner Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), damals Betreiber der Atomkippe. Nach kurzem Schriftwechsel - "Wir hoffen, Ihnen damit gedient zu haben" - wurde ein 50-Liter-Fass mit einzementiertem Arsen auf die 750-Meter-Sohle versenkt.

Niemand weiß, wie dicht es heute noch ist. Nach einem internen Inventar von 2003 liegen hier insgesamt 497 Kilogramm Arsen unter der Erde - 0,1 Gramm können für einen Menschen tödlich sein. Dazu kommen weitere hochgiftige Stoffe wie Quecksilber, Cyanide und mehrere Tonnen Blei.

Und auch die radioaktiven Substanzen, die in der Asse landeten, waren keineswegs, wie oft behauptet, bloß harmlose Röntgenabfälle. Irgendwo im Salz ist Plutonium mit einer Halbwertszeit von 24.000 Jahren eingepökelt, vermutlich rund acht Kilo. Viele der rund 1300 mittelaktiven Fässer strahlten so stark, dass sie dicke Abschirmungen brauchten, damit die Arbeiter keine lebensgefährliche Dosis abbekamen. Auf Begleitlisten für Fässer aus Reaktoren in Karlsruhe und Jülich ist sogar von "Kernbrennstoffen" und "Brennelementen" die Rede. Sie wurden offenbar mit ande rem Material so vermischt, dass sie die Aufnahmebedingungen erfüllten. "Alle damals in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke haben hierher direkt oder indirekt angeliefert", sagt König, "wir wissen noch nicht, was im Einzelnen hier eingelagert worden ist."

Die Geschichte rekonstruieren

Wie Detektive durchforsten Spezialisten des Bundesamts jetzt alte Unterlagen, um die oft per Hand gekritzelten Angaben zu prüfen. 220 Aktenordner haben sie inzwischen vom Helmholtz-Zentrum München, dem vorherigen Betreiber, erhalten - wenn auch erst nach "langen, langen Diskussionen", wie König klagt. Damit wollen sie die Geschichte der Asse rekonstruieren - eine Geschichte, die von Anfang an voller Lügen und Leichtfertigkeit war.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum ausgerechnet das Bergwerk Asse als Endlager ausgwählt wurde.

Sie begann mit einem Schnäppchen. In den 60er Jahren suchte die Bundesrepublik für ihre aufstrebende Nuklearforschung und -industrie dringend Abfallflächen, gern auch im abgelegenen Zonenrandgebiet. Da schien es einer Projektgruppe Endlagerung aus Behördenvertretern fast wie ein Glücksfall, dass die Wintershall AG ihr ein altes, ausgedientes Kali-Bergwerk bei Wolfenbüttel 1964 zum Kauf anbot.

"Positiv zu werten ist vor allem der Preis, der von Herren der Wintershall gesprächsweise auf 600.000 DM beziffert wurde", hielt man in einer "Notiz" fest und freute sich über "Verhandlungsspielraum". Ein Jahr später war man sich einig, ab 1967 rollten die ersten Transporte Richtung Asse. Dabei wusste man schon damals, dass man ein ganz besonderes Feuchtgebiet erworben hatte und ein unkalkulierbares Risiko einging.

Denn das vor gut 100 Jahren eröffnete Bergwerk, aus dem neben Kali-Dünger das beliebte "Asse-Sonnensalz" gewonnen worden war, hatte immer schon mit Nässe zu kämpfen. Die Schächte I und III waren längst völlig "abgesoffen", wie Bergleute das nennen. Im Schacht II hatte es Risse mit Süßwasserzuflüssen gegeben, in den Sohlen darunter immer wieder "Laugensümpfe". "Heute fließen noch etwa 700 Liter/Tag in den nordwestlichen Teil des Grubengebäudes." All das steht in einer internen Studie von 1967. Mitunterzeichner: Professor Klaus Kühn.

Austretende Suppe

Den störte das alles nicht. Der Mann, der in der deutschen Atomgemeinde später zum "Endlagerpapst" aufsteigen sollte, sah die Gefährdung als "minimal" an, weil er die Laugen für lokal begrenzte Zuflüsse hielt. Als wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Tieflagerung der GSF trieb er das Projekt mit besonderem Ehrgeiz voran. Während Experten in aller Welt für die unterirdische Lagerung von Atommüll stabile geologische Barrieren und absolut trockenes Gestein verlangten, damit die Fässer nicht rosten, kippte man sie in der Asse teils auf durchfeuchteten Flächen vom Schaufellader, Bruchschäden inklusive: Austretende Suppe versickerte im körnigen Salzgrus, die Kammern wurden versiegelt und verfüllt.

