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Auschwitz-Prozess beginnt mit dramatischem Appell

Mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hat in Detmold das Verfahren gegen einen früheren Auschwitz-Wachmann begonnen. Zum Prozessauftakt sprach ein Holocaust-Überlebender den Angeklagten direkt an.

Auschwitz-Überlebender Leon Schwarzbaum

Der Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum forderte zu Beginn des Prozesses in Detmold den Angeklagten auf, "uns die historische Wahrheit zu sagen".

71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz hat am Donnerstag vor dem Landgericht Detmold ein weiterer Prozess gegen einen mutmaßlichen früheren SS-Wachmann des Lagers begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 94-jährigen Reinhold H. Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen vor. Zum Auftakt des Verfahrens forderte ein Auschwitz-Überlebender als erster Zeuge in einem emotionalen Appell den Angeklagten zur Aussage auf.

"Herr H., wir sind fast gleich alt und wir stehen bald beide vor dem höchsten Richter. Ich möchte Sie auffordern, uns die historische Wahrheit zu sagen", sagte der ebenfalls 94-jährige Leon Schwarzbaum, nachdem er über seine furchtbaren Erlebnisse im deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz berichtet hatte. Dort wurden nach Angaben des Nebenklägers 35 seiner Verwandten von den Nazis ermordet. "Sprechen Sie an diesem Ort darüber, was Sie und ihre Kameraden getan oder erlebt haben", rief Schwarzbaum.

H. will zunächst Zeugenaussagen abwarten

Der Angeklagte äußerte sich am ersten Verhandlungstag nicht und verfolgte das Geschehen im Gerichtssaal ohne sichtbare Anteilnahme meist mit tief gesenktem Kopf. H. ist gesundheitlich angeschlagen und hatte nach Angaben der Verteidigung vor Kurzem einen Zusammenbruch erlitten. Laut einem gerichtlich bestellten ärztlichen Gutachter ist er verhandlungsfähig, allerdings für höchstens zwei Stunden pro Tag.

Angaben von H. zu den Vorwürfen seien "derzeit" nicht geplant, sagte dessen Verteidiger Johannes Salmer. "Wir wollen erst einmal die Zeugen hören und werden dann entscheiden, was wir tun."

Der Prozess, an dem 40 Auschwitz-Überlebende und Angehörige von Holocaust-Opfern aus dem In- und Ausland als Nebenkläger teilnehmen, wird am Freitag fortgesetzt. Angesetzt sind für das Verfahren zunächst zwölf Termine bis in den Mai.

Angeklagter soll Auschwitz-Morde "erleichtert" haben

Die Staatsanwaltschaft wirft H. vor, als Mitglied des sogenannten SS-Totenkopfsturmbanns Auschwitz zur Wachmannschaft des Lagerkomplexes gehört zu haben und so den Massenmord an Häftlingen und deportierten Juden während des Holocausts unterstützt zu haben. Die Vorwürfe gegen H. beziehen sich auf die Jahre 1943 und 1944.

Zwischen 1940 und 1945 hatte das Nazi-Regime in dem Lager im damals von Deutschland besetzten Polen schätzungsweise 1,1 Millionen Menschen ermorden lassen. Etwa eine Million der Getöteten waren Juden. Die Verschleppten wurden oft gleich nach ihrer Ankunft in den Gaskammern erstickt, andere wurden massenhaft erschossen oder starben an den unmenschlichen Bedingungen.

"Dem Angeklagten waren sämtliche Tötungsmethoden bekannt", sagte Oberstaatsanwalt Andreas Brendel bei Verlesung der Anklage. H. habe die Morde durch seinen Dienst "gefördert oder zumindest erleichtert".

Neue Rechtsauslegung erleichtert Verurteilungen

In Deutschland laufen dieses Jahr noch mindestens zwei weitere Verfahren gegen mutmaßliche Auschwitz-Bedienstete an. Vor rund einem halbem Jahr hatte das Lüneburger Landgericht den SS-Buchhalter Oskar Gröning für seine Tätigkeit in dem Lager wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt.

Hintergrund ist eine veränderte Rechtsauslegung durch Gerichte, die die Chancen auf Verurteilungen erhöht. Von den 6500 in Auschwitz eingesetzten SS-Mitgliedern wurden in der Bundesrepublik Juristen zufolge bislang etwa 50 rechtskräftig verurteilt.

mad/Sebastian Bronst, AFP
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