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Der Mann, den der "Cop-Killer" laufen ließ

Die Verfolgungsjagd auf Christopher Dorner ist beendet. Für einen Tag rückt ein Mann ins Rampenlicht, der dem Ex-Polizisten begegnete. Rick Heltebrake ahnte, dass er nicht sterben würde.

Von Thomas Schmoll

  Stand nicht auf Dorners Agenda: Rick Heltebrake mit seiner Dalmatinerhündin Suni.

Stand nicht auf Dorners Agenda: Rick Heltebrake mit seiner Dalmatinerhündin Suni.

  • Thomas Schmoll

Jetzt, wo alles vorbei ist, ist Rick Heltebrake eine Sensation und - wenn auch nur für wenige Stunden - ein gefragter Mann. Immer und immer wieder beantwortet er dieselben Fragen. Reporter von TV-Sendern, Zeitungen und Agenturen wollen wissen, wie es war, als er dem Mann gegenüber stand, den Amerika eine Woche lang jagte, ob er ihn erkannte und wie er davonkam.

Heltebrake, 61 Jahre alt, erzählt es in aller Seelenruhe, ohne sich als Helden darzustellen, der dem Ungeheuer ins Auge sah oder gar die Stirn bot. "Er sagte mir, was ich tun soll und ich habe es getan", berichtete er und rückte auch ein Stück weit das in der Öffentlichkeit gezeichnete Bild vom komplett irren Verbrecher zurecht, der auf alles schießt, was sich bewegt. "Er hatte keine weit aufgerissenen Augen und war nicht verrückt."

Erst Justiz, dann Selbstjustiz

Christopher Dorner, der mutmaßliche "Killer-Cop", war auf einem Rachefeldzug gegen Polizisten und deren Verwandte. Er fühlte sich zu Unrecht aus dem Polizeidienst rausgeworfen, machte Rassismus dafür verantwortlich. Seine juristischen Bemühungen, sich in den früheren Job einzuklagen, scheiterten.

Dorner resignierte und zog voller Hass in einen "unkonventionellen und asymmetrischen Krieg", wie er es in seinem Manifest formulierte. Darin schrieb er: "Selbsterhaltung ist nicht mehr wichtig für mich. Ich fürchte den Tod nicht, da ich schon vor langer Zeit gestorben bin."

Vier Menschen soll er ermordet haben. Einen Polizisten, die Tochter eines Ex-Kollegen und deren Freund sowie einen Hilfssheriff. Andere, die er in seiner Gewalt hatte, ließ Dorner laufen, obwohl sie für ihn zur Gefahr wurden, weil er ahnen konnte und eigentlich musste, dass sie die Polizei informieren werden.

Dazu zählt ein Ehepaar (anfangs war von zwei Haushälterinnen die Rede - die Red.) in Big Bear, das auf Dorner stieß, als es in seine Wohnung zurückkehrte, in dem sich der Gesuchte - ein paar Hundert Meter entfernt vom Einsatzhauptquartier der Polizei - versteckt hielt. Dorner fesselte Jim and Karen Reynolds und stahl ihren Nissan. Aber er ließ sie am Leben. "Er versuchte, uns zu beruhigen und sagte immer wieder, er werde uns nicht töten", sagte Karen Reynolds laut "USA Today".

Und dazu zählt Rick Heltebrake. Auch er war, so lässt es sich aus seinen Schilderungen erahnen, nicht in akuter Lebensgefahr, als er dem schwerbewaffneten Dorner begegnete. "Ich hatte nie das Gefühl, dass er mir wehtun wollte", sagte der 61-Jährige in all den Interviews, die er Stunden nach der Begegnung im Wald des Big-Bear-Gebiets gab.

Der "Los Angeles Times" erzählte Heltebrake, wie er die Lage wahrgenommen hat. "Es war klar, ich war nicht Teil seiner Agenda. Und es waren noch andere Leute auf der Straße, die Teil seiner Agenda waren. Unglücklicherweise fand er sie. Und nun haben wir einen Hilfssheriff weniger in San Bernardino."