"Auf eine Rückholbarkeit dieser Abfälle ist von vornherein bewusst verzichtet worden", erklärte Kühn 1976 in einer Publikation der Atomwirtschaft. Was den benachbarten Gemeinden immer nur als "Versuchseinlagerung" verkauft worden war, entwickelte sich so zum De-facto-Endlager - bloß dass dieses Endlager immer außerhalb des Atomrechts betrieben wurde. Keine Überraschung, dass man ab 1988 im Laugensumpf vor Kammer 12 radioaktive Nuklide fand.

Cäsium 137, Kobalt 60, Strontium 90, das besonders mobile Tritium - all diese strahlenden krebserregenden Stoffe waren offenbar aus korrodierten Behältern ausgetreten und mit der Feuchtigkeit aus der verschlossenen Kammer gekrochen. Über Jahre hinweg ließ man die verseuchten Flüssigkeiten einfach auf anderen Etagen versickern. Nicht mal die Männer, die damals Umgang mit der Brühe hatten, wussten um die Gefahren. "Kriminell, was man damals mit uns gemacht hat", sagt Eckbert Duranowitsch, der sich als "Fast-Todesfall" fühlt.

Alles nass

Dem stämmigen Mann in Jeans, 46, sieht man sein Martyrium nicht an, wenn er in seinem Wolfenbütteler Haus sitzt. Von 1987 bis 1990 war der Maschinenschlosser und Bautechniker in der Asse beschäftigt, mit Messinstrumenten, mit der Installation von Sonden, mit dem Anrühren von Spezialbeton. "Mit der Lauge da unten hatten wir ständig Kontakt, die Kleidung war öfter mal nass", sagt Duranowitsch, "zu einer Messstelle mussten wir sogar mit einem Boot über einen Laugensumpf fahren, weil man da sonst gar nicht hinkam."

Dabei trug Duranowitsch, der zum Institut für Tieflagerung des Professors Kühn gehörte, nach seiner Erinnerung nicht mal ein Dosimeter, Schutzkleidung sowieso nicht. Warnungen? Einweisung in Strahlenrisiken? "Unser Gruppenleiter sagte immer bloß: ,Kinder, was habt ihr denn? Auf dem Brocken ist die Strahlung höher als hier. In den Fässern ist doch bloß Krankenhausmüll vom Röntgen, die Strümpfe von Schwester Edelgard und die Handschuhe vom Doktor.‘" Ein paar Jahre später stand Duranowitsch selbst vor einem Doktor, der ihn fragte: "Hatten Sie Kontakt mit Radioaktivität?"

Nur die Transplantation von Stammzellen, von seinem Bruder gespendet, konnten Duranowitsch damals retten, nachdem er an Leukämie erkrankt war. Schwächeanfälle, Schüttelfröste, Zusammenbruch des Immunsystems, Chemotherapien - monatelang kämpfte der Techniker um sein Überleben. Der Tag der Transplantation wurde zu seinem "zweiten Geburtstag". "Diesen Untertyp der Leukämie", sagt der Hannoveraner Onkologe Professor Arnold Ganser, der ihn damals betreute, "kann man üblicherweise nach Strahlen sehen."

Krebserkrankungen

Duranowitsch ist nicht der Einzige aus seiner Arbeitsgruppe in der Asse, der an Krebs erkrankte. Hans-Peter Behnke, von 1988 bis 1992 in der Atomkippe beschäftigt, begann zehn Jahre später Blut zu spucken. Aus einer Stelle hinten im Rachen wurde ihm ein Karzinom operiert.

"Natürlich können wir nichts beweisen", sagt der 59-Jährige, "aber man macht sich so seine Gedanken. Schließlich haben wir die Luft da unten geatmet."

Duranowitsch will nun Strafanzeige erstatten, und die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat mehrere Vorermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet. Welchen Risiken die Beschäftigten wirklich ausgesetzt waren, will das Bundesamt für Strahlenschutz durch ein "Mitarbeitermonitoring" klären. Mindestens genauso dringlich ist allerdings die Frage, wann das Bergwerk zusammenfällt.

