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Ein Horror-Mord, der keiner war

Ein Landwirt verschwindet spurlos. Seine Familie gesteht, ihn getötet, zerstückelt und den Hunden und Schweinen zum Fraß vorgeworfen zu haben. Der bizarre Fall muss jetzt neu aufgerollt werden. Denn nach dem Prozess tauchte die unversehrte Leiche des Mannes auf.

Einer der bizarrsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre wird seit Mittwoch vor dem Landsgericht Landshut neu aufgerollt. Es geht um den Tod eines Bauern, der nach einem früheren Urteil von Familienangehörigen getötet und den Hunden zum Fraß vorgeworfen worden sein soll. Doch nach dem ersten Prozess wurde die Leiche des Mannes gefunden, woraufhin das damalige Urteil aufgehoben werden musste.

Der 52-jährige Landwirt war im Herbst 2001 spurlos verschwunden, im vergangenen Jahr wurde dann sein Leichnam in seinem Auto in der Donau gefunden. Zuvor hatte das Landgericht Ingolstadt 2005 die Bäuerin und den Ex-Freund wegen Totschlags zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt, die beiden Töchter erhielten wegen Beihilfe durch Unterlassen zweieinhalb und dreieinhalb Jahre. Das Gericht war zu dem Schluss gekommen, dass die vier den Bauern erschlagen, zerstückelt und danach an die Hunde und Schweine auf dem Hof verfüttert hätten.

Alte Anklage erneut verlesen

Zu Beginn des neuen Prozesses vor dem Landgericht Landshut verlas Staatsanwalt Ralph Reiter die alte, inzwischen nachweisbar als falsch anzusehende Anklage der Staatsanwaltschaft Ingolstadt. "Aus formaljuristischen Gründen", wie der Vorsitzende Richter Theo Ziegler zu Beginn des ersten Verhandlungstages betonte. Staatsanwalt Reiter erledigt diese Aufgabe mit sichtlichem Unwohlsein. Denn detailfreudig wird in den Unterlagen geschildert, wie die Familie dem betrunkenen Bauern in der Nacht zum 13. Oktober 2001 angeblich aufgelauert habe, wie man den Mann mit einem Holzprügel erschlagen, die Leiche zerteilt und an die fünf Hofhunde verfüttert habe. Dass die Familie außerdem den Kopf der Leiche ausgekocht und die übriggebliebenen Knochen im Misthaufen verscharrt habe. Schließlich sei auch noch der Wagen des Opfers bei einem Schrotthändler entsorgt worden. Richter, Verteidiger, Angeklagte und zwei Dutzend Prozessberichterstatter, die aus der ganzen Bundesrepublik nach Landshut angereist sind, vernehmen die Ausführungen. Viele Zuhörer im Publikum schütteln den Kopf. Alle im Saal wissen: An dieser Gruselgeschichte ist kein einziges Wort wahr.

Im Anschluss ließen die Angeklagten durch ihre Verteidiger erklären, keine Angaben zu den Vorwürfen gegen sie zu machen. Das Gericht will nun am Donnerstag mit der Vernehmung der ersten Zeugen in die Beweisaufnahme einsteigen.

"Die Polizei wollte ein Geständnis"

Grundlage für die falsche Anklage und das spätere Urteil war vor allem das Geständnis des Ex-Freundes. Nach Auffassung der Verteidiger soll das später widerrufene Geständnis unter dem massiven Druck der polizeilichen Vernehmungen zustande gekommen sein. Die vier Angeklagten sind intellektuell stark eingeschränkt und waren deshalb nach Darstellung der Verteidigung nicht in der Lage, den Vernehmungen lange stand zu halten. Rechtsanwalt Klaus Wittmann, der die Mutter vor Gericht vertritt, übt am Rande der Verhandlung scharfe Kritik an den Ermittlungsbehörden: "Die Polizei wollte ein Geständnis, und sie hat eines bekommen." Die Ermittler hätten die vagen Aussagen der Angeklagten "abgenickt", ohne sie auf Stichhaltigkeit zu überprüfen.

Verurteilte sind wieder auf freiem Fuß

Alle vier Verurteilten wurden inzwischen aus dem Gefängnis entlassen. Wie die Verteidiger sagten, wollen sie im Nachhinein in dem bis Februar angesetzten Prozess Freisprüche erreichen. Sollten sie erfolgreich sein, wollen die vier auf Schadensersatz klagen. Sie hätten bei einem Erfolg Anspruch auf 25 Euro für jeden in der Haft verbrachten Tag.

Wie Regina Rick, die Anwältin der ältesten Tochter, am Rande des Prozesses sagte, wollen die Verteidiger einen Befangenheitsantrag gegen die zuständige Kammer des Landgerichts Landshut prüfen. Bereits vor Beginn des neuen Verfahrens hatte Rick einen solchen Antrag gestellt. Den später abgewiesenen Antrag begründete sie damit, dass die Kammer trotz des Leichenfunds eine Wiederaufnahme abgelehnt hatte, weil sie starke Hinweise für die Schuld der vier sah. Erst das Oberlandesgericht München setzte die Wiederaufnahme durch.

Staatsanwalt Reiter sagte am Rande des Prozesses, es gebe nach wie vor den dringenden Verdacht, dass das Quartett am Tod des 52-Jährigen schuldig sei. So habe es auch in den ersten Geständnissen Aussagen gegeben, dass der Bauer in seinem Auto in der Donau versenkt worden sei. Reiter räumte ein, dass die Anklage nun aber mit Hilfe der Beweise nachweisen müsse, dass der Landwirt getötet wurde, bevor er mit seinem Auto in die Donau rollte. Wenn dies nicht plausibel gelinge, sehe es für die Anklage schlecht aus. Für den Indizienprozess sind bis zum Februar 33 Verhandlungstage angesetzt.

swd/AFP/DAPD
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