Christopher Dorner sofort erkannt

Heltebrake wohnt in Angelus Oaks. Von dort ist es eine Dreiviertelstunde mit dem Auto nach Big Bear über den Highway 38. Er ist Ranger bei den Pfadfindern und kennt sich in der Gegend gut aus.

Nach einem Essen im Oak Restaurent bricht er - seine Dalmatiner-Hündin Suni im Schlepptau - in seinem Pickup zur Arbeit auf. Er will in einem Camp der Pfadfinder, das er betreut, nach dem Rechten sehen. Es liegt im Wald. Er begegnet einem Fahrzeug mit zwei Forstmitarbeitern und einem weiteren mit zwei Hilfssheriffs.

"Sie waren nicht in der Stimmung zu reden", beschreibt er später seinen Eindruck von den Insassen. Er fährt zu dem Camp, prüft die Lage und kehrt um. Plötzlich sieht er eine Person im Schnee stapfen, nicht weit davon entfernt ein verunglücktes Auto. Es ist der gestohlene Nissan der zwei Frauen. Als Heltebrake die Szene im Sender CBS erläutert, möchte die Moderatorin wissen: "Haben Sie Dorner gleich erkannt?" Heltebrake bejaht. "Es war Christopher Dorner."

Die Hundeleine bleibt, wo sie ist

Nach den Erinnerungen des Mannes hat der eine Woche lang als "Cop-Killer" Gesuchte ein Gewehr bei sich. Er trägt einen Tarnanzug und eine schusssichere Weste, in der er Munition verstaut hat. Dorner springt vor seinen Truck und richtet die Waffe auf ihn.

Die CBS-Moderatorin möchte wissen, ob er ruhig, in Panik oder wütend war in jenem Augenblick. "Er war ruhig", sagt Heltebrake. Der mutmaßliche Mörder von vier Menschen sagt demzufolge: "Ich will Sie nicht verletzten. Steig einfach aus, lauf die Straße runter und nimm deinen Hund mit." Heltebrake verlässt mit erhobenen Händen seinen Wagen. Laut "Los Angeles Times" fragt er noch: "Kann ich ihre Leine mitnehmen?" Das möchte Dorner nicht. Er antwortet: "Nein, setz dich in Bewegung."

"Jemand schuldet mir eine Million Dollar"

Den Berichten Heltebrakes zufolge fallen "zehn Sekunden später" Schüsse. Er rennt los, es geht durch Schnee, versteckt sich mit Suni hinter einem Baum und informiert über einen Freund die Polizei. Dorner flieht in Heltebrakes Dodge, wird aber bald von den Fahrzeugen der Hilfssheriffs und des Forstbetriebes gestellt. Es beginnt die Schießerei, die mit dem Niederbrennen der Holzhütte endet, in der sich der mutmaßliche "Killer-Cop" zuletzt verschanzte und in der er vermutlich starb.

"Ich bin froh, dass er mich laufen ließ und ich meinen Hund mitnehmen konnte", berichtet Heltebrake. Ein Reporter fragt ihn, ob ihm jemand ein neues Fahrzueg schuldet. "Jemand schuldet mir eine Million Dollar."

Heltebrake meint damit die Belohnung, die für Hinweise zur Ergreifung Dorners ausgesetzt worden war. "Es war mein Aufruf, der die Sicherheitskräfte zu ihm führte." Dann fallen ihm die zwei Einwohner von Big Bear ein, die genauso viel Glück hatten wie er. Im Glauben, es handele sich um die in der Presse genannten Haushälterinnen, sagt Heltebrake: "Ich weiß, es gab zwei andere Frauen, die (an der Ergreifung des Täters - die Red.) beteiligt waren. Und ich habe nichts dagegen, durch drei zu teilen."

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