Bewegung im Bergwerk

Denn seit mindestens 20 Jahren strömt jetzt Wasser von oben hinein. Es zersetzt Decken und Pfeiler der Kammern, die beim Salzabbau bis auf fünf Meter an das Nebengebirge gefräst wurden. Das ganze unterirdische Hochhaus ächzt unter der Last der Gesteinsmassen, die von oben drücken. Wer auf der 637-Meter-Sohle vor einem deformierten Schachteingang steht, ahnt, welche Spannungen hier herrschen: Schwere T-Träger aus Metall sind verbeult, als hätte ein Riese Spielzeugschienen verbogen, die Betonstützen daneben zertrümmert. Die Südflanke des Bergwerks hat sich bereits sechs Meter bewegt.

Und keiner kann eine plötzliche Havarie ausschließen: Sollte sich das Gestein ruckartig verwerfen, sollten weitere Wasserklüfte aufreißen, könnte alles schon in naher Zukunft kollabieren. Dann bliebe nicht mal die Zeit bis zum Jahr 2020, die Leipziger Forscher - ohne zusätzliche Komplikationen - berechnet haben bis zur drohenden Implosion. Das Gewicht des nachstürzenden Deckgebirges könnte ein giftiges Nuklid-Gebräu in das Grundwasser pressen - für die Biosphäre ein GAU.

"Wir müssen Zeit kaufen", sagt Wolfram König. Mit Beton-Injektionen will er Firsträume in den Kammern füllen lassen, um diesen Störfall zu verhindern. Für die Herkulesaufgabe, die Asse zu sanieren, lässt er unter höchstem Druck von Gutachtern bis zum Sommer vor allem drei Optionen prüfen. Bloß wirken die wie die Wahl zwischen Pest, Cholera und Aids.

Ein Atomklo

Schon das Helmholtz-Zentrum hatte die kontrollierte Flutung des unterirdischen Labyrinths mit einem "Schutzfluid" vorgeschlagen, um einen Gegendruck aufzubauen - für Bürger vor Ort ein "Atomklo mit Spülung nach oben". Sie fürchten, dass auch die Schutzlösung Nuklide freisetzen und in die Höhe drücken kann.

Deshalb setzen Wissenschaftler aus Niedersachsen auf größere Tiefe: Noch unter dem bisherigen Bergwerk, 1100 Meter unter der Erde, wollen sie zwei neue Kavernen bohren. Dann sollen die Abfälle durch mannlose Maschinen ausgebuddelt und durch Schächte hinuntergeschmissen werden. Aber wie sicher das Salz dort unten ist, weiß noch niemand.

Die Alternative zur Umlagerung heißt Rückholung. Der radioaktive Dreck, der für mindestens eine Million Jahre sicher unter der Erde lagern sollte, müsste wieder an die Oberfläche geholt, neu verpackt und abtransportiert werden. 126 000 teils brüchige Fässer, die sich beim Ausgraben womöglich auflösen. 100 Güterzüge, die dann wohl zum 26 Kilometer entfernten Schacht Konrad rollen würden.

Kosten für den Steuerzahler

Das könnte nach ersten Schätzungen länger als 20 Jahre dauern und den Neubau einer riesigen Atompackstation über der Grube erfordern. Und mindestens zwei Milliarden Euro kosten. Kosten, die der Steuerzahler tragen muss.

Zwar stammen über 70 Prozent der Radioaktivität in der Asse aus Lieferungen kommerzieller Kernkraftwerke, wie Greenpeace-Experte Heinz Smital herausfand. Deswegen würde Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), in dessen Wahlkreis Wolfenbüttel liegt, die Energiewirtschaft gern an der Sanierung beteiligen. Aber die ließ ihn bisher abblitzen. Schließlich gehörte das "Versuchsendlager" der Bundesrepublik Deutschland, es war das Reich von Professor Klaus Kühn.

Der "Endlagerpapst", der bis über die Jahrtausendwende wissenschaftlicher Kopf des Projekts war und in Würdigung seiner besonderen Leistungen das Bundesverdienstkreuz erhielt, ist inzwischen emeritiert. Er kommt nicht mehr dazu, die Anlage wie geplant zu verschließen. 2001 hatte er noch verkündet, dass "die Asse im Jahre 2013 zur grünen Wiese zurückgebaut sein wird". Jetzt steht auf dem sanften Höhenzug zwischen Buchen und Wiesen ein riesiges gelbes A, aus Latten gezimmert, das Symbol der Bürgerinitiative "aufpASSEn".

A wie Achtung. Und A wie Albtraum.